Spüren, was man nicht sieht

Kommunikation

Ob Armut, Umwelt oder Krankheiten: Immer mehr Menschen engagieren sich. Zivilgesellschaftliches Engagement steigt, wie sich auch an der wachsenden Zahl der Stiftungen zeigt. Eine davon ist die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Die 1993 von Liz Mohn gegründete Stiftung hat sich auf die Fahne geschrieben, Schlaganfälle zu verhindern, die Versorgung zu verbessern und den Betroffenen zu helfen. Kommunikation spielt für den gemeinnützigen Player eine entscheidende Rolle. Wir sprachen mit der stellvertretenden Vorsitzenden Sylvia Strothotte über betroffene Kinder, Werkzeuge der PR und den Einsatz von Influencern für die Stiftungskommunikation.

Sylvia Strothotte, stellvertretende Vorsitzende der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Foto: territory Gütersloh / Jörg Sänger

news aktuell: Schlaganfälle assoziiert man eher mit Erwachsenen. Es gibt aber auch Kinder, die einen Schlaganfall bekommen können. Darauf machen Sie als Stiftung aufmerksam, unter anderem dieses Jahr im Rahmen eines Ladies Lunch in Hamburg. Wie merkt man als Eltern, dass das eigene Kind betroffen sein könnte? 

Strothotte: Grundsätzlich unterscheiden sich die Symptome bei Kindern nicht wesentlich von denen bei Erwachsenen. Je jünger ein betroffenes Kind ist, desto schwieriger ist es allerdings, die Symptome zu deuten. Ein Neugeborenes greift zum Beispiel nur mit einer Hand, dreht sich später nur zu einer Seite um, hat Schwierigkeiten, Sprechen oder Laufen zu lernen. Bei betroffenen Neugeborenen oder kleinen Kindern erfolgt die richtige Diagnose oft erst sehr spät nach einer Odyssee durch das Gesundheitswesen. Wichtig ist, dass jeder – sowohl die Eltern als auch die Fachleute – wissen, dass Kinder Schlaganfälle haben können und die Diagnose im Zweifelsfall überhaupt in Betracht ziehen.  

news aktuell: Wie hilft die Arbeit Ihrer Stiftung Familien mit betroffenen Kindern? 

Strothotte: Für ältere Betroffene gilt: 70 Prozent aller Schlaganfälle wären durch eine gesunde Lebensweise vermeidbar. Bei Kindern ist das selbstverständlich nicht der Fall, hier liegen meist Grunderkrankungen vor wie zum Beispiel Gefäßerkrankungen, Herzfehler, Gerinnungsstörungen. Manchmal lässt sich aber auch gar keine Ursache feststellen. Oder wir setzen uns mit unserem Programm „Kinder Schlaganfall-Hilfe“ für die betroffenen Familien ein. In unserem Basisseminar erhalten Eltern, die neu mit der Diagnose umgehen müssen, grundlegende Informationen zur Erkrankung und deren Therapiemöglichkeiten. Außerdem gibt es ein mehrtägiges Familiencamp mit zahlreichen Seminaren und Workshops für die Eltern, die betroffenen Kinder und die Geschwisterkinder. Das ist auch eine tolle Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen. 

Besonders stolz sind wir, dass die Stiftung inzwischen zwei professionelle Schlaganfall-Kinderlotsen in ihrem Netzwerk hat. Sie begleiten die Familien meist über viele Jahre und stehen in jeder Lebenssituation zur Seite, egal, ob es um die Kommunikation mit Ärzten geht, emotionale Schwierigkeiten des Kindes oder später die Schulwahl.

news aktuell: Welche Bedeutung hat die Kommunikationsarbeit für Ihre Stiftung?

Strothotte: Kommunikation ist ein ganz entscheidender Teil unserer Arbeit. Wir haben jede Menge tolle Projekte, Angebote und Informationen – aber die würden nicht helfen, wenn niemand davon wüsste. Ein Beispiel: Vor 25 Jahren war der Schlaganfall in der Medizin und in der Gesellschaft kaum ein Thema. Heute kennt fast jeder in Deutschland die typischen Schlaganfall-Symptome wie halbseitige Lähmung oder Sprachstörungen. Das ist vor allem den großen Kampagnen unserer Stiftung zu verdanken. 

Erst im Mai haben wir wieder gemerkt, wie wichtig die Kommunikation ist. Unser bundesweiter „Tag gegen den Schlaganfall“ hatte das Motto: „Ich spüre was, was du nicht siehst – Die unsichtbaren Folgen des Schlaganfalls.“ Das Thema wurde von zahlreichen Medien aufgegriffen und wir haben sehr viel Rückmeldung von Betroffenen erhalten, dass sie sich mit ihren unsichtbaren Folgen endlich wahr- und ernstgenommen fühlen.

news aktuell: Welche "Klaviatur" spielen Sie bei Ihrer klassischen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit?

