Verschwörungstheorien Interview Monika Betzler

Verschwörungstheorien: "Klare Kante zeigen und Ursachen bekämpfen"

Kommunikation - 10. Feb 21

"Corona ist gar keine Pandemie und hinter allem steckt sowieso ein Konsortium aus Politik, Wirtschaft und Pharmaindustrie": Verschwörungstheorien nehmen in Krisenzeiten zu und führen zu einer immer größer werdenden Polarisierung der Gesellschaft. Warum funktionieren sie eigentlich so gut und was können wir tun, wenn Menschen in unserem Umfeld zu Verschwörungstheoretikern werden? Darüber sprachen wir mit der Philosophin Monika Betzler. Ihr Plädoyer: Nicht nur eine klare Position beziehen, sondern mindestens genauso vehement die Ursachen erforschen und bekämpfen.

Monika Betzler
Monika Betzler. Foto: Kilian Rainer

news aktuell: Wir sprechen immer schnell von Verschwörungstheorien. Aber was ist eigentlich die Definition von Verschwörungstheorie bzw. woran erkennt man eine Verschwörungstheorie?

Betzler: PhilosophInnen haben verschiedene Definitionen von Verschwörungstheorien vorgeschlagen. Manche favorisieren eine ganz weite Definition, die auch die Erklärung von Ereignissen enthält, die tatsächlich durch eine Verschwörung stattgefunden haben - wie etwa Watergate oder die Ermordung Cäsars.

Angesichts der momentanen politisch brisanten Verschwörungstheorien halte ich es jedoch für sinnvoll, Verschwörungserklärungen, die auf konkrete und nachweisbare Verschwörungen plausibel Bezug nehmen von solchen zu unterscheiden, die sich auf fiktive und - wenn man so möchte - "wild herbeifantasierte" Verschwörungen beziehen. Manche sprechen hier auch von "konspirazistischem Denken".

In diesem Sinne erklärt eine Verschwörungstheorie ein Ereignis

  1. durch die Behauptung einer Verschwörung durch einen Akteur (oder eine Gruppe von Akteuren);
  2. das eine signifikante Anzahl an falschen, selbstabdichtenden Überzeugungen in einer signifikanten Menge von Personen erzeugt;
  3. das in der Regel mit unseren vertrauenswürdigen epistemischen Autoritäten konfligiert; und
  4. das die stabilisierende Funktion hat, Sicherheit und Kontrolle durch eindeutige Verursachungszuschreibung in denjenigen, die an sie glauben, zu vermitteln.

"Selbstabdichtende" Überzeugungen sind hierbei Überzeugungen, die jeden Gegenbeweis gegen die Verschwörungstheorie als Beweis für die eigene Theorie deuten.

news aktuell: Was war Ihre persönliche Motivation, sich dem Forschungsfeld Verschwörungstheorien zu widmen?

Betzler: Verschwörungstheorien der genannten Art sind sowohl aus erkenntnistheoretischer Sicht als auch aus politischer Sicht überaus interessant. Da ich mich generell für praktisch relevante Themen interessiere, sind Verschwörungstheorien ein aktueller und spannender philosophischer Forschungsgegenstand.

Verschwörungstheorien geben durch einfache Erklärungen komplexer Sachverhalte Halt und beseitigen ein Stück weit die erlebte Ohnmacht.Klicken, um zu twittern

news aktuell: Warum funktionieren Verschwörungstheorien so gut bzw. was sind die Mechanismen?

Betzler: Sie funktionieren v.a. in Zeiten der Krise sehr gut. So ist momentan unser "epistemisches Wohlergehen" in mehrerer Hinsicht in Gefahr. Angesichts einer sich rasant entwickelnden Pandemie, der die Epidemiologie und Virologie kaum hinterherkam, geschweige denn die Politik, werden BürgerInnen in ihrem Vertrauen an diese epistemischen Autoritäten erschüttert. Sie wissen nicht mehr, auf wen sie sich in epistemischer Hinsicht verlassen können. Hinzu kommt, dass der Zugang zu vertrauenswürdigen Quellen der Information nicht mehr klar geregelt ist. Soll man den sozialen Medien als Quelle vertrauen oder dem, was WissenschaftlerInnen sagen, die sich aber häufig auch widersprechen? Schließlich gibt es in Zeiten der Krise weniger Gelegenheit, sich in einem offenen Dialog auszutauschen, da die politischen EntscheidungsträgerInnen schnell handeln müssen. Zudem sind viele Menschen stark selbst von der Krise betroffen und vor diesem Hintergrund ist es viel leichter nachvollziehbar, dass man Erklärungen Glauben schenkt, die ein bedrohliches und schwer verständliches Ereignis durch einen bösen und im Geheimen operierenden Verursacher plausibel machen. Verschwörungstheorien geben durch einfache Erklärungen komplexer Sachverhalte Halt und beseitigen ein Stück weit die erlebte Ohnmacht.

news aktuell: Gibt es so etwas wie die älteste oder bekannteste Verschwörungstheorie?

