"Wahre Geschichten sind ein Schatz der Menschheit"

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Es gibt so viele gute Stories auf der Welt – aber 99,9 Prozent der Weltbevölkerung sind keine Buchautoren. Dieses Verhältnis wollen die Gründer des Startups story.one ändern. Wahre und authentische Geschichten aus dem eigenen Leben sollen aufgeschrieben werden. Aber keine Fiction! Was es heißt, dabei das Beste aus der analogen und digitalen Welt zusammenzubringen, und dabei auch klassische Zeitungsverlage einzubinden, erzählt Hannes Steiner, Co-Founder von story.one.

news aktuell: Was hat Sie dazu bewegt, story.one zu gründen? Wie ist die Idee entstanden?

Hannes Steiner: Ich bin jahrelang Verleger gewesen und immer auf der Suche nach spannenden, authentischen Geschichten, musste aber aus ökonomischen Gründen viele tolle Erzählungen ablehnen. Das hat mir immer sehr leidgetan, aber für ein klassisches Buch hat es eben nicht ganz gereicht. Aber mich hat das nicht losgelassen, dass so viele Menschen so viele tolle Geschichten zu erzählen haben, die aber nie veröffentlicht wurden. Co-Gründer Martin Blank ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München und weiß aus langer Erfahrung, dass gerade Medien immer auf der Suche nach der richtigen Story sind. So entstand die Idee, den vielen Geschichten da draußen einen eigenen Ort zu geben, einen Marktplatz, ein digitales Lagerfeuer. Wir wollen es jedem ermöglichen, Geschichten aus dem Leben zu erzählen – mit dem Versprechen, daraus ganz einfach ein Buch machen zu können.

news aktuell: Was ist das Besondere an story.one und wodurch unterscheidet sich Ihre Plattform von anderen Self-Publishing-Anbietern?

Hannes Steiner: Auf unserer Plattform story.one werden ausschließlich Erlebnisse und Erfahrungen geteilt – no fiction! Keine Story darf mehr als 2.500 Anschläge haben, denn eine mündlich erzählte Geschichte hat in etwa diese Dauer. Wir bieten eine weiße Leinwand, die innerhalb von 2.500 Zeichen so gestaltet werden kann, wie man es möchte. Und am Ende kann – wenn man es möchte – ein Buch mit eigener ISBN stehen. 

Denn sobald jemand zwölf Geschichten verfasst hat, bekommt der/die Autor*in die Möglichkeit, diese Geschichten als Buch drucken zu lassen. Durch genau diese Option, am Ende ein gedrucktes Buch in den Händen zu halten, verändert sich auch die Art des Schreibens. Sie unterscheidet sich mitunter stark von beispielsweise einem Blogbeitrag.

Die Gesichter hinter den Geschichten und story.one: Hannes Steiner (links) und Martin Blank. Foto: story.one

Soziale Medien haben unsere Art zu lesen und zu schreiben längst verändert. Auch auf story.one kann man Geschichten liken, teilen und kommentieren. Aber wir wollen ein echtes soziales Medium schaffen, einen Ort, wo Menschen das Leben so erzählen können, wie es wirklich ist. Menschen, die sich einander auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen. Gewünscht sind ehrliche offene Geschichten und ein respektvoller Austausch – Authentizität ist gefragt. 

So entsteht bei story.one die Möglichkeit, sich mit anderen zu verbinden, authentische Geschichten zu teilen und gemeinsam Texte für ein gedrucktes Buch zusammenzustellen. Denn schon ab zwölf Geschichten kann kostenlos ein kleines Hardcover mit eigener ISBN veröffentlicht werden. Und die meisten von uns haben zwölf bis zwanzig Geschichten, die es alle wert sind, erzählt zu werden.

news aktuell: Welche Vorteile sehen Sie darin, Digitales wieder mit Analogem zu verbinden und Ihren Kunden in Zeiten von Podcasts, E-Books und Co ein „richtiges“ Buch anzubieten?

