Wie sich unsere Welt in eine Erlebniszone verwandelt

Trends

Die Global Player der digitalen Ökonomie sind angetreten, um die Welt zu verändern. Mit neuen Geschäftsideen machen sie den klassischen Geschäftsmodellen Konkurrenz, indem sie unartikulierte Wünsche und Bedürfnisse ausmachen und daraus neue Produkte entwickeln. Von Jörg Bernardy 

Wie sich ein altbekannter Megatrend neu erfindet

Kaum eine Branche hat dies so folgenreich lernen müssen wie die Fototechnologie. Vor 20 Jahren noch hätten sich nur wenige von uns vorstellen können, dass wir Bilder bald größtenteils nur noch digital nutzen würden. Dabei lag der unartikulierte Wunsch eigentlich auf der Hand. Menschen wollen ihre Bilder immer bei sich tragen und bei jeder Gelegenheit teilen können. Die Entwicklung der Fototechnologie führt uns zu einem wesentlichen Treibstoff der Erlebnisökonomie: intensive Erfahrungen werden in Bilder, positive Gefühle und Erinnerungen umgewandelt. Das ist die Währung, mit der man handelt, wenn man Erlebnisse anbietet und verkauft. 

Jörg Bernardy. Foto: Martina Klein

Meetup, Twitch-TV und TEDX stehen für diese Entwicklung genauso wie Airbnb, Uber und Tinder. Sie alle beeinflussen die Art und Weise, wie wir unsere Freizeit und unseren Alltag gestalten. Sie verändern, wie wir uns kennenlernen und vernetzen. Damit verwandeln sie das, was wir seit über 20 Jahren Experience Economy nennen, in einen weltweiten Megatrend. 

Wie Disruption und Shareconomy der Experience Economy zum Zeitgeist verhelfen

Die wichtigsten Einflüsse und Impulse, die die Experience Economy in den letzten Jahren begünstigt haben und weiterhin antreiben, sind schnell zusammengefasst. Da wären zunächst die disruptiven Geschäftsmodelle, die einen neuen Markt für unartikulierte Wünsche und Bedürfnisse erschließen. Danach die Shareconomy-Ansätze, in denen der freie Austausch und das Kollektiv im Zentrum stehen (z.B. Moia). Wesentliche Impulse setzt auch die klassische Medien- und Unterhaltungsindustrie, die sich immer wieder neu erfinden muss. Befeuert wird die Experience Economy außerdem durch die sozialen Medien und die individuelle Inszenierung von Milliarden Menschen. Nicht zuletzt trägt auch die Notwendigkeit, Netzwerke und Communities aufzubauen, seinen Teil dazu bei. Das gilt für Privatpersonen genauso wie für Unternehmen.

Intensive Erfahrungen kaufen statt Dinge besitzen 

Aktuelle Entwicklungen in der Gaming-Branche und im eSports zeigen zudem: Der Zuschauer will kein stiller Beobachter sein, er ist aktiver Teilnehmer und mitten im Geschehen. Live-Streaming und emotionale Interfaces werden nicht nur hier als wirkmächtige Tools entdeckt, mit denen sich auch Geld verdienen lässt. Die Werte der Kreativwirtschaft schwappen in die Gesellschaft über. Co-Creation, Crowdfunding und die neue Wir-Kultur begreifen den Zuschauer als Teilnehmer. Nach den neuen Partizipationsmöglichkeiten im Netz wird nun auch die Partizipation in der Welt neu definiert. Glück schlägt Geld, so das Lebensmotto der Millenials. Es geht um einen Lebenswandel, der weniger in materielle Dinge investiert und der mehr auf ideelle Werte setzt. Zwischenfazit: Dieser Megatrend ist mehr als ein Siegeszug der Eventisierung und Emotionalisierung.

Das Tinder-Prinzip und der Supermarkt als Erlebniszone

Auch wenn dieser fundamentale Wandel von Erlebnis, Emotionalisierung und Eventisierung nicht ganz neu ist, den Höhepunkt dieser Entwicklung haben wir noch längst nicht erreicht. Der Supermarkt und das Taxi der Zukunft verwandeln sich gegenwärtig in eine sinnliche Erlebniszone. Durch die Entwicklung von eGames und eSports wird sich wahrscheinlich auch die Art und Weise verändern, wie wir „Sport“ definieren und Sport treiben. Außerdem wird das Tinder-Prinzip in den kommenden Jahren auch die Business Welt erobern und maßgeblich beeinflussen, wie Organisationen und Unternehmen sich in Zukunft vernetzen. It’s a match. Noch gibt es keinen Grund für FOMO (Fear of Missing Out).

 

Dr. Jörg Bernardy ist Philosoph, Autor, The School of Life Trainer und kreativer Impulsgeber für Gesellschaft, Politik und Medien. In seinen illustrierten Jugend-sachbüchern macht er komplexe Fragen und aktuelle Gesellschaftsthemen für den Alltag zugänglich. 

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