Warum sollten wir die Maschine schlagen?

Warum sollten wir die Maschine schlagen?

Trends - 12. Feb 20

Ich gehöre zu den Menschen, die zwar oft nach Google Maps navigieren, unterwegs aber die Route anzweifeln, weil sie mehr auf Ortskenntnis und Bauchgefühl hören. Ich gerate deshalb regelmäßig vom Weg ab. Oder in einen Stau. Ich will am Steuer bleiben, der Maschine bloß keinen Raum abtreten. Die Künstliche Intelligenz muss sich erst noch beweisen, Vertrauen erarbeiten. Von Nico Kunkel 

Nico Kunkel, freier Medienjournalist, Gründer PR-Nachwuchsinitiative #30u30
Nico Kunkel, freier Medienjournalist, Gründer PR-Nachwuchsinitiative #30u30. Foto: Kati Jurischka

In der Kommunikationsbranche lässt sich das auch gut beobachten: Alle reden über KI, die Revolution steht noch aus. Beat the Machine heißt das Motto des #SuCoLa20, der Veranstaltung, die den Anlass zu diesem Text gibt. Wie schlagen wir (Menschen) die Maschine, die KI, den Algorithmus, der so einen schlechten Ruf hat? Und: Warum wollen wir das überhaupt?

Als etwa der Bagger erfunden wurde, wie dachten die Schaufler darüber? Haben sie den Bagger direkt als Werkzeug empfunden, das ihre Arbeit erleichtert – oder erst ermöglicht? Oder haben sie ihn als Angstgegner gesehen, als Fressfeind, der ihren Job vernichtet? Das Bild mag schief sein. Trotzdem: So ähnlich verhält es sich mit der Künstlichen Intelligenz. Ob wir sie als Wettbewerber oder als Werkzeug betrachten, ist eine Frage der persönlichen Haltung. Die Konsequenz ist doch: Wenn es keine Schaufler mehr braucht, wie werde ich schnellstens zum Baggerführer? 

Aber auch mir macht das Angst. Könnte KI meinen Job besser machen als ich und würde sie in diesem Moment einen stärkeren Text schreiben? Vermutlich wäre er zumindest längst im Kasten. Als Netzwerker beschäftige ich mich hauptberuflich mit Menschen und Persönlichkeiten, fördere und verbinde kluge Köpfe, damit sie ihre Ziele erreichen, indem sie voneinander lernen. Intelligente (analoge!) Netzwerke sind für mich eine Form, Wissen zu bündeln, zu organisieren und für die Zukunft zugänglich zu machen, noch bevor ich konkret weiß, dass ich es brauchen werde.

Würde die KI da einen besseren Job machen, bessere Netzwerke schmieden als ich, weil sie bessere Verknüpfungen liefert und den künftigen Wissensbedarf besser antizipiert? Ich habe immer wieder mit Menschen zu tun, die das glauben und frage  mich dann: Was heißt besser? Und woran messen wir das?

Angeblich errechnet LinkedIn relativ präzise, wann ihre Mitglieder mit einem Arbeitgeberwechsel liebäugeln und spielen passende Optionen ein. Online-Dating-Plattformen stiften die nachhaltigeren Ehen und Alexa erkennt erste Anzeichen für Krankheiten an der Stimme oder am Schrittmuster des Benutzers. Machine Learning und Quantum Computing revolutionieren Wissenschaft, Medizin und die Finanzmärkte. In Schweden lösen Chips unter der Haut (auf Arbeitgeberkosten) kein Wow mehr aus, erste Cyborgs sind inzwischen erwartbare Speaker auf Digital-Konferenzen. Und aus Sicht der KI sind wir damit als Benutzer nicht einmal mehr die Rechtfertigung für ihre Existenz, sondern wir sind vor allem die Datenquelle, aus der sich ihre Schläue speist.

Maschinen helfen uns bessere Entscheidungen zu treffen und befreien uns von lästigen Routinen. Die Wahrheit ist aber: Wir können sie nicht schlagen. Warum also sollten wir das überhaupt versuchen? Jack Ma, Gründer von Alibaba, bekannte bereits vor zwei Jahren auf dem World Economic Forum sinngemäß: Lasst Kinder spielen. Wir sollten sie nicht das Programmieren lehren, sondern sie in Kreativität schulen. Maschinen programmierten sich in absehbarer Zeit nämlich selbst. Also, und das gilt insbesondere auch für PR-Menschen: Kritisches Denken bewahren, Mut zu Originalität und Individualität fördern, Kreativität ausleben, Empathie zulassen, unberechenbar bleiben, Improvisation schätzen. Es sind die komparativen Vorteile des Menschen gegenüber der Maschine. Noch.

Im Mai war ich in Porto. Ich ließ mich treiben. Und landete abends in einer Bar, auf deren Spur mich Google Map vermutlich nicht geführt hätte. Als ich die Bar verließ, war es nötig, dass Google mir den kürzesten Weg nach Hause wies. Ich finde, wir sind ein gutes Team, die Maschine und ich.

Neugierig geworden? Mehr zum Thema Künstliche Intelligenz und menschliche Intuition gibt es mit Nico Kunkel, Danny Schwarze und Philip Müller live im #Sucola20

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der SuCoLa-Sonderausgabe von treibstoff. Wir freuen uns über Ihr Feedback zu unserem Magazin unter sucola@newsaktuell.de. Laden Sie sich gleich die aktuelle Print-Ausgabe herunter!

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