Selbstmanagement Tipps Weck das Tier in dir

Selbstmanagement: Wecke das Tier in dir

Work Life - 13. Jul 21

Zu den wichtigsten Fähigkeiten der heutigen Arbeitswelt gehört Selbstmanagement. Das fällt manchmal leichter, manchmal schwerer – je nach Persönlichkeitstyp und auch nach Tagesform. Selbstmanagement-Experte Georg Adlmaier-Herbst erklärt uns, warum uns Selbstmanagement oft schwerfällt und gibt uns ganz konkrete Tipps, wie wir uns selbst besser führen können.

Georg Adlmaier-Herbst Selbstmanagement
Georg Adlmaier-Herbst. Foto: Jan Knoff

news aktuell: Warum ist Selbstmanagement in der heutigen Welt wichtig?

Adlmaier-Herbst: Zunächst einmal: Selbstmanagement bedeutet die Fähigkeit, sein eigenes Denken, Fühlen und Handeln effektiv in unterschiedlichen Situationen zu regulieren. Warum wird dies immer wichtiger? Zum einen haben sich bekannte Anforderungen an das Selbstmanagement weiter verdichtet, wie die stark gestiegene Arbeitslast und höherer Zeitdruck zeigen.

Zum anderen entstehen neue, vielfältige Anforderungen aus der Digitalisierung in Gesellschaft und Wirtschaft. Diese Anforderungen sind sehr umfangreich und reichen oft bis tief in die Persönlichkeit hinein, wie der Umgang mit Konflikten, die Forderung nach mehr Agilität und Kreativität, der Umgang mit Fehlern und die Übernahme von Verantwortung in selbstbestimmten Teams. Insgesamt sind also die Anforderungen an uns deutlich gestiegen und sie werden weiter steigen.

Selbstregulation statt Selbstkontrolle

news aktuell: Sich selbst zu managen bedeutet, sich selbst zu strukturieren, sich Ziele zu setzen, Aufgaben zu planen und zu priorisieren, sich zu motivieren, beim Selbstmanagement führt man sich selbst. Was sind die Herausforderungen dabei?

Adlmaier-Herbst: Der häufigste Weg, den Menschen im Selbstmanagement beschreiten, ist die Selbstkontrolle – bekannt als Kampf des Verstandes gegen den inneren Schweinehund. Hier zwingt sich der Mensch zu Dingen, die er eigentlich ungern macht. Wie dieser sich dabei fühlt, ist dem Verstand egal. Der Mensch unterdrückt also seine eigenen Bedürfnisse, seine Motive und Ziele. Das kann kurzfristig erfolgreich sein, wie für den Gang zum Zahnarzt. Doch Selbstkontrolle ist durch den ständigen Kampf gegen sich selbst derart anstrengend, dass dies auf Dauer bis zur völligen Selbsterschöpfung, zu Depressionen und Burnout reichen kann.

Der beste Weg ist, sein Leben in Einklang mit den eigenen Zielen zu gestalten, dies wird Selbstregulation genannt. Selbstregulation meint den Prozess, in dem wir versuchen, einen Kompromiss zu bilden aus unterschiedlichen Anforderungen der Umwelt und eigenen Wünschen, Motiven und Möglichkeiten. Ziel ist, Anforderungen der Realität so zu bewältigen, dass möglichst wenig Stress entsteht und möglichst viele wichtige Motive berücksichtigt sind. Dies lässt sich auf Basis von wissenschaftlich fundierten Methoden und praxisnahen Tools lernen.

news aktuell: Es gibt ja diverse Methoden für die Planung und Organisation von Aufgaben. Welche Methode(n) würden Sie für das Selbstmanagement zuhause empfehlen? Und wie lassen sich diese Methoden in den Arbeitsalltag konkret integrieren?