Strothotte: Die klassische Pressearbeit spielt nach wie vor eine große Rolle. Die wichtigsten Tage für unsere Kommunikation sind sicherlich der bundesweite „Tag gegen den Schlaganfall“ am 10. Mai, den die Stiftung 1999 ins Leben gerufen hat, und der Welt-Schlaganfalltag Ende Oktober. Im Rest des Jahres legen wir Wert darauf, ein breites Themenspektrum abzudecken – von der Prävention und der Akutversorgung über die Nachsorge bis hin zu aktuellen Studien. Viele Redaktionen melden sich zudem von sich aus, wenn sie zum Beispiel über einen Betroffenen berichten oder ein Experteninterview führen möchten. Da hilft unser großes Netzwerk, immer den passenden Ansprechpartner zu vermitteln. Uns ist es wichtig, für die Redaktionen die erste Anlaufstelle für alle Fragen rund um den Schlaganfall zu sein. Wir freuen uns über das Interesse der Medien, denn den Kampf gegen den Schlaganfall gewinnen wir nur gemeinsam. An dieser Stelle auch einen herzlichen Dank an das Team von news aktuell.

news aktuell: Sie arbeiten mit einer Reihe von prominenten BotschafterInnen, die sich für die Themen Ihrer Stiftung stark machen und Ihnen damit Reichweite geben. Welche Rollen spielen diese "Influencer" für die Stiftung?

Strothotte: Die Botschafter hatten wir schon lange bevor Influencer in den Sozialen Medien eine Rolle gespielt haben. Prominente Unterstützer helfen, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Auch Charity-Veranstaltungen wie das Ladies Lunch in Hamburg tragen dazu bei: Prominente Namen fördern die Berichterstattung. Und unsere Botschafter verleihen Betroffenen eine Stimme und klären über Risikofaktoren auf. Viele machen das schon seit vielen Jahren.

news aktuell: Welche Tipps würden Sie anderen Stiftungen in punkto Influencer bzw. prominente BotschafterInnen geben? 

Strothotte: Ich finde es wichtig, sich Menschen zu suchen, die zur Stiftung passen und von Herzen hinter der Arbeit stehen. Viele unserer Unterstützer haben einen persönlichen Bezug zu dem Thema, beispielsweise, weil sie selbst oder ein nahestehender Mensch von einem Schlaganfall betroffen waren. Es freut mich besonders, wenn sich das Engagement nicht nur auf roten Teppichen oder vor Kameras abspielt. Die Prominenten besuchen die Stiftung, informieren sich über unsere Projekte, kommen zu kleineren Veranstaltungen, sammeln privat Geld für uns oder besuchen spontan eine Reha-Einrichtung, um mit Betroffenen zu sprechen – und zwar ganz ohne Medienrummel. Wir haben viele prominente Unterstützer, doch Botschafter wird man erst nach vielen Jahren des Engagements.

news aktuell: Stiftungen haben nicht gerade den Ruf, Vorreiter in Sachen digitaler Kommunikation zu sein. Wie nutzen Sie die sozialen Netzwerke für Ihre Kommunikationsarbeit?

Strothotte: Die sozialen Netzwerke spielen gerade bei den jüngeren Leuten eine immer größere Rolle – auch bei den Betroffenen. Vor kurzem haben wir uns über 10.000 Follower bei Facebook gefreut, jetzt sind schon wieder fast 500 dazu gekommen – und das, obwohl wir nicht gerade ein leichtes oder gar spaßiges Thema bedienen. Unsere Facebook-Seite ist für viele Follower nicht nur eine Informationsplattform, sondern auch eine Möglichkeit, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. 

Mit Twitter richten wir uns vor allem an Fach- und Medienleute. Hier gibt es unter anderem Infos über Studien, wichtige Meldungen aus dem Gesundheitswesen und aktuelle Berichterstattung über Kongresse. Unseren YouTube-Kanal erweitern wir gerade kräftig, da Bewegtbild immer wichtiger wird. Hier wird es in Zukunft noch mehr Interviews oder Erklärvideos geben.

news aktuell: Was würden Sie sich für Ihre Stiftung in der nächsten Zukunft wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Strothotte: Jedes Jahr erleiden 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Wir wünschen uns, dass jeder Betroffene und jeder Angehörige die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe kennt und weiß, dass er sich an uns wenden kann. Das kann funktionieren, indem der Betroffene einen Artikel in der Lokalzeitung liest, oder einen Freund hat, der unter www.schlaganfall-hilfe.de recherchiert, oder weil die Enkelin einem unserer Botschafter in den Sozialen Medien folgt. Die Wege zu uns und unserer Hilfe sind vor allem eins: vielfältig!

Das war der Wunsch, doch da gibt es noch einen Traum: 70 Prozent der Schlaganfälle sind vermeidbar, wenn Risiken wie zum Beispiel Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes mellitus, Herzerkrankungen wie Vorhofflimmern, Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht und mangelnde Bewegung vermieden werden. Was wäre, wenn es Hand in Hand mit unseren Partnern, Unterstützern und den Medien gelänge, diese durch Aufklärung zu verhindern? Es gäbe kaum noch Schlaganfälle. Danke, dass Sie helfen, diesen Traum zu erfüllen.

 

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