Hannes Steiner: Die analoge und digitale Welt sind kaum getrennt voneinander zu begreifen, sie stehen vielmehr eng in Verbindung. Wir versuchen, aus beiden Welten das Beste zu übernehmen und diese Verbindung herauszustellen. Wir greifen aktuelle Trends auf und verbinden sie mit dem Traditionellen. In der digitalen Welt habe ich sofort eine Leserschaft für meine Geschichten und bekomme ein direktes Feedback zu meiner Arbeit. 

Das baut Schreibhürden ab! Dennoch ist das Digitale vergänglich und vor allem unübersichtlich geworden durch dieses große Überangebot. Hier knüpft die analoge Welt an. Am Ende des digitalen Schreibprozesses steht bei uns ein analoges Buch. Das bringt Struktur und einen Purpose. Unsere Schreiber*innen haben den Ausblick auf etwas Haptisches, etwas das bleibt, ein Kulturgut, das in der realen Welt Bestand hat.

news aktuell: Für welche Zielgruppe ist story.one gedacht?

Hannes Steiner: Weltweit gibt es nicht mehr als eine Million lebende Buch-Autorinnen und -Autoren. Das sind 0,013 Prozent der Menschheit. Story.one versteht sich deshalb als ein Angebot an die restlichen 99,9 Prozent der Menschen, die noch nicht Buch-Autor*innen sind. Die Zielgruppe ist dabei auch nicht klar definiert. Jede und jeder Einzelne, die oder der Lust am Erzählen und Storytelling hat, ist herzlich eingeladen teilzunehmen.

news aktuell: Nehmen viele Kunden die Möglichkeit wahr, ihre Geschichten auch drucken zu lassen, oder werden die Geschichten vermehrt nur online hochgeladen?

Hannes Steiner: Auf jeden Fall sind unsere Erwartungen diesbezüglich weit übertroffen worden. Die Hälfte derjenigen, die bereits genug Geschichten für ein Buch geschrieben haben, haben das Buch auch beauftragt. Die Menge ist größer, als wir gedacht haben. Außerdem bestellen viele Nutzer auch mehr Exemplare für den privaten Gebrauch, als wir erwartet haben.

news aktuell: Warum hat man sich für eine Beschränkung auf Geschichten aus dem wahren Leben entschieden und warum sollte deren Erzählung nicht länger als 2500 Zeichen sein? Gibt es außerdem überhaupt eine Möglichkeit zu überprüfen, ob die Geschichten wahr sind?

Hannes Steiner: In einer Welt, in der es zunehmend schwerfällt, Reales und Fiktives auseinanderzuhalten, wird Realität immer wichtiger. Reale Inhalte, wahre Geschichten sind ein Schatz der Menschheit, der immer mehr an Bedeutung gewinnt. Über die Geschichten, die ein Mensch aus dem Leben erzählt, lernt man ihn am besten kennen. Die 2.500 Zeichen orientieren sich ebenfalls am realen, am gesprochenen Wort, an der „oral history“, denn wenn man sich mündlich eine Geschichte erzählt, würde sie auch in etwa die Länge bzw. Dauer von 2.500 Zeichen haben. 

Uns geht es um die wahre Story und weniger um das gelernte „Telling“. Eine gute, echte Story ist innerhalb dieser Zeit und Zeichen erzählt. Eine überprüfende Instanz für den Wahrheitsgehalt soll es bewusst nicht geben, die Kontrolle übernehmen vielmehr die User intuitiv selbst. Die Community spürt, ob eine Geschichte fiktiv ist oder real. Allein an der Art, wie formuliert wird, können die User das erkennen.

news aktuell: Sie führen auch Kooperationen mit klassischen Medien, zum Beispiel mit einem Zeitungsverlag. Warum machen Sie das? Was versprechen sich Ihre Partner davon?

