Zeit für Liebe

Work Life - 05. Feb 20

Nie war eine Gesellschaft so frei in ihren Vorgaben, wen man lieben darf und mit wem man wie sein Leben teilt. Einer unserer wesentlichen Motoren ist die romantische Liebe. Doch kaum etwas ist so schön und fehleranfällig wie sie. Auch oder gerade in unserem digitalen Zeitalter. news aktuell-Gastautor Jörg Bernardy über die Liebe als Dauerbrenner zwischen Gefühl und Fähigkeit. 

Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Martina Klein

Schon der römische Dichter Lukrez hat das Verliebtsein vor über 2.000 Jahren als einen Krankheitszustand beschrieben, der an Wahnsinn grenze. Wer schon einmal richtigen Liebeskummer hatte, weiß Bescheid. Das Dilemma der romantischen Liebe beginnt damit, dass wir einer Fokussierungsillusion erliegen: Wir konzentrieren uns auf die positiven Seiten und auf die Erwartung, sich gegenseitig glücklich zu machen. Umso größer die Überraschung, wenn wir mit den schwierigen und weniger schönen Seiten konfrontiert werden.

Liebe soll heute alles auf einmal erfüllen: wilde Leidenschaft, emotionale Stabilität, Liebe auf den ersten Blick, gegenseitiges Verständnis, Augenhöhe, ein befriedigendes Sexualleben und dauerhaftes Glück. Selbst dann, wenn beide berufstätig sind, wenn man Kinder hat und Alltagsroutinen einen fest im Griff haben. Tatsächlich legen Studien nahe, dass die Zufriedenheit von Paaren in arrangierten Ehen im Schnitt sogar höher ist als die frei gewählte Liebe, von der mittlerweile mindestens jede dritte geschieden wird. Das ist kein Argument für die arrangierte Ehe, sondern eine Herausforderung für das heutige Freiheits- und Liebesideal.

Die schlechte Nachricht: Den einen perfekten Partner gibt es leider nicht. Momente der Einsamkeit und des Nichtverstehens sind normal. Und vermutlich jeder Partner wird auf eine gewisse Weise schwierig sein. Die gute Nachricht: Kaum etwas fördert die persönliche und emotionale Entwicklung so sehr wie intime Beziehungen. Besonders großes Potenzial liegt daher gerade in den Schwachstellen und Konflikten. Letztlich geht es um die Frage, ob Liebe ein Gefühl ist oder eine Fähigkeit. Statt nur zu denken „Mit diesem Menschen werde ich die beste Zeit meines Lebens haben“, sollte man sich ebenso fragen: Mit welchen schwierigen Seiten wird mich mein Partner in den kommenden Jahren zur Weißglut bringen? Und mit welchen schwierigen Seiten werde ich meinen Partner in den Wahnsinn treiben?

Neugierig geworden? Mehr zum Thema Liebe gibt es mit Jörg Bernardy und dem „Kirchendude“ Hanno Rother live im #Sucola20

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der SuCoLa-Sonderausgabe von treibstoff. Wir freuen uns über Ihr Feedback zu unserem Magazin unter sucola@newsaktuell.de. Laden Sie sich gleich die aktuelle Print-Ausgabe herunter!

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