Warum Integrität auf die Kommunikationsagenda gehört

Kommunikation - 23. Apr 21

In schwierigen Zeiten kommt es in Unternehmen mehr als ohnehin schon auf wertegeleitetes Handeln an. Doch bei vielen Verantwortungsträgern hat Integrität nicht immer oberste Priorität - ein fatales Signal an die Belegschaft. Wenn durch Home-Office die Regeln weniger präsent sind, müssen Kommunikationsmaßnahmen ergriffen werden, die auf eine Stärkung der Integritätskultur einzahlen. Wie kann es der Unternehmenskommunikation gelingen, dem Thema die nötige Aufmerksamkeit zu geben, damit Unsicherheiten und Regelverstößen vorgebeugt wird? Darüber sprachen wir mit Dr. Katja Nagel, Leiterin des Global Organizational Integrity Institutes (GOII) in München.

Dr. Katja Nagel Leiterin Global Organizational Integrity Institute (GOII)
Dr. Katja Nagel, Leiterin des Global Organizational Integrity Institutes (GOII). Foto: cetacea GmbH

news aktuell: Integrität bzw. integres Handeln von Unternehmen klingt sehr abstrakt. Im Grunde sind es ja nicht Unternehmen, sondern Menschen, die wertegleitet bzw. nach ethischen Prinzipien handeln, oder eben nicht. Integrität geht über das Einhalten von Compliance-Regeln hinaus, oder? Wie würden Sie integres Handeln definieren?

Nagel: Integrität ist wirklich ein sehr komplexes Thema. Zunächst bedeutet es im ursprünglichen Sinn, sich aus eigener Überzeugung im Einklang mit dem eigenen Wertesystem an gesellschaftliche Normen zu halten. Fairness, Solidarität, Transparenz, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl etwa. Ethische Prinzipien, die im privaten Umfeld, aber gleichsam im beruflichen Kontext eine wichtige Rolle einnehmen sollten. Mit Blick auf die Unternehmen heißt das: Integrität muss als innere Haltung und Verhalten für die gesamte Organisation definiert werden. Es muss als explizites Kriterium für Entscheidungen gelten. Ein jeder muss verstehen, worum es geht, was gemeint und warum es so wichtig ist. Ohne ein gemeinsames Grundverständnis funktioniert es nicht. Wenn die Mitarbeiter ein solches Verständnis nicht in ihren Berufsalltag übertragen können, dann bleibt organisationale Integrität ein theoretisches Konstrukt – und sorgt in der Praxis höchstens für Schulterzucken.

Während Integrität in Graubereichen und bei Unsicherheiten also für legitimes Handeln sorgt, stellt ein funktionierendes Compliance-Management-System lediglich die Einhaltung von Gesetzen sicher. Die Stärkung der organisationalen Integrität ist praktisch eine Ergänzung zu performanter Compliance und zielt gemeinsam sowohl auf legales als auch auf ethisches Verhalten ab.

news aktuell: Welchen Einfluss hat eine Krise wie die aktuelle auf Integrität von Unternehmen?

Nagel: Die Pandemie ist für uns ein schmerzhaftes Ereignis, aber auch eine Chance. Große Veränderungen verlangen nach einer schwergewichtigen Umbruchsituation. Und ein Umbruch tut immer auch weh, weil Organisationen – ebenso wie Menschen – sich nicht freiwillig verändern. Lieber verbleiben wir mit extremer Beharrlichkeit so lange wie möglich im Ist-Zustand. Der Schmerz bzw. die Notwendigkeit müssen größer sein als die gefürchteten Konsequenzen einer Veränderung. Insofern ist Corona, bei aller Ironie des Schicksals, hilfreich, damit wir in Organisationen große Sprünge machen. Die Krise fordert Integrität quasi heraus, Unternehmen stehen in ungeahntem Ausmaß unter Druck: Massive Umsatzrückgänge, Entlassungen, Werkschließungen. Dazu Homeoffice & Co., das unsere (Zusammen-)Arbeitsweise, Prozesse und Strukturen auf den Kopf stellt. Organisationen befinden sich weltweit in einer elementaren Leistungsfalle. Jetzt zeigt sich, was uns unsere Werte tatsächlich wert sind. Jetzt wird in Unternehmen sichtbar, was wirklich zählt. Natürlich muss in erster Linie das Geschäft geschützt werden, die Frage wird im Einzelfall nur sein: Um welchen Preis? Wir werden insofern einen enormen Push des Themas Integrität in den nächsten Monaten erleben. Sind die Unternehmen fair, anständig, berechenbar, transparent, geleitet von ethischen Prinzipien? Ich würde es mir und uns allen jedenfalls sehr wünschen.

news aktuell: Warum ist Integrität für Organisationen jetzt besonders wichtig?

