Portraitfotografie Johannes Mueller Traces of Hope

Portraitfotografie: Lernen von den Profis

Creative - 12. Aug 20

Portraitfotografie ist die Königsdisziplin in der Fotografie. Der Faktor "Mensch" ist unberechenbar  doch gerade die Bilder von Menschen sind es, die bei uns Betrachtern am meisten hängenbleiben. In unserer Mini-Blogserie "Portraitfotos – Lernen von den Profis" geben uns zwei Experten auf diesem Gebiet ganz persönliche Einblicke in ihre Arbeit und teilen ihre Erfahrung mit allen, die sich an dieser Kunst ausprobieren wollen. 

Den Auftakt macht Johannes Müller. Eigentlich ist er Kommunikationschef bei der BSH Hausgeräte GmbH. Doch viele kennen ihn inzwischen auch als engagierten Fotografen, weil er seit 2010 immer wieder mit seiner Kamera in Konfliktgebiete reist und die Menschen vor Ort portraitiert. Mit seinem Langzeitprojekt "Traces of Hope" will der Münchner den Krisen im wahrsten Sinn des Wortes ein hoffnungsvolles Gesicht geben. Johannes Müller ist dieses Jahr erstmals in der Jury unseres PR-Bild Awards. Im Gespräch erzählt er uns, auf was es ihm bei seiner Portraitfotografie ankommt und wie er vorgeht, wenn er Kinder fotografiert und was er Anfängern in punkto Technik und Ausrüstung empfiehlt.

Johannes Müller Portraitfotografie news aktuell Blog
Johannes Müller, freiberuflicher Fotograf in Konfliktgebieten. 

news aktuell: Welchen Stellenwert hat Portraitfotografie für dich?

Müller: Portraitfotografie – im weiteren Sinne – ist ca. 75 Prozent meiner Arbeit. Meine Langzeitdokumentation „Traces of Hope“, an der ich über die letzten zehn Jahre in Afghanistan, Irak, Kurdistan, dem Libanon und Mali gearbeitet habe, wäre ohne einen signifikanten Anteil an Portraits von Menschen aus diesen Ländern nicht denkbar.

news aktuell: Was willst du mit deinen Portraits vermitteln bzw. welche Ziele verfolgst du mit deinen Portraitfotos? 

Müller: Ich will dem Konflikt, dem Krieg und der Krise im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht geben. Dazu einladen hinzuschauen, was Krieg mit Menschen macht. Hier habe ich mehr und mehr das Gefühl, dass wir lieber ÜBER Flüchtlinge aus der Region reden als MIT ihnen zu sprechen. Portraits helfen dabei, den menschlichen Aspekt in den Vordergrund zurückzuholen. Wo er hingehört. Die Gesichter, die ich zeige, sind dabei nicht immer negativ, traurig oder schockierend. Im Gegenteil, ich versuche zu zeigen, dass es auch in diesen Gebieten von Tod und Zerstörung Zeichen von Hoffnung gibt. Denn wenn wir nicht mehr an ein gutes Ende glaubten… warum sollten wir weitermachen?

Malischer Junge beim Workout, Bamako, Mali, 2017. Foto: Johannes Müller
Auf der Suche nach Spuren der Hoffnung inmitten von Leid und Krise: Malischer Junge beim Workout, Bamako, Mali, 2017. Foto: Johannes Müller

news aktuell: Welche Portraitfotografen haben dich am meisten inspiriert? 

Müller: James Nachtwey. Warum? Muss man anschauen, dann ist es offensichtlich

news aktuell: Wie würdest du deine persönliche Handschrift in deiner Fotografie beschreiben?

Müller: Ich versuche, und da würde ich nicht über Handschrift sprechen, sehr nah dran zu sein, den Kontext einzufangen. In der Praxis bedeutet das also eher weitwinklig.

news aktuell: Kinder spielen eine große Rolle in deiner fotografischen Arbeit. Sind sie nicht besonders schwierige "Objekte" für die Portraitfotografie?

