Mit EiS gegen Sprachbarrieren

Kommunikation

Sprache bedeutet Verständigung, Sicherheit und prägt unser Selbstverständnis. Dass Sprache aber nicht für alle Menschen gleich zugänglich ist, nimmt man oft erst wahr, wenn man auf Betroffene und ihre Geschichten stößt. Anke Schöttlerseit 14 Jahren Projektmanagerin bei news aktuell, hat einen Sohn mit Down Syndrom. Seit zwei Jahren entwickelt sie die inklusive Sprachlern-App EiS - neben ihrem Hauptjob. Im Blog erzählt sie, wie es dazu kam, was die App kann und warum die Medienbranche noch einige Barrieren abbauen muss.

news aktuell: Liebe Anke, an wen richtet sich die von Dir und Deinem Team entwickelte "EiS-App"? Wie ist sie aufgebaut?

Anke Schöttler entwickelt mit dem EiS-Team eine inklusive Sprachlern-App. Foto: Katja Nitsche

Anke: Die EiS-App ist quasi ein Wörterbuch für die Hosentasche zum Gebärdenlernen. Aufgebaut aus vier Modulen: Symbol, Wort, Audio und Gebärdenvideo. Sie richtet sich an Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen eine Sprachentwicklungsverzögerung haben. Gründe können z.B. das Down-Syndrom, aber auch Autismus, das Erlernen des Deutschen als Zweitsprache oder schlicht der fehlende Mut, sich lautsprachlich auszudrücken sein. Es ist wissenschaftlich belegt, dass diesen Kindern lautsprachunterstützende Gebärden im Alltag helfen und ihre Teilhabe in Kita, Schule und Freizeit erhöhen.

Leider lernen nicht alle Kinder automatisch schon in der Kita einen Grundwortschatz an Gebärden. Für viele könnte dies eine Kommunikationsbarriere absenken, vor der sie alltäglich stehen. Deshalb entwickeln wir die EiS-App. Dabei ist uns wichtig, dass das Design barrierefrei ist. Wir nutzen sogennante METACOM-Symbole, die bundesweit in der Unterstützten Kommunikation eingesetzt werden. Kinder, die noch nicht lesen und schreiben können, finden sich anhand dieser Symbole in der App zurecht. Ein lautsprachliches Vorbild bietet Orientierung für die Aussprache und das geschriebene Wort schult das Auge bereits für das Lesen.

Die Gebärden werden durch Videos vermittelt. Da nicht nur „inklusiv“ an der App dran stehen, sondern auch drin sein soll, sind die Darsteller Kinder mit und ohne Behinderung. Kinder auch deshalb, weil die EiS-App keine weitere Lernsituation darstellen soll, in der Kinder von Erwachsenen belehrt werden, sondern weil sie spielerisch und mit Spaß voneinander lernen können.

Detailansicht für die vier Module am Beispiel des Begriffs „Eis“. Screenshot aus der nativen App für Android. Foto: Wörterfabrik für Unterstützte Kommunikation

news aktuell: Der Grundstein für die App wurde beim Hackathon der ZEIT im Frühjahr 2017 gelegt. Wie kam es dazu? 

Anke: Die ZEIT hatte aufgerufen, Ideen für die Zukunft der Bildung zu pitchen. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und meine Idee einer inklusiven Sprachlern-App vorgestellt. Mein Sohn lebt mit dem Down-Syndrom. Wir als Familie, Oma, Opa, Freund*innen, Lernbegleiter*innen und Assistenzen stehen alltäglich genau vor der Kommunikationsbarriere, die eine solche App absenken könnte. Eigentlich hatte ich gehofft, dass jemand im Publikum sitzt, der sagt: „Ha, langweilig, gibt’s ja schon!“. Aber es kam anders. Das hat meine letzten zwei Jahre sehr aufregend, lehrreich und häufig schlaflos gemacht, da jede freie Minute in die App-Entwicklung und alles was damit zusammenhängt, geflossen ist.

news aktuell: Auf dem Hackathon hast Du auch dein jetziges Team kennengelernt. Hat sich eure Einstellung zu dem Thema Inklusion seitdem verändert?

Anke: Ja, meine vier großartigen EiS-Kollegen haben sich beim ZEIT Hackathon entschieden, drei Tage lang gemeinsam einen Prototyp zu entwickeln. Ihnen war gar nicht bewusst, dass solch eine Kommunikationsbarriere überhaupt existiert. Dass wir am Ende den Hackathon sogar gewonnen haben, hat uns alle überrascht und ein Feuer für unser Herzensprojekt entfacht, das bis heute brennt. Wir arbeiten immer noch in der gleichen interdisziplinären Besetzung zusammen: Luisa ist Grundschullehrerin, Marcus Entwickler und Geschäftsführer der Softwarefirma tabLab GmbH, Ron Leiter der Backend-Entwicklung von ZEIT ONLINE und Saskia Teamleiterin im Schüler- und Studierendenmarketing des ZEIT-Verlags.

