PR-Bild Award 2021 Shortlist NGO Kindernothilfe

#prba21: Kinderarbeit hat viele Gesichter

Events - 10. Sep 21

Mit dem Bild "Schwere Last auf schmalen Schultern" hat es die Kindernothilfe auf die diesjährige Shortlist des PR-Bild Award geschafft. Es ist ein trauriges Bild, das die prekäre Situation vieler Kinder dieser Welt veranschaulicht und aufzeigt, dass Kinderarbeit in vielen Teilen der Erde noch Alltag ist. Wir sprachen mit Angelika Böhling über die Entstehungsgeschichte des Fotos, inwiefern Corona Kinderarmut noch verschärft hat und welche Unterstützung sich die NGO von Politik und Gesellschaft wünscht.

Angelika Böhling Kindernothilfe
Angelika Böhling, Pressesprecherin der Kindernothilfe. Foto: Jakob Studnar

news aktuell: Seit 2009 gibt es den von der UNO ins Leben gerufenen "Welttag der sozialen Gerechtigkeit" - immer am 20. Februar. Dabei soll auf die globalen Ungerechtigkeiten und ihre Auswirkungen wie Armut, Hunger und Benachteiligung aufmerksam gemacht werden. Sie haben das Bild des Jungen an diesem Tag auf Ihren sozialen Kanälen gespielt. Wie und wo ist es entstanden und welche Geschichte erzählt es?

Böhling: Kinderarbeit hat viele Gesichter. Das Foto von Christian Herrmanny erzählt auf eine traurige und erschreckende Art und Weise, dass auch im 21. Jahrhundert noch viele Mädchen und Jungen unter ausbeuterischen und gefährlichen Bedingungen arbeiten müssen und dabei vielen (gesundheitlichen) Gefahren ausgesetzt sind. 
Entstanden ist das Bild auf der Insel Nias, einer der ärmsten Regionen Indonesiens. Durch die vorherrschende schwere Armut finden Kinderrechte dort nur wenig Beachtung. Die meisten Kinder haben nicht die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Bildung hat hier immer noch eine geringe Priorität, Kinderarbeit hingegen eine lange Tradition. Die Arbeitskraft vieler Mädchen und Jungen wird fast überall eingesetzt – vornehmlich sind sie in Arbeitsbereichen wie dem Sammeln von Sand und dem Brechen von Steinen zu finden, sie arbeiten jedoch auch auf Gummibaumplantagen und tragen schwere Lasten an Häfen – wie auch dieser Jugendliche auf dem Foto. Er trägt geronnenen Kautschuk zum Abtransport vom Fluss zum Lastwagen. Die zusammengebundene Rohmasse kann bis zu 70 kg wiegen, weshalb es vor allem Aufgabe der Jungen ist, die Pakete zu einem Lastwagen zu tragen. Nicht nur der Transport, sondern bereits die Kautschukernte im Urwald birgt Gefahren. Oftmals werden die Kinder von Wildschweinen und giftigen Tieren angegriffen. 

Von diesen dramatischen Auswirkungen der Kinderarbeit bekommt eine staatliche Aufsicht meist gar nichts mit. Die Mehrheit der Kinder lebt auf der Insel Nias ohne offizielle Identität und oft auch ohne jedwedes Recht.  

news aktuell: Wie wurde es von der Öffentlichkeit und von den (sozialen) Medien rezipiert? Welche Resonanz gab es?

Böhling: „Schwere Last auf schmalen Schultern“ ist in diesem Jahr eines unserer Kampagnenbilder zum Thema Kinderarbeit, das die prekäre Situation vieler Kinder dieser Welt veranschaulicht und aufzeigt, dass Kinderarbeit in vielen Ländern der Welt immer noch Realität ist. 

Das Bild des kautschuktragenden Jungen kann als Sinnbild für soziale Ungerechtigkeit gesehen werden, weshalb wir das Foto am „Welttag der sozialen Gerechtigkeit“ auf unseren sozialen Kanälen gespielt haben. Es zeigt, dass das Leben stark davon beeinflusst wird, wo ein Kind geboren wird und in welchen Verhältnissen es aufwächst. Gerade Kinder auf der indonesischen Insel Nias leben immer noch unter ausbeuterischen Bedingungen, obwohl Indonesien die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen unterschrieben hat. 

Insgesamt erreichten wir mit diesem Beitrag 1.343 Instagram-Konten. Ebenso wurde das Kampagnenbild auf der Webseite zum Tag gegen Kinderarbeit verwendet. 

news aktuell: Fotos von Kindern im NGO-Bereich stehen nicht selten in der Kritik, das Elend für Spendenzwecke zu instrumentalisieren. Wie kann man Missstände aufzeigen, ohne die Betroffenen zu entwürdigen, aber gleichzeitig die Brisanz ihrer Situation deutlich machen?

Böhling: Bei der heutigen Informationsflut und der multiplen Verwendung von (Leidens-)Bildern führen NGOs oftmals einen regelrechten Kampf um Aufmerksamkeit und Interesse der Spender:innen. Es sind die Einzelschicksale, als Geschichten erzählt, die die Menschen berühren. 

