Die neue Sehnsucht nach Gelassenheit und Mindfulness to go

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Das wachsende Bedürfnis nach Achtsamkeit und der gesellschaftliche Wunsch nach mehr Quality Time schaffen neue Dienstleistungsmärkte. Hinter den neuen Meditationsapps steckt jedoch mehr als ein globaler Hype und digitaler Lifestyle. Von Jörg Bernardy

Wer bin ich, Geist oder Gehirn?

Jörg Bernardy. Foto: Martina Klein

In der westlichen Kulturgeschichte gibt es grob gesagt zwei entgegengesetzte Tendenzen, das menschliche Bewusstsein zu erklären: entweder betont man seine geistige oder seine materielle Natur. Auf der einen Seite also der Geist, auf der anderen Seite der Körper. Oder kurz gefragt: Wer bin ich, Geist oder Gehirn? 
Bei der Erforschung des menschlichen Körpers hat es in den letzten 50 Jahren zwei vielversprechende Meilensteine gegeben: die Entschlüsselung des genetischen Code und die systematische Visualisierung von Hirnaktivitäten. Die Gen- und Hirnforschung hat nicht nur unser Menschenbild revolutioniert, sie hat uns auch die Grenzen eines rein materialistischen Weltbildes aufgezeigt. Das menschliche Verhalten und der menschliche Körper sind nämlich mehr als seine Gene. Genauso ist das menschliche Ich mehr als sein Gehirn. Für das Bewusstsein und unsere Wahrnehmung spielt der gesamte Körper eine Rolle, nicht nur dessen Schaltzentrale.

Embodied Cognition als neues Paradigma in der Wissenschaft 

Uns wird mehr und mehr bewusst, dass es permanente Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist gibt, die man weder auf biologische noch auf geistige Prozesse reduzieren kann. Die Zukunft der Forschung liegt darin, das komplexe Zusammenspiel von Organismus und Psyche besser zu verstehen. Das gilt nicht nur für das menschliche Bewusstsein und emotionale Erleben, sondern auch für die Erforschung künstlicher Intelligenz. Der heimliche Gewinner der neurowissenschaftlichen Revolution der letzten zwei Jahrzehnte heißt daher Embodied Cognition oder kurz gesagt: Embodiment. Dieses neue Paradigma der Kognitionswissenschaft geht einher mit dem Vormarsch von Akupunktur, Yoga, Homöopathie, Osteopathie und anderen körperbasierten Techniken, die die Psychosomatik in den Mittelpunkt stellen.

Meditationsapps sind nicht nur Ausdruck eines neuen digitalen Lifestyles, sondern eine Antwort auf das kollektive Bedürfnis, Körper und Geist überall und zu jedem Zeitpunkt in Einklang zu bringen. Klicken, um zu twittern

Das erschöpfte Selbst und die neue Achtsamkeitskultur

Es geht hierbei aber nicht nur um eine Erweiterung der traditionellen Schulmedizin und um neue Möglichkeiten der Krankheitsprävention. Bereits 1998 hat Georg Franck in seinem vielbeachteten Essay „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ die Entstehung einer neuen Achtsamkeitskultur diagnostiziert. Er beobachtete eine „regelrechte Popularisierung östlicher Weisheitslehren im hochzivilisierten Westen“. Im gleichen Jahr veröffentlichte der französische Soziologe Alain Ehrenberg seinen modernen Klassiker „Das erschöpfte Selbst - Depression und Gesellschaft in der Gegenwart“. Beide Autoren sind Stichwortgeber für einen kulturellen Wandel, der unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben bis heute prägt. 

Die Antwort auf Burnout heißt Mindfulness

In Zeiten, in denen Stress und Erschöpfung zum Alltag gehören, werden Achtsamkeit und Strategien der Stressbewältigung ebenso alltäglich wie notwendig. Die Antwort auf Burnout heißt Mindfulness. Es ist also kaum verwunderlich, dass sich Yoga- und Achtsamkeitskurse, Work-Life-Balance, Gelassenheit und innere Ruhe so großer Beliebtheit erfreuen. Nicht zuletzt bietet SAP seinen MitarbeiterInnen seit Jahren ein eigenes Trainingsprogramm für Achtsamkeit an. 
Angefeuert wird das gesellschaftliche Bedürfnis nach Auszeit, Digital Detox und Quality Time vor allem von den Auswirkungen der Digitalisierung. Das Smartphone ist dabei Fluch und Segen zugleich. Dass Millionen von Menschen weltweit Meditationsapps nutzen, ist aber nicht nur Ausdruck eines neuen digitalen Lifestyles. Headspace, 7Mind, Insight Timer, Calm und zahllose weitere Gefühlsapps sind eine Antwort auf das kollektive Bedürfnis, Körper und Geist überall und zu jedem Zeitpunkt in Einklang zu bringen. Angewandte „Embodied Cognition to go“ sozusagen.

Meditation als Mittel Nr. 1 für Stressreduktion 

Die neuen Gefühlssteuerungs-Apps wirken wie emotionale Anker in der Rush Hour des Alltags. Wissenschaftliche Studien belegen immer wieder, dass Stress gesundheitsschädigend sein kann und den Alterungsprozess beschleunigt. Für gesundheitsbewusste und leistungsfähige Menschen wäre das bereits Motivation genug. Meditation und Achtsamkeitsübungen unterstützen aber nicht nur bei Stressbewältigung und Konzentrationssteigerung. Darüber hinaus lassen sich viele weitere positive Effekte nachweisen wie Verminderung von Ängsten und Depressionen, Stärkung des Immunsystems und besserer Schlaf. Auch wenn Meditation die Welt nicht retten wird, ist sie mehr als ein globaler Hype, den es immer schon gab. Der Bestsellerautor Yuval Harari bezeichnet sie gar als entscheidende Schlüsselkompetenz für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Dr. Jörg Bernardy ist Philosoph, Autor, The School of Life Trainer und kreativer Impulsgeber für Gesellschaft, Politik und Medien. In seinen illustrierten Jugend-sachbüchern macht er komplexe Fragen und aktuelle Gesellschaftsthemen für den Alltag zugänglich. 

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