FriedWald

Letzte Ruhe mitten im Wald

Kommunikation - 10. Jan 20

Die eigene Vergänglichkeit und der Tod sind Themen, die im Alltag häufig keinen Platz finden. "Wie jemand mit dem Thema Tod und Sterben umgeht, ist etwas sehr Individuelles und Persönliches", sagt Petra Bach. Sie gründete 2001 den ersten FriedWald in Deutschland – eine letzte Ruhestätte in der Natur als Alternative zu einem klassischen Friedhof. Ein Gespräch über Bestattungen im Wald, persönliche Motivation und den kommunikativen Umgang mit Trauer und Leid.

Petra Bach, Gründerin und Geschäftsführerin der FriedWald GmbH. Photo: Dennis Möbus
Petra Bach, Gründerin und Geschäftsführerin der FriedWald GmbH. Foto: Dennis Möbus

news aktuell: Sie sind studierte Juristin und haben im Bereich Erb- und Familienrecht gearbeitet. 2001 haben Sie dann den ersten FriedWald in Deutschland eröffnet. Wie kam es dazu?

Bach: Im Jahr 2000 gründete ich – damals noch mit einem Geschäftspartner – die MyPlan4Ever GmbH. Wir wollten, gebündelt auf einer Online-Plattform, Informationen und Serviceangebote für die persönliche Lebensorganisation und -planung anbieten. Und stießen durch Zufall auf das FriedWald-Konzept des Schweizers Ueli Sauter.

Schnell entstand eine Zusammenarbeit, bei der wir FriedWald-Beisetzungen in der Schweiz als Spezialprodukt über MyPlan4Ever.com angeboten haben. Ich war – im Gegensatz zu einigen Menschen in meinem juristischen Umfeld – fest überzeugt, dass die Idee Zukunft hat und zu den gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit passt. An eine Headline aus der BILD-Zeitung erinnere ich mich noch: „Verrückt! Darmstädter