Generell stehen Hilfsorganisationen vor folgender Krux: Wie erreicht man heutzutage noch jemanden, wie dringt man bei der Gesellschaft mit Nachrichten über die verheerende Notsituation von Kindern und Jugendlichen in Krisen- und Kriegsgebieten noch vor? Und wie lässt sich helfen, ohne die Teilung der Welt in Helfer und Opfer zu befördern? Menschen in Notlagen als hilflose Opfer darzustellen, birgt auch oft die Gefahr, den sogenannten White Savior Topos zu bedienen und damit koloniale Machtverhältnisse letztendlich zu reproduzieren. Durch die multiple Verwendung von klassischen Leidensbildern gewöhnen sich viele Menschen an die Bildmotive, manche resignieren sogar und spenden überhaupt nicht mehr. 

Wir distanzieren uns als Kindernothilfe von klassischen Elendsbildern – Kinder mit Wasserbauch und Fliegen auf den Augenlidern oder das Maßband, welches um den zu dünnen Kinderarm gehalten wird. Das Wohl, der Schutz und die Sicherheit von Kindern haben oberste Priorität bei all unseren Aktivitäten. Unsere Kinderschutz-Policy ist daher nicht nur Grundlage für unsere Projektarbeit im In- und Ausland, sondern auch für die Erstellung von Bildmaterial und dessen Verwendung. 

Grundsätzlich versuchen wir, positive Gegenbilder zu schaffen, die aufzeigen, dass der Kampf für das Gute gewonnen werden kann und Kinder weltweit ihre Potenziale erreichen können – wenn ihnen geholfen wird. Dazu wollen wir Kinder als Persönlichkeiten mit vielen Facetten und Potenzialen darstellen und die Reduzierung auf eine reine Opferrolle oder andere Stereotype vermeiden. Das ist beispielsweise bei Themen wie der Kinderarbeit und der Kautschukernte eine Herausforderung: Wir wollen als Nichtregierungsorganisation auf die Missstände von Kindern und Jugendlichen weltweit aufmerksam machen, zeitgleich sollen sie nicht auf eine Opferrolle reduziert werden. 

Wir nehmen wahr, dass sich die Bildsprache von NGOs generell im Wandel befindet. Viele Kampagnen(bilder) versuchen mittlerweile, eine positive Gegenwelt zu schaffen, die aufzeigt, was mit Hilfe und Unterstützung möglich sein kann. 

news aktuell: Inwiefern hat die Coronapandemie die Not von Kindern weltweit noch verschärft und noch mehr Kinder in Armut gebracht?

Böhling: Die Coronapandemie sorgt dafür, dass sich die globalen Ungerechtigkeiten verstärkt haben. Besonders wirkt sie sich negativ auf Grundrechte wie das Recht auf Bildung, Gesundheit und Nahrung aus. Erstmals seit 20 Jahren steigt die Zahl der weltweit arbeitenden Kinder. Nach einem aktuellen Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) mit UNICEF arbeiten etwa 160 Millionen Kinder weltweit. Hilfsorganisationen schätzen, dass durch die globale Pandemie etwa 86 Millionen Kinder zusätzlich von Armut betroffen sind. Das ist ein Anstieg von etwa 15 Prozent. 

Die Situation vieler Mädchen und Jungen wird durch die Folgen der Coronapandemie noch weiter verschärft. Da viele Eltern ihre Arbeit verloren haben, müssen auch ihre Kinder arbeiten. Sie sind die größten Verlierer dieser Krise und werden in ihrer Entwicklung ausgebremst. 

Viele arbeitende Kinder und Jugendliche konnten bereits vor der Pandemie Schulgebühren und -materialien kaum bezahlen. Der Zugang zu Bildung hat sich seit dem Coronaausbruch noch einmal verschlechtert. Gerade die Schulschließungen machen die digitale Ausgrenzung noch einmal deutlicher. So ist Online-Unterricht in vielen Teilen der Welt ein Problem, da viele Kinder weder über ein Telefon noch Internetzugang verfügen. Einige unserer Partnerorganisationen befürchten sogar, dass viele Kinder gar nicht mehr in der Lage sein werden, wieder zur Schule gehen zu können. 
Vor der Pandemie haben viele Kinder in Schwellen- und Entwicklungsländern bereits arbeiten müssen. Durch Covid-19 sind ungefährliche Tätigkeiten weggebrochen. Stattdessen arbeiten viele Mädchen und Jungen jetzt in Jobs, die ihre Gesundheit, ihre Psyche und ihr Aufwachsen extrem gefährden.

Auch die Ernährungssituation arbeitender Kinder und Jugendlicher hat sich seit Beginn der Coronapandemie verschlechtert. Viele Familien haben einen schlechteren Zugang zu Lebensmitteln, essen reduziertere und weniger ausgewogene Mahlzeiten. 