Nagel: Integrität ist relevant auf zwei Wirkungsweisen: Die Verringerung von Risiken auf der einen Seite und die Steigerung des Unternehmenswertes auf der anderen. Bereits ein einziger Vorfall kann weitreichende Folgen hinsichtlich der Reputation haben. Er kann hohe Straf- und Schadensersatzzahlungen, die individuelle Strafverfolgung von Managern, hohe Umsatzverluste, negative Bewertungen durch Ratingagenturen oder den Vertrauensverlust bei Investoren bedeuten. Eine starke Integritätskultur kann dem vorbeugen und sich als “Sicherheitsgurt” für Unternehmen erweisen. Im Übrigen umso wichtiger vor dem Hintergrund des Verbandssanktionengesetzes, das sich gerade im Gesetzgebungsverfahren befindet. Künftig drohen Unternehmen, aus denen heraus Straftaten begangen werden, noch drastischere Bußgeldzahlungen.

Gleichzeitig wirkt sich gelebte Integrität nachhaltig auf den Unternehmens- und Markenwert aus. Die Einhaltung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten (ESG) wird für Großanleger immer wichtiger, weshalb es sich lohnt, in Integritätsmaßnahmen zu investieren. Auch die Unternehmensattraktivität wird positiv beeinflusst. Nicht nur hinsichtlich der Kunden und potentieller, neuer Mitarbeiter, sondern Integrität erhöht die Zuverlässigkeit und Effizienz in der Zusammenarbeit und steigert auf diese Weise auch die Mitarbeiterzufriedenheit.

news aktuell: Wie kann wertegeleitetes Handeln von Führungskräften in diesen Zeiten ganz konkret aussehen? Welchen Führungsstil und welche Kommunikation braucht es jetzt, wenn durch Home-Office oder mobiles Arbeiten viele Regeln weniger präsent sind bzw. die Identifikation mit dem Unternehmen erschwert wird?

Nagel: Führungskräfte stehen mehr denn je in der Verantwortung, Offenheit und Transparenz in alle Richtungen auszustrahlen. Integres Verhalten selbst vorzuleben und sichtbar zu machen für andere, warum man in einer bestimmten Situation nach diesen Kriterien entschieden hat. Sie müssen Dilemmata selbst auflösen und offen ansprechen, anstatt Integrität zu beugen. Nicht nur mit Entscheidungen und Anweisungen auf sich aufmerksam machen, nach Regeln und mit Kontrolle führen, sondern insbesondere durch das eigene Verhalten als Vorbild agieren: leading by example. Die Mitarbeiter haben sehr feine Antennen dafür, wie sich das Top-Management verhält und ob sie ein brisantes Thema so ernst nehmen, dass sie auch selbst danach handeln. Alles Streben nach einer starken Integritätskultur kann von Einzelpersonen zunichte gemacht werden, die laut proklamieren, was sie sichtbar für sich selbst anders handhaben. In der Literatur ist oft die Rede von „Symbolischem Management”. Ich meine aber, dass es nicht so sehr um Symbole geht, sondern um Substanz. Substanz, die sich in einer Vielzahl von Prüfpunkten, von Berührungspunkten mit dem Management, zeigt. Und je mehr wir uns selbständige und mündige Zeitgenossen in den Unternehmen wünschen, die mitdenken, sich ihren eigenen Reim auf die Dinge machen, um sie selbst dann mit Leben zu erfüllen, desto weniger „Soldaten” werden wir in den Unternehmen antreffen. Blinder Gehorsam wird sorgfältiger Beobachtung des Management-Teams weichen. Und jedes (integre) Management-Team hat die (integren) Mitarbeiter, die es verdient. Durch sein Vorleben (von Integrität).

news aktuell: Woran erkennen Unternehmen eigentlich, dass es höchste Zeit ist, Integrität auf die Kommunikationsagenda zu setzen? Was sind mögliche Frühwarn-Signale?

Nagel: Grundsätzlich gibt es verschiedene Ebenen, auf denen gewisse Mängel zu Tage treten können und eine Stärkung der Integrität ansetzen muss. Das kann interne wie externe Strukturen betreffen – etwa die Infrastruktur, das Betriebsklima, die Unternehmensprodukte oder andere Prozesse mit Mitarbeitern, mit Kunden oder anderer Anspruchsgruppen. Wenn beispielsweise das Vertrauen anfängt zu bröckeln oder die Kundenerwartungen nicht mehr erfüllt werden, dann sollten Unternehmen all ihre internen Prozesse und Strukturen, aber auch alle externen Touchpoints mit Kunden auf den Prüfstand stellen. Die Risiken sind immens, die Chancen aber auch. Insofern sollten Unternehmen handeln, wenn sie kein professionelles Integritätsmanagement haben.

news aktuell: Inwiefern kann bzw. sollte die Unternehmenskommunikation bei der Vermittlung dieses Themas miteingebunden werden? Welche Prozesse ggf. anstoßen bzw. durchführen?