Müller: Oft gehe ich einfach nur in die Nähe einer Gruppe von Kindern, setze mich auf den Boden und beobachte, wie sie Fußball oder sonst was spielen. Eher früher als später kommen sie ohnehin zu mir, neugierig wie sie nun mal sind. Weil ich auf dem Boden sitze, nehmen sie mich – trotz meiner 1,90 Meter und all dem technischen Krimskrams wie Kamera und Objektiven – nicht als Bedrohung wahr. Dann schaue ich auf das Display meiner Kamera und flippe durch die Bilder. Ab diesem Moment dauert es maximal 30 Sekunden. Spätestens nach einer halben Minute sammelt sich eine Traube von kichernden Knirpsen um mich und schaut mit mir Bilder an. Dann, und erst dann, fange ich an zu fotografieren. Und manchmal fotografiere ich überhaupt nicht, dann ist mir der Moment mit den Kids einfach wichtiger. Auch dabei entstehen Bilder. Die trage ich dann im Herzen, nicht auf einer Festplatte.

Auf dem Bazar in Sharana, Afghanistan, 2012. Foto: Johannes Müller
Die Augen der Kinder zeigen, was der Krieg mit ihnen macht. Aber ihr Lachen haben sie nicht verloren. Auf dem Bazar in Sharana, Afghanistan, 2012. Foto: Johannes Müller

news aktuell: Du hast ja schon sehr viele Menschen portraitiert – auch und insbesondere in Konfliktgebieten. Erinnerst du dich an eine Situation, die dich besonders herausgefordert hat? 

Müller: Als ich Kinder fotografiert habe, die lastwagenweise aus den Gefechtsgebieten der Schlacht um Mossul herausgebracht wurden, war das so schrecklich, so furchtbar, dass ich irgendwann nicht mehr fotografieren wollte. Nicht mehr konnte. Alle waren panisch, die meisten krank, viele verletzt und einige tot. Das macht was mit dir, ich wollte einfach nicht mehr auslösen. Stattdessen beobachtete ich die Arbeit der freiwilligen Helfer in den Auffanglagern, wie sie schweigend und unermüdlich ihre Arbeit verrichteten. Alles gaben, obwohl sie selbst nichts mehr hatten. Da verstand ich, was echte Hingabe bedeutet. Barmherzigkeit, Menschlichkeit. In ihrer reinsten Form.

news aktuell: Menschen zu fotografieren bedarf sehr viel Einfühlungsvermögen. Gerade, wenn es Menschen sind, die nicht schon oft vor der Kamera standen, denn bei ihnen besteht die Gefahr, dass sie vor der Linse angespannt sind und verkrampfen. Was sind deine persönlichen "Techniken", um die Menschen so wie du sie gerne hättest, vor die Kamera zu bekommen? Hast du konkrete "Ice-Breaker"-Methoden, die du unseren Lesern empfehlen kannst?

Müller: Das ist eine wichtige und gute Frage und, wenn ich darf, dann würde ich gern aus meinem Buch „Bilder im Kopf“ zitieren, dass kommendes Jahr erscheinen wird (grinst). Ich habe früh gelernt, dass genügend Zeit für scheinbar belanglose Dinge wie Teetrinken oder Plaudern das wichtigste Mittel ist, um sich Menschen insbesondere in Krisengebieten zu nähern. Man kann nicht einfach hin, Fotos machen und Fragen stellen. Fragen nach Verlust, Angst, dem Tod. Das ist respektlos, empathielos und unanständig. Außerdem führt das niemals zu einem guten Austausch. Geschweige denn zu guten Fotos. Diese Menschen sind skeptisch, verstört und in vielen Fällen hochgradig traumatisiert.

news aktuell: Um Anfänger an Portraitfotografie heranzuführen, sollten wir ein paar technische und handwerkliche Aspekte näher beleuchten. Welche Kamera-Ausrüstung würdest du Anfängern empfehlen?

Müller: Puh, ich habe ehrlich keine Ahnung, was ich da empfehlen sollte. Ich selbst habe eine Nikon D5, eine Nikon Z6 und eine Leica QP. Wichtig sind insbesondere die Linsen. Set-Objektive im Special Deal sind selten gut. Lieber weniger Zoom (oder gar keinen) und dafür hohe Lichtstärke. Denn selbst wenn die meisten Digitalkameras zwischenzeitlich mehr ISO – also Lichtempfindlichkeit – haben als ein Nachtsichtgerät, rauscht es halt genau dann, wenn man es wirklich nicht brauchen kann. Also an den Objektiven würde ich niemals sparen. Allerdings weiß ich auch, dass ich das mit dem Knipsen noch eine Weile machen werde… Wäre ich Anfänger und unsicher, ob ich überhaupt dabei bleiben will, dann würde ich es dennoch tun – denn für gutes Gebrauchtmaterial gibt es immer einen Käufer.