Adlmaier-Herbst: Drei Techniken stehen hier im Vordergrund: Zeitmanagement, Motivationsregulation und Umweltkontrolle. Zum Zeitmanagement gehören realistisches Planen, eine gut durchdachte Zeitstruktur und pünktliches Beginnen. Hierfür gibt es viele bewährte Apps wie Pomodoro für die Zeitstruktur mit Arbeitsphasen und Pausen. Sie entsprechen dem 5:1-Prinzip der Lernforschung, also 25 Minuten arbeiten und 5 Minuten Pause. Zur Motivationskontrolle gehören zum einen die Kompetenz, sich für Aufgaben motivieren zu können, auf die wir keine Lust haben; zum anderen geht es darum, dass wir uns bei Unsicherheit und Ängstlichkeit beruhigen können. Bilder, Geschichten und Multisensorik spielen hier als Tools eine wichtige Rolle. Mit der Arbeitsplatzgestaltung gestalte ich meinen Arbeitsplatz so, dass ich mich wohl fühle. Hierzu gehört die Gestaltung des Raumes, aber auch bevorzugtes Essen, das die Konzentration fördert (z.B. Nüsse), Musik und Raumduft.

Mit Bildern Motivation steuern

    news aktuell: Motivation ist entscheidend beim Selbstmanagement. Sie beschreiben in einem Beitrag, wie wir uns nicht nur über den Verstand, sondern auch über unser Unterbewusstsein mit Hilfe von Bildern und Geschichten selbst besser motivieren und managen können. Können Sie diesen neurowissenschaftlichen Ansatz an einem ganz konkreten Beispiel veranschaulichen?

    Adlmaier-Herbst: Ich hatte bereits im Zusammenhang mit der Selbstkontrolle auf den Verstand hingewiesen, von Nobelpreisträger Daniel Kahneman als System 2 bezeichnet. Dessen Arbeit ist uns bewusst und wir können Auskunft darüber geben wie „Aufgrund der Argumente bin ich zum Entschluss gelangt…“. Dieses System sorgt dafür, dass wir korrekt und logisch handeln. System 1 ist hingegen jenes System, das unsere Motivation steuert. Es entscheidet nach dem Prinzip, Gutes zu suchen und Schlechtes zu meiden. Das Problem: System 1 ist nicht sprachfähig. Es nutzt Bilder und Geschichten, um zu prüfen, ob wir die Folgen einer Entscheidung mögen oder nicht.

    Bilder, die uns gefallen, können unsere Ressourcen und damit unsere Motivation aktivieren, wenn diese mit unseren aktuellen Zielen übereinstimmen - Beispiel: Bilder von Geborgenheit und Behaglichkeit, wenn wir uns gerade einsam fühlen. Nicht alle Bilder wirken also, sondern nur jene, die unsere Persönlichkeit ansprechen. Ein Beispiel für die Anwendung: Viele Menschen neigen dazu, lästige Dinge aufzuschieben. Auf die Frage, welche Bilder, Tiere, Landschaften etc. die benötigte Eigenschaft hat, wählen junge Männer oft ein Sportauto, das ihnen Energie gibt. Das Bild eines meditierenden Mönchs kann dazu beitragen, dass wir uns beruhigen, das Bild eines Jaguars auf der Jagd kann uns aktivieren. Solche Bilder lassen sich überall finden. Wichtig ist, dass sie so stark wie möglich positiv wirken, aber keinesfalls negative Gefühle auslösen – auch nicht die geringsten.

    Hühnersuppe für die Seele kochen

    news aktuell: Aber es gibt auch einfach schlechte Tage: Nichts scheint zu gelingen, das Privatleben haut uns dazwischen (unerwartete Rechnungen, Streit mit den Partner/Familie, Schule ruft an, weil Kind sich übergeben hat, Autounfall beim Einparken, etc.). Welche konkreten Tipps haben Sie für diese Tage – an denen ja trotzdem Aufgaben erledigt werden müssen? Einfach mal nur 50 Prozent Leistung liefern und negative Emotionen akzeptieren? Was noch?

    Adlmaier-Herbst: Ich empfehle eine realistische Planung, welche Aufgaben an solch einem Arbeitstag erledigt werden können. Setzen wir unsere Ziele zu hoch, sind wir frustriert, weil wir sie nicht erreichen und unsere Laune wird noch schlechter; setzen wir die Ziele zu niedrig, neigen wir zum Bummeln und vermissen das Erfolgserlebnis. Überdies könnten wir uns so anziehen, wie wir uns am wohlsten fühlen, an einem Platz in unserer Wohnung oder im Büro arbeiten, den wir am meisten mögen. Wir könnten uns die Playlist mit unserer Lieblingsmusik auf Spotify aktivieren. Unser Lieblingsgetränk bereitstellen, zwischendurch eine Freundin kurz anrufen und uns von ihr aufmuntern lassen. Kurzum: Wir könnten alles tun, was wie eine Hühnersuppe für die Seele wirkt, wie die Psychologin Maja Storch dies ausdrückt.

    news aktuell: Können Unternehmen oder Führungskräfte gesundes Selbstmanagement bei den Mitarbeitenden aktiv fördern?

    Adlmaier-Herbst: Gesunde Motivation aus System 1 kommt aus den Mitarbeitenden selbst, „intrinsische Motivation“ genannt. Aufgaben, die der Mitarbeitende nicht mag, kann dieser zwar kurzfristig ausführen, aber langfristig führt das ständige Ankämpfen gegen die eigenen aufsteigende Antriebe zu Erschöpfung, „Ego Depletion“ in der Fachsprache genannt. Es geht also darum, zunächst grundsätzlich die Passung des Mitarbeitenden für seine Aufgaben zu prüfen; stimmt diese, können die Führungskraft und Mitarbeitender die Verbindung seiner Ziele mit seinen Aufgaben herstellen, also prüfen, warum es für den Mitarbeitenden belohnend sein kann, wenn dieser seine Aufgaben erledigt.

    Wohl gemerkt, es handelt sich nicht um eine materielle Belohnung, sondern um gute Gefühle, die den Mitarbeitenden belohnen. Zu diesen guten Gefühlen gehört die Gemeinschaft mit anderen Mitarbeitenden, Erfolgserlebnisse durch gelungene Projekte, das Gefühl der Selbstwirksamkeit, Siegesgefühl beim Lösen schwieriger Aufgaben oder das Freiheitsgefühl, wenn der Mitarbeitende seinen eigenen Weg geht, um seine Aufgaben zu erledigen.

    3 Tipps für ein gesundes Selbstmanagement

    1. Realistisch planen und pünktlich beginnen. Eine gute Zeitmanagement-Methode ist z.B. Pomodoro, die nach dem 5:1 Prinzip funktioniert (gibt es auch als App): 25 Minuten arbeiten - 5 Minuten Pause
    2. Unsicherheiten mit positiven Bildern und Geschichten begegnen: Tiere, Motive oder Landschaften vor dem inneren Auge visualisieren, die Gefühle hervorrufen, die wir gerade benötigen (z.B. sprintender Jaguar für Jagd, meditierender Mönch für Beruhigung, rasendes Sportauto für Energie...)
    3. Bei schlechten Tagen Hühnersuppe für die Seele kochen: Lieblingsarbeitsplatz, Lieblingsplaylist, Lieblingsgetränk, Lieblingskleidung auswählen, Lieblingsfreundin oder -freund anrufen.

      Zur Person: Prof. Dr. Georg Adlmaier-Herbst ist Marken- und Kommunikationsexperte. Er lehrt und forscht an der Universität der Künste Berlin zu Themen der Digitalisierung, der Kommunikation und des Selbstmanagements. Darüber hinaus ist er als selbstständiger Berater, Trainer und Coach tätig.

      Interview: Beatrix Ta

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