Betzler: Ich habe mich mit der Geschichte von Verschwörungstheorien weniger eingängig beschäftigt, aber es ist nachweisbar, dass sie immer besonders in Zeiten von Krisen florieren. Hierbei wird oft auf den großen Pestausbruch im Mittelalter verwiesen, der dazu Anlass gab, eine jüdische Weltverschwörung als Ursache der Pest zu vermuten.

news aktuell: Haben Verschwörungstheorien und damit auch ihre Anhänger in den vergangenen Jahren eigentlich zugenommen? Und falls ja, was sind die Gründe?

Betzler: Insbesondere in den USA haben Verschwörungstheorien in den letzten Jahren besonders großen Zulauf gehabt. Dies hängt u.a. mit der "post-truth"-Politik Trumps, der Nutzung neuer Medien und der ungehinderten Verbreitung jedweden Unsinns und einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft zusammen. Seit Beginn der Pandemie sind wir nun auch hierzulande zunehmend mit konspirazistischem Denken konfrontiert.

Die klassischen Medien haben die sehr wichtige Aufgabe, Dialog, der politisch nicht stattfindet, mit verschiedensten Betroffenen der Pandemie zu führen. Klicken, um zu twittern

news aktuell: Wie können wir mit Familienmitgliedern, Freunden oder Kollegen umgehen, die an Verschwörungstheorien glauben? Haben Sie hier konkrete Tipps?

Betzler: Hier muss man zwei Gruppen unterscheiden. Diejenigen, die wirklich voll und ganz an eine Verschwörungstheorie glauben, diese auf Bühnen vertreten und verbreiten, sind nicht erreichbar. Sie haben ihre Überzeugungen in einer Weise "abgedichtet", dass jeder angeführte Gegen-Beweis von ihnen als Beweis ihrer Theorie gedeutet wird.

Die viel größere Gruppe von Menschen, die mit Verschwörungstheorien liebäugeln, sind jedoch durchaus erreichbar. Häufig fehlt ihnen der Dialog und ein Forum, um ihre durchaus legitimen Sorgen zu äußern. Hier ist es wichtig, diese Sorgen wahrzunehmen, dafür Lösungen zu finden und gleichzeitig aber auch nachzufragen, wie gut die Evidenzen für tatsächliche Verschwörungen sind.

news aktuell: Verschwörungserzählungen kursieren insbesondere in den sozialen Medien. Inwiefern können die "klassischen" Medien gewissermaßen "gegensteuern"? Oder geht das gar nicht, weil sie gar nicht mehr die Verschwörungstheoretiker erreichen?

Betzler: Die "klassischen" Medien haben die sehr wichtige Aufgabe, Dialog, der politisch (d.h. u.a. im Parlament) nicht stattfindet, mit verschiedensten Betroffenen der Pandemie zu führen. Sie können sich auch der Funktionsweise wilder Verschwörungstheorien widmen, aufklären und aufzeigen, wie und warum diese entstehen und darlegen, welche Fakten schlichtweg falsch sind.

Wir befinden uns nicht nur in einer Pandemie, sondern auch in einer Art epistemischen Krise, die durch die sozialen Medien immens verschärft wird.Klicken, um zu twittern

news aktuell: Inwiefern könnten Unternehmen und Organisationen bei ihrer externen Kommunikation Verschwörungstheorien entgegenwirken? Oder anders gefragt: Sollten sich Unternehmen und Organisationen klar zu Verschwörungstheorien positionieren?

Betzler: Im Grunde sollte sich jeder gegen wilde Verschwörungstheorien positionieren. Was wir aber auch verstehen sollten, ist, dass es eine Sache ist, die Falschheit einer Verschwörungstheorie auszuweisen und sich dagegen zu positionieren. Eine andere, und mindestens ebenso wichtige Sache ist, die Ursachen, die Menschen dazu führen, Verschwörungstheorien allzu leicht Glauben zu schenken, zu ergründen und nach Möglichkeit zu beseitigen. Wir befinden uns nicht nur in einer Pandemie, sondern auch in einer Art epistemischen Krise, die durch die sozialen Medien immens verschärft wird. Deshalb sind wir auch alle aufgerufen, den Zugang zu Tatsachen, gut gesicherten Sachverhalten und vertrauenswürdigen Quellen zu garantieren und Möglichkeiten zu schaffen, sich in epistemischen und praktischen Dingen vertieft auszutauschen. Es wäre schon einmal ein Weg, wenn die Talkshows im Fernsehen nicht immer dieselben Leute einladen, sondern einen Dialog mit VertreterInnen einer viel breiteren Öffentlichkeit führen würden.

Interview: Beatrix Ta

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