Nachhaltigkeit muss Freude machen

Kommunikation - 06. Aug 21

Über 430.000 Tonnen Elektroschrott haben wir 2020 in Deutschland produziert. Defekte Geräte werfen wir nämlich einfach weg, obwohl wir sie noch reparieren könnten. Das ergab eine Studie des Versicherers Wertgarantie. Wir sprachen mit der Kommunikationschefin Ulrike Braungardt über das Reparaturverhalten der Deutschen, inwiefern Wertgarantie Nachhaltigkeit im Unternehmen umsetzt und warum Spaß dabei eine wesentliche Rolle spielt.

Ulrike Braungardt Leitung Unternehmenskommunikation Wertgarantie
Ulrike Braungardt, Leitung Unternehmenskommunikation beim Versicherer Wertgarantie. Foto: Sebastian Krahforst

news aktuell: Wertgarantie ist ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit: Ihre Geschäftsstrategie seit Gründung 1963 beruht auf Reparieren statt Wegwerfen. Können Sie uns das an einem konkreten Beispiel veranschaulichen?

Braungardt: Nehmen wir Ihr Smartphone. Es fällt Ihnen aus Versehen runter. Sie haben einen Display-Bruch. Wenn Sie das Gerät bei uns versichert haben, dann gehen Sie einfach damit zu Ihrem Fachhändler, der es repariert. Sie bekommen es innerhalb kürzester Zeit zurück und müssen sich um nichts kümmern. Die Abrechnung der Reparatur erfolgt direkt zwischen dem Fachhändler und uns. Alternativ können Sie Ihr defektes Gerät auch über unser Kundenportal an uns melden und wir schlagen Ihnen dann einen Reparaturdienstleister in Ihrer Nähe vor. Zudem können Sie über unseren Reparatur-Marktplatz auf wertgarantie.de selbst einen passenden Partner finden. Ein bis zwei Tage später bekommen Sie es dann wieder repariert zurückgeschickt. Bei einem kaputten Fahrrad ist es im Grunde genauso: Sie hatten z.B. einen Unfall oder einen Verschleißschaden. Sie gehen zu Ihrem Fahrradhändler, der es repariert und direkt mit uns abrechnet. 

news aktuell: Inwiefern unterscheiden Sie sich mit Ihrem Geschäftsmodell von anderen Versicherungen?

Braungardt: Wir fokussieren uns seit unserer Gründung 1963 komplett auf das Thema Reparatur und. sind extrem lange und daher sehr gut im Fachhandel verwurzelt. Wir haben über 7.000 Handelspartner allein in Deutschland. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir unsere Versicherungen auch für gebrauchte Geräte anbieten. Ihre zehn Jahre alte Waschmaschine können Sie auch noch bei uns gegen Reparaturkosten absichern. 

news aktuell: Corona hat viele Menschen nochmal mehr sensibilisiert für einen bewussteren Umgang mit den Ressourcen und ein nachhaltigeres Konsumverhalten verstärkt. Ist das Ihrer Meinung nach nur eine kurzfristige Tendenz?

Braungardt: Nein, das glaube ich nicht. Nachhaltigeres Verhalten ist schon vor Corona immer mehr ins Bewusstsein gerückt. Bei Plastikmüll hat das Umdenken schon vor längerer Zeit eingesetzt: Wir gehen in den Supermarkt und bringen unsere eigene Tasche mit, oder wir waschen uns die Haare mit einem Stück Seife statt mit Shampoo aus der Plastikflasche. 

Elektroschrott wird ein zunehmend wichtiges Thema. Da gibt es inzwischen verschiedene Studien dazu. Laut dem Global E-Waste Monitor etwa kamen 2019 weltweit 53,6 Millionen Tonnen Elektroschrott im Jahr zusammen. Das sind 5.300 Eiffel-Türme, oder so viel, wie wenn alle erwachsenen Europäer gemeinsam auf eine Waage klettern würden. Deshalb bin ich total sicher, dass die Sensibilität der Verbraucher in Sachen Nachhaltigkeit nicht wieder abnehmen wird. 

news aktuell: Reparieren ist ja ein ganz wichtiger Baustein innerhalb eines nachhaltigen Konsumverhaltens. Ist es nicht leider immer noch ein viel größerer Trend, lieber wegzuschmeißen und neu zu kaufen? Einfach, weil sich eine Reparatur nicht rechnet?

Braungardt: Da ist auf alle Fälle noch viel Luft nach oben. Das Thema ist vielschichtig. Der Mensch an sich mag es manchmal sehr bequem. Es erscheint uns vermeintlich einfacher, etwas Neues anzuschaffen als Altes zu reparieren. Auch gibt es eine Menge Technikfreaks, die immer das neueste Smartphone oder das neueste TV-Gerät haben müssen. Und dann gibt es einfach Dinge, die lassen sich nicht mehr reparieren. Manche argumentieren auch mit der Energieeffizienz: Ein neues Gerät würde doch weniger Strom oder Wasser verbrauchen als das alte. Das ist grundsätzlich richtig. Aber inzwischen sind die Effizienzsprünge gar nicht mehr so groß, wie Studien belegen. Das heißt, wenn man jetzt eine fünf Jahre alte Maschine hat und sich eine neue kauft, spart man gar nicht mehr unbedingt viel Energie ein. 

news aktuell: Und wie schaut es bei Ihrer Kundschaft aus? Wie viele Versicherte entscheiden sich für eine Reparatur statt für einen Neukauf?

Braungardt: Bei uns werden tatsächlich drei von vier defekten Geräten repariert. Wir haben also eine Reparaturquote von 75 Prozent. Diese Zahl zeigt, dass sehr viel repariert werden kann und diejenigen, die ihre Geräte bei uns versichert haben, verstehen das und sind zufrieden, dass mit dieser Reparatur Ressourcen geschont werden. 

news aktuell: Ihre Kunden verhalten sich also schon sehr nachhaltig. Ihr Geschäftsmodell fördert dieses Verhalten in gewisser Hinsicht ja auch. Anders sieht es leider noch aus, wenn wir uns das Reparaturverhalten der Deutschen allgemein anschauen. Dazu haben Sie eine Studie gemacht. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?

Braungardt: Wir haben Ende vergangenen Jahres durch das Institut imug eine repräsentative Befragung mit 5.400 Verbrauchern durchführen lassen. Die Studie hatte die 38 gängigsten elektrischen Haushaltsgeräte im Blick und es ging um die Frage, wie sich die Deutschen bei defekten Geräten verhalten. Für mich gab es zwei wesentliche Erkenntnisse. Die erste: Im Jahr 2020 haben wir allein in Deutschland über 430.000 Tonnen Elektroschrott produziert! 

news aktuell: Abstrakte Zahl, was genau kann ich mir darunter vorstellen? 

Braungardt: Das entspricht 28 Mittelstrecken-Flugzeugen pro Tag – also dem Leergewicht einer ganzen Flotte von Urlaubsfliegern! So viel Elektroschrott produzieren wir allein in Deutschland jeden Tag. 

news aktuell: Wahnsinn! Welche Dinge im Haushalt gehen denn besonders schnell kaputt?

Braungardt: Dinge, die besonders häufig in Gebrauch sind: zum Beispiel Smartphones, Waschmaschinen, Drucker, aber auch Kaffeevollautomaten. Unsere Studie hat gezeigt, dass fast die Hälfte der Haushaltsgeräte innerhalb von zehn Jahren kaputt geht. 

news aktuell: Und was machen die Deutschen dann?

Braungardt: Dann kommt die zweite ernüchternde Zahl aus unserer Studie zutage: Aktuell entscheiden sich noch 78 Prozent der Menschen, ein neues Gerät anzuschaffen, wenn das alte funktionsunfähig ist. Im Umkehrschluss heißt das, nur in 22 Prozent der Fälle wird noch einmal repariert. 

news aktuell: Warum kaufen sich die Deutschen in der Mehrzahl lieber etwas Neues?

Braungardt: Das hat verschiedene Gründe. Es kann der Wunsch nach etwas Neuem sein, oder aber die Höhe der Reparaturkosten. Für ein Drittel der Befragten ist die Reparatur zu teuer, weil sie kaum günstiger oder sogar teurer ist als eine Neuanschaffung. Wenn man hingegen eine Geräteversicherung mit Reparaturoption hat, zahlt man nichts für die Reparatur, und ist dementsprechend eher bereit, zu reparieren. 

news aktuell: Was sich ja in Ihren Auswertungen spiegelt. Sie sagten ja vorhin, dass die defekten Geräte Ihrer Kunden zu 75 Prozent repariert werden. 

Braungardt: Ja, da ist das Verhältnis umgekehrt. Deshalb war für mich diese Zahl auch so erstaunlich. Vier von fünf Geräten werden laut unserer Studie entsorgt, bei unseren Versicherten werden hingegen drei von vier Geräten repariert. Wenn wir also mehr Menschen überzeugen könnten, ihre Geräte reparieren zu lassen, könnten wir mit relativ geringem Aufwand Elektroschrott vermeiden. Unser Ziel ist es deshalb auch, über unsere Öffentlichkeitsarbeit das Bewusstsein der Verbraucher zu schärfen.

Elektroschrott-Riese Wertgarantie Tollwood 2021
Aus 100% Elektroschrott: Der Wertgigant des Aktionskünstlers HA Schult tourt durch Deutschland, aktuell steht er auf dem Münchner Tollwood. Foto: Klaus Wolf / Wertgarantie

news aktuell: Öffentlichkeitsarbeit ist ein gutes Stichwort. Wie haben Sie denn die Studie kommunikativ begleitet? 

Braungardt: Ganz klassisch über Pressearbeit, aber auch über die Direktkommunikation mit unseren Handelspartnern in Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Unsere Partner haben von uns POS-Material bekommen, denn sie sind ja unsere wichtigsten Multiplikatoren für die Endverbraucher. Und wir haben auch B2C-Meldungen herausgegeben und die Studie unter anderem über Presseportal.de kommuniziert. 

Außerdem arbeiten wir mit dem Aktionskünstler HA Schult zusammen, der sich bereits seit vielen Jahren mit den Themen Schrott und Müll beschäftigt. Einige kennen ihn vielleicht von seinen Trash People, die er zum Beispiel an den Pyramiden von Gizeh oder auf der Chinesischen Mauer aufgestellt hat. Für unsere Aktion hat er unter anderem bei unseren Partnern Schrott eingesammelt und damit eine große Skulptur erschaffen, die momentan in München auf dem Tollwood-Festival zu sehen ist. Der Plan ist, dass dieser Wertgigant in den nächsten Monaten durch Deutschland tourt, was wir PR-seitig auf sämtlichen Kanälen begleiten wollen. 

Jeder, der sich für die Studie, unsere Aktionen und das Thema Reparieren und Elektroschrott bzw. Schrottvermeidung und Nachhaltigkeit interessiert, kann sich außerdem auf der Seite reparieren-statt-wegwerfen.de schlau machen.

news aktuell: Nachhaltigkeit verankern Sie aber nicht nur bei Ihren Produkten, sondern auch im Unternehmen selbst. Wie füllen Sie hier Ihr Nachhaltigkeitsprinzip konkret mit Leben?

Braungardt: Unsere Geschäftsstrategie basiert auf Nachhaltigkeit, das ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für uns und prägt uns daher in ganz vielen Bereichen. Ich fange mal bei kleinen Dingen an: Wir haben z.B. 250.000 Mitarbeiter, die regelmäßig bei uns vom Dach fliegen Das sind unsere Bienen, die im nahegelegenen Maschpark ausschwärmen und unseren eigenen Honig produzieren. Das ist auf den ersten Blick vermeintlich „nur Kleinkram“, aber macht Freude. Wir achten auf einen klimafreundlichen Versand unserer Briefe, setzen bei Druckerzeugnissen auf regionale Dienstleister und beziehen 100 Prozent Ökostrom. 

Im Mittelpunkt unserer Nachhaltigkeitsprinzips stehen aber unsere Mitarbeitenden, denn nur sie machen den Erfolg des Geschäfts möglich. Deshalb investieren wir gezielt in Weiterbildung, in die Gesundheit etwa durch Sportangebote, umfangreiche Sozialleistungen und flexible Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle. Ich bin das beste Beispiel dafür. Nach der Elternzeit habe ich mit einem Tag angefangen. Dann anderthalb, zwei, drei, vier Tage. Und irgendwann wurde ich Führungskraft in Teilzeit. Das geht bei uns. 

Auch schaffen wir Anreize zum Thema Nachhaltigkeit. Wir bieten Job-Tickets oder Fahrrad-Leasing-Angebote für alle. Und wir haben eine Nachhaltigkeitsgruppe im Unternehmen eingerichtet, die sich aus Mitgliedern aller Unternehmensbereiche zusammensetzt. Sie tragen das Thema in ihre Teams und bringen wiederum aus ihren Teams Input hinein in die Gruppe. Sprich, wir setzen sehr stark auf den Dialog unter allen Mitarbeitenden. 

news aktuell: Sehr ganzheitlich gedachte Nachhaltigkeit also. Wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit aus? Nachhaltigkeit ohne wirtschaftlichen Erfolg funktioniert ja nicht langfristig, oder?

Braungardt: Definitiv. Nachhaltigkeit besteht für mich aus drei Säulen: Soziales, Ökologie und Ökonomie. Nehmen Sie die Digitalisierung: Wir digitalisieren Prozesse bei uns, etwa, indem wir eingehende Dokumente scannen und so automatisiert durchlaufen lassen. Das macht einerseits den Prozess schneller und spart an der Stelle Arbeitskraft ein, andererseits werden bei den Mitarbeitenden dann Ressourcen für andere Aufgaben frei, die vielleicht auch noch dazu attraktiver sind.

news aktuell: Gibt es Learnings in Sachen Nachhaltigkeit, die Sie anderen Unternehmen weitergeben können?

Braungardt: Zum Beispiel, dass Nachhaltigkeit ein Prozess ist. Man kann nicht mit dem Finger schnippen und ist dann sofort total nachhaltig. Das muss man allen im Unternehmen klar machen und manchmal Überzeugungsarbeit leisten. Man muss die ganze Belegschaft mitnehmen und nicht von oben etwas aufoktroyieren. Daher haben wir auch das bereichsübergreifende Nachhaltigkeitsteam ins Leben gerufen. 

Wichtig ist auch, dass man sich nicht verzettelt. Wir machen regelmäßig eine Wesentlichkeitsanalyse: Was ist wirklich für uns als Unternehmen relevant und welche Dinge tun wir, die für die Gesellschaft relevant sind? Auch hier ist wieder ein intensiver Dialog mit allen Stakeholdern innerhalb und außerhalb des Unternehmens essentiell. 

Und letztlich darf der Spaß nicht zu kurz kommen. Die Bienen auf unserem Dach sind im Gesamtkontext vielleicht nicht entscheidend, aber uns bereiten sie viel Vergnügen. Wir haben vor einiger Zeit Seifenspender aus recycelten Getränkekartons in den Waschräumen aufgestellt. Das gab in unserem Social Intranet einen Begeisterungssturm, obwohl es eine Kleinigkeit ist. Aber diese Kleinigkeiten machen Freude. Und die sollte man bei dem ganzen Thema nicht vergessen. 

Interview: Beatrix Ta

Schlagworte:

Ihr Kommentar

captcha

Newsletter abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und erhalten immer die neuesten Updates rund um das Thema Kommunikation (max. 2/Monat).

Sicherheitsfrage