Nagel: Kommunikation ist sehr wichtig. Sie erklärt und setzt Dinge in einen Unternehmenskontext. Sie informiert und erläutert, warum Integrität wichtig ist. Sie erzeugt Einsicht für Notwendigkeiten, legt die Erwartungshaltung des Managements dar und appelliert an jeden Einzelnen als Gestalter – und kann natürlich im Idealfall auch einen Prozess der Professionalisierung von Integrität im Unternehmen effektvoll begleiten: Indem im Team von vornherein die Kommunikation mit dabei ist und für die Jahresplanung auch die Begleitkommunikation strategisch durchdacht, aufgesetzt und umgesetzt wird. Kommunikation gehört also nicht nur eingebunden, sondern ist ein wertvoller Unterstützer eines ganzheitlichen Unterfangens, das bei Kultur anfängt und bei Prozessen und Beurteilungssystemen aufhört. Und am besten wird von Anfang an auch klargestellt, wie der Erfolg von Kommunikation definiert und auch gemessen werden kann.

news aktuell: Welche Kanäle sind dafür aktuell sinnvoll? Gerade jetzt, wo viele Mitarbeiter nicht im Büro sind?

Nagel: In der aktuellen Zeit braucht es virtuelle Formate. Persönliche, aber auch Town-Hall- und All-Hands-Meetings. Zusätzlich sollten regelmäßige Abteilungsmeetings, Mails des CEOs und das Intranet respektive Newsletter für die Information genutzt werden – alles, was elektronisch geht. Und nicht nur Information, sondern eben auch Austausch, Dialog, Interaktion – denn ohne diese gibt es kaum Einsicht. Integrität kann nicht auswendig gelernt werden wie in der Schule der nächste Vokabeltest. Integrität hat mit Verstehen, mit Einsicht, mit Vorsätzen, mit Selbstreflexion zu tun. Und gleichzeitig muss das Grundrauschen der gesamten internen Kommunikation übertönt werden. Es braucht Formate, die aufmerksamkeitsstark sind, die vernetzen und die etwas Neues hervorbringen.

Um mit einer gewissen Durchdringung dafür zu sorgen, dass Integrität verstanden wird, könnte ein Unternehmen Workshops pro Unternehmensbereich aufsetzen. Auch Informationskampagnen sind denkbar, ebenso wie Integritätsbotschaften im Intranet und bei den Welcome-Veranstaltungen für neue Mitarbeiter. Eine weitere wichtige und konkrete Maßnahme wäre, dass der Vorstand oder die Geschäftsführung bei kommunikativen Anlässen Integrität nicht ausspart, sondern bewusst immer wieder erwähnt und auch erklärt, welche Risiken damit verbunden sind, wenn ein Unternehmen nicht integer handelt.

news aktuell: Was wären die größten Fehler bei der internen Kommunikation rund ums Thema Integrität?

Nagel: Ich sehe drei große Fehler. Erstens: Integrität nicht zur Chefsache zu machen. Zweitens: Integrität zur „Moralapostelei” verkommen zu lassen, statt Professionalität an den Tag zu legen und den Bezug zum Kerngeschäft und Unternehmenserfolg herzustellen. Und drittens: Integrität nicht klar fassbar zu machen und den Anspruch sowie die Erwartungshaltung des Unternehmens an jeden Mitarbeiter nicht klar zu kommunizieren.

Zur Person: Dr. Katja Nagel ist Geschäftsführerin von cetacea und Topmanagement-Beraterin. Die promovierte Diplom-Kauffrau hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in Unternehmen und Beratung, insbesondere in den Bereichen Unternehmensentwicklung, Strategie, Marketing und Kommunikation (u.a. Siemens Nixdorf, Siemens, T-Systems und O2). Als Geschäftsführerin von cetacea hat sie mehrere Transformations- und Restrukturierungsprogramme internationaler Konzerne mitgestaltet sowie Rebranding- und Employer-Branding-Projekte geleitet. 2020 gründete sie das Global Organizational Integrity Institute (GOII), das Organisationen unterstützt, ihren eigenen Status zu Integrität wissenschaftlich und empirisch zu messen und Maßnahmen zur Verbesserung zu ergreifen.

Interview: Beatrix Ta

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