Hannes Steiner: Wir wollen Menschen, die Geschichten zu erzählen haben, mit denen verbinden, die nach Geschichten suchen und sie sichtbar machen wollen. Medienunternehmen sind immer an neuen Geschichten interessiert, insbesondere regionale Medien. Immer wieder versuchen Medien, die User mehr einzubeziehen, bei Zeitungen zum Beispiel über Leserbriefe oder Gastbeiträge. Auf unserer Plattform erzählen die Menschen besonders spannende Stoffe, um eine Community zu bilden. 

Wir haben also die Basis. Die Geschichten sind alle über Stichwörter kategorisiert und dadurch nach Themen sortiert gut auffindbar, beispielsweise werden der Handlungsort, der Handlungszeitraum, psychologische Merkmale, große Lebensthemen oder Emotionen zugeordnet. Zusätzlich sind wir verbunden mit Google Maps – Geschichten können also nicht nur nach Themen, sondern auch nach Region gesucht werden. Den Medien wird es so erleichtert, zielgerichtet nach Geschichten zu suchen und eine enge Beziehung zu den Lesern aufzubauen.

news aktuell: Werden alle Geschichten veröffentlicht oder werden manche auch abgelehnt? Wenn ja, nach welchen Kriterien wird dann entschieden?

Hannes Steiner: Es gibt natürlich gewisse Kriterien, welche die Stories erfüllen sollen; wir veröffentlichen beispielsweise keine Lyrik, keine Märchen, keine Fiktion. Prinzipiell gilt außerdem für alle Geschichten FSK 12. Die Geschichten werden außerdem nach unserer Bad-Word-Liste gescreent und kuratiert. Im Moment machen wir das persönlich, um unsere Autorinnen und Userinnen kennenzulernen. Es gelten natürlich die gängigen ethischen Grenzen und gesetzlichen Rahmenbedingungen. 

Die Kommentare werden ebenfalls nicht ungefiltert veröffentlicht, sie müssen von den jeweiligen Autoren der Geschichte freigegeben werden. Dabei haben wir aber eine tolle Quote: 95 Prozent aller Kommentare werden veröffentlicht.

news aktuell: Wie hat sich story.one bisher entwickelt und welche Ziele verfolgen Sie in der Zukunft?

Hannes Steiner: Bisher sind wir sehr zufrieden mit der Entwicklung der Plattform. Eigentlich wurden unsere Erwartungen bisher deutlich übertroffen. Diese positive Entwicklung ergibt sich für uns aus der Zufriedenheit der Autorinnen und Leser, aus den Erfahrungen der Menschen, die auf der Plattform aktiv sind – das gibt die zukünftige Richtung vor. Und wir bekommen tolle Rückmeldungen, regelrechte Liebeserklärungen an story.one. Wir sind auf einem guten Weg, die Zufriedenheit der Menschen ist das Wachstum der Zukunft. Aber wir wollen mit Bedacht wachsen. Wir arbeiten zwar zum Beispiel an Automatisierungen, beispielsweise bei der Überprüfung der Texte, aber wir wollen sicherstellen, dass Menschen am Ende immer die Kontrolle über die Prozesse behalten. Das braucht dann eben seine Zeit!

Langfristig wollen wir natürlich die Anzahl der Menschen, die ein Buch veröffentlichen, auf der Welt vergrößern. Signifikant vergrößern. Vielleicht sind wir bald bei 2 Millionen Autorinnen?

Anmerkung: 
Story.one ist ein vom next media accelerator (nma) in Hamburg unterstütztes Startup. Der von der Nachrichtenagentur dpa initiierte next media accelerator hat es sich zur Aufgabe gemacht, internationale Talente zu scouten und in innovative Geschäftsmodelle der Media-Tech-Branche zu investieren. Dabei werden den Teilnehmern und Teilnehmerinnen unterschiedliche Beteiligungsmodelle angeboten, damit diese von Netzwerk, Expertise und Mentoren sowie Mentorinnen des Accelerators profitieren können.

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