Kurdischer Peschmerga im Krieg gegen den IS, Gefechtslinie bei Makhmour, Nordirak, 2016. Foto: Johannes Müller
Licht und Schatten. Spannende Portraitfotografie lebt vom Kontrast: Kurdischer Peschmerga im Krieg gegen den IS, Gefechtslinie bei Makhmour, Nordirak, 2016. Foto: Johannes Müller

news aktuell: Was sollte man in puncto Beleuchtung beachten? 

Müller: Das ist bei mir leider nie so einfach. Natürlich nehme ich mir vorab Zeiten vor, in denen ich idealerweise an einem interessanten Ort bin, sodass ich beispielsweise die Morgen- und Abenddämmerung mitnehmen kann. Das sind in der Theorie die besseren Lichtverhältnisse fürs Fotografieren. Aber das ist die Theorie. Nun ist da, wo ich fotografiere, aber Krieg, und wenn du eine Stunde an einem Checkpoint festhängst, vor dir ein Dorf bombardiert wird oder, was gern mal vorkommt, sich der Fahrer in den Wirrungen der zerstörten Infrastruktur komplett verfranst, dann musst du halt nehmen, was du kriegen kannst. Auch wenn das 14 Uhr mittags in der prallen Sonne ist. Da hast du ein sehr hartes Licht, was sehr ungünstig fürs Fotografieren ist. Dann rettest du möglicherweise noch ein bisschen was mit einem potenten Blitz zum Aufhellen des Gesichts, aber selbst das geht nicht immer. An der Front würdest du dem Gegner damit nämlich einen sehr guten Anhaltspunkt geben, wo man sich aufhält.

Soldat der US Army, Paktika Provinz, Afghanistan, 2012. Foto: Johannes Müller
Das Portrait in eine Geschichte einbetten. Johannes Müller arbeitet gerne mit kürzeren Brennweiten. Soldat der US Army, Paktika Provinz, Afghanistan, 2012. Foto: Johannes Müller

news aktuell: Oft empfiehlt man Anfängern bei der Auswahl ihres Bildausschnittes die sogenannte Zwei-Drittel-Regel bzw. den "goldenen Schnitt": Damit ist gemeint, das Motiv eines Bildes nicht ins Zentrum zu stellen, denn das wirkt oft statischer und langweiliger. Interessanter und dynamischer ist es, so die besagte Regel, den Ausschnitt in einen großen (2/3) und einen kleinen Abschnitt (1/3) zu unterteilen und das Motiv in den kleineren Abschnitt zu platzieren. Was hältst du davon?

Müller: Ein guter Anfang. Allerdings ermuntere ich auch immer wieder junge Fotografen dazu, diese Regeln aktiv außer Kraft zu setzen, um eben nicht immer die „offensichtlichen“ Bilder zu machen – sondern mit dem Kontext zu spielen. Da kommt immer wieder krass gutes Zeug bei rum.

news aktuell: Mit welchen Brennweiten arbeitest du am liebsten?

Müller: Ich persönlich bin eher der weitwinklige Typ. Selbst Portraits schieße ich meistens mit 28mm oder 35mm Brennweite, weil ich es irgendwie spannender finde, das Portrait in eine kleine Geschichte einzubetten, die ich mit einer 50mm Brennweite nicht mehr hätte. Aber das ist Geschmackssache. Manchmal kann ich nicht so nah ran, wie ich will, dann muss ich telliger werden. Auch hier gilt: Probieren, testen, mit der Komposition spielen.

Malischer Infanterist bei Gefechtsübung, Kayes, Mali, 2017. Foto: Johannes Müller
Mit dem Kontext spielen: In der Portraitfotografie kann auch der Hintergrund entscheidend zur Geschichte des Bildes beitragen. Malischer Infanterist bei Gefechtsübung, Kayes, Mali, 2017. Foto: Johannes Müller

news aktuell: Die digitale Fotografie bietet unzählige Möglichkeiten zur Nachbearbeitung. Welche "Verbesserungen" sind deiner Meinung nach sinnvoll, was geht für dich gar nicht?

Müller: Bilder in Adobe Lightroom zu bearbeiten ist für mich prinzipiell in Ordnung, wenn es im Rahmen bleibt. Was gar nicht geht ist aktive Retusche in Photoshop, um Elemente zu ändern oder zu entfernen. Aber diese Regeln sind nur meine eigenen, da das insbesondere in der Dokumentationsfotografie ein No-Go ist. Würde ich Fashion oder sowas machen, sähe ich das vermutlich anders. Davon habe ich aber keine Ahnung.

Interview: Beatrix Ta

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