Diese Ergebnisse gehen aus einer explorativen Studie über die Auswirkungen der Coronapandemie auf das Leben arbeitender Kinder und ihrer Familie zurück, die die Kindernothilfe bereits 2020 in sechs Ländern durchgeführt hat. 2021 fand in Kooperation mit sechs Partnerorganisationen aus Bolivien, Guatemala, Indonesien, Kenia, den Philippinen und Sambia eine Folgebefragung statt. Weitere Informationen zu den Ergebnissen und zu den Studien gibt es hier sowie hier

news aktuell: Inwiefern setzt sich die Kindernothilfe konkret für den Schutz von Kindern ein?

Böhling: Die Kindernothilfe unterstützt Kinder und ihre Familien aktiv dabei, der Armut zu entkommen. Wir errichten in unseren Projektländern beispielsweise Kinderzentren, in denen Mädchen und Jungen eine neue Chance bekommen sollen. Dort erhalten sie Erste Hilfe und medizinische Grundversorgung. Um gegen Mangelernährung vorzugehen, gibt es ebenfalls gesunde Mahlzeiten. Täglicher Förderunterricht soll den Kindern und Jugendlichen dabei helfen, versäumten Lernstoff wieder aufzuholen, damit sie bald eine staatliche Schule besuchen können. 

Mit Programmen zur Ernährungs- sowie Existenzsicherung und Armutsreduktion unterstützt die Kindernothilfe durch Hilfe zur Selbsthilfe. Selbsthilfegruppen und Alphabetisierungskurse helfen dabei, das Einkommen und die Nahrungsbeschaffung zu verbessern, sodass Eltern nicht mehr auf die Arbeit ihrer Kinder angewiesen sind. Darüber hinaus arbeiten wir vor allem mit Müttern zusammen. Sie lernen, wie sie ihr eigenes Geld mit Geschäftsideen, etwa dem Verkauf von Brot oder einem kleinen Gemüsestand, verdienen können. 

Zudem setzen wir uns zum Beispiel dafür ein, dass Kinder Zugang zu kostenloser Bildung bekommen. Wir arbeiten in diesem Zusammenhang gemeinsam mit politischen Pflichtträgern, um auf die Staaten einzuwirken. Diese sollen ihrer Verantwortung nachkommen, Kinder vor ausbeuterischer Kinderarbeit zu schützen und sich gegen Kinderarbeit einzusetzen. 

news aktuell: Welche konkreten Maßnahmen würden Sie sich denn unterstützend von der Politik, aber auch von unserer Gesellschaft wünschen, um Armut und Ausbeutung von Kindern weltweit zu reduzieren?

Böhling: Im Vorfeld zur Bundestagswahl 2021 hat die Kindernothilfe die Wahlprogramme der Parteien unter die Lupe genommen und auf ihre Kinderrechte-Tauglichkeit geprüft. Gerade in Zeiten der Pandemie haben wir feststellen müssen, dass Kinder und Jugendliche und ihre Rechte bei vielen Entscheidungen hintenanstanden. Es ist wichtig, dass sich die Parteien auch mit Themen auseinandersetzen, die junge Menschen in unserem Land und auf der ganzen Welt bewegen. Die Politik sollte mehr dazu beitragen, dass junge Menschen geschützt und gefördert werden. 

Kinder und Jugendliche sollten ein Recht darauf haben, bei Dingen, die ihr Leben betreffen, einbezogen zu werden. Wir kämpfen daher weiter dafür, dass in der nächsten Legislaturperiode Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden. Die Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz würde zu einer Stärkung der Kinder und ihrer Rechte beitragen. Wir sehen darin die Chance, den Staat stärker in die Pflicht zu nehmen, kindgerechte Lebensverhältnisse zu schaffen und Kinderarmut zu bekämpfen. 

Der Wunsch nach mehr Partizipation geht auch aus der oben genannten Studie hervor. Es braucht in Schwellen- und Entwicklungsländern mehr Plattformen für arbeitende Kinder, Jugendliche und ihre Bezugspersonen, um ihre Erfahrungen mitteilen und mit der Politik in einen Dialog treten zu können. Es ist wichtig, dass Betroffene Einfluss auf Entscheidungsprozesse und politische Maßnahmen nehmen können. Das würde ihre Überlebens- und Entwicklungschancen erhöhen. 

Aber auch jede:r Einzelne hier kann etwas gegen Armut und Ausbeutung von Kindern weltweit tun. Weniger Konsum und bewussteres Einkaufen sind ein erster Schritt. Aktiv kann jede:r Unternehmen in verschiedenen Branchen unterstützen, die zur Abschaffung von ausbeuterischer Kinderarbeit beitragen. Das beschlossene Lieferkettengesetz ist zwar erst ein Anfang, aber es könnte entscheidend dazu beitragen, Kinderrechte entlang globaler Lieferketten zu schützen. Arbeiter:innen in den Bekleidungsfabriken Bangladeschs beispielsweise sollten für ihre Arbeit fair entlohnt werden, damit sie ihren Kindern den Zugang zu Bildung und zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung ermöglichen können.

Interview: Beatrix Ta

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