Unsere Einstellung zum Thema Inklusion hat sich insbesondere durch die Teilnahme an der Digital Imagination Challenge von Unitymedia Ende letzten Jahres noch einmal verändert und geschärft. Fünf Projekte, die durch technologiebasierte Lösungen die Inklusion im Alltag vorantreiben und digitale Barrieren abbauen, wurden ausgewählt. Dank des Austausches mit den anderen Projektinitiator*innen, der Unterstützung durch die Sozialhelden und die Coaches, die uns durch das ImpactHub in Berlin zur Seite gestellt wurden, ist uns klar geworden, dass es nicht allein darum geht mit der EiS-App eine digitale Hilfe auf den Markt zu bringen, damit möglichst viele Kinder und ihr soziales Umfeld selbstbestimmt kommunizieren können.

Wir wollen uns dafür einsetzen, ein Bewusstsein für diese Barrieren im Alltag zu schaffen. „Das war mir gar nicht bewusst“, hören wir immer wieder. Exklusion entsteht viel zu oft durch Unwissen und vielleicht auch durch Unsicherheit im Umgang mit Menschen mit Behinderungen – so entstehen Barrieren in den Köpfen. 

Das EiS-Team bestehend aus v.l.n.r. Marcus Willner, Luisa Heinrich, Anke Schöttler, Saskia Heim, Ron Drongowski. Foto: Dennis Williamson/ZEIT-Verlag

news aktuell: Was würdest Du dir für die Zukunft der Bildung wünschen? Wo siehst Du Nachholbedarf?

Anke: Eine Schule für alle – das wäre mein Wunsch! Ich finde, inklusive Bildung darf keine Altersbeschränkung haben. In Kita und Grundschule funktioniert das gemeinsame Lernen oft schon ganz gut. Aber die Wahl der weiterführenden Schule führt bei viel zu vielen Kindern, die besondere Bedürfnisse an ihre Lernumgebung haben, immer noch in die Förderschule. Ganz zu schweigen vom Eintritt ins Berufsleben, wo ein Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt nur den allerwenigsten offensteht.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass inklusives Zusammenleben eine große Bereicherung ist. Dank meines Sohns sehe ich viele Dinge aus einer anderen Perspektive. Ich glaube, die Zukunft der Bildung liegt darin, Kinder nicht nach ihren Defiziten zu sortieren, sondern ihnen die Chance zu geben, gemeinsam voneinander zu lernen. Ich erlebe Kinder als viel offener im Umgang mit Kindern mit Behinderung als Erwachsene. Einfach fragen, wenn einen etwas wundert, ist der beste Schritt, um zu verstehen! In einer Gesellschaft, in der Künstliche Intelligenz immer mehr Alltagsarbeiten übernehmen kann, wird emotionale und soziale Intelligenz einen immer höheren Stellenwert bekommen. Inklusives Lernen und Diversität sind für die Ausbildung dieser Zukunftsskills die beste Schule.

news aktuell: In welchen Bereichen der Medienbranche gibt es noch Barrieren und wie könnten sie abgebaut werden? 

Anke: Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde bereits 2009 von Deutschland ratifiziert. In Artikel 8 geht es um die Rolle von Sprache und Medien bei der Erfüllung der Konvention. Von einer Umsetzung sind wir meines Erachtens allerdings noch weit entfernt. Ich nenne hier nur Stichpunkte: Die klischeehafte Darstellung von Menschen mit Behinderung als leidende Opfer oder Stilisierung zu Held*innen. Viel zu oft steht die Behinderung im Vordergrund und nicht der Mensch. Oder die barrierefreie Aufbereitung von Inhalten: Leichte Sprache, Gebärdensprache, Audiodeskription, Videountertitel. Die öffentlich-rechtlichen Medien haben sich auf den Weg gemacht, die Privaten haben noch großen Nachholbedarf.

news aktuell: Ab wann und wo wird die EiS-App verfügbar sein?

EiS: Bald für IOS/Android verfügbar. 

Anke: Wir sind gerade in der Anmeldung der EiS-App in den Stores für IOS und Android. In ein paar Tagen kann jeder, der Interesse daran hat Kommunikationsbarrieren abzubauen, ortsunabhängig und digital einen Grundwortschatz an Gebärden aus der Deutschen Gebärdensprache lernen.

news aktuell: Du wirst Dich in Zukunft mit ganzer Kraft deinem Herzensprojekt widmen und verlässt news aktuell nach 14 Jahren. Wir wünschen Dir und deinem Team viel Erfolg und alles Gute! 

Anke: Nach so einer langen Zeit fällt mir der Abschied wirklich schwer. Meine Kollegen und Projekte werden mir fehlen. Ich habe mich sehr über die Unterstützung sowohl durch die Geschäftsführung als auch durch mein Team bei diesem großen Schritt gefreut. Der Tenor war: „Wir werden dich vermissen, aber toll, dass du dich traust. Was für ein sinnvolles Projekt!“ Ich gehe mit Gänsehaut und ein wenig mulmig ist mir auch. Danke für alles, was ich gemeinsam mit news aktuell erleben, lernen und umsetzen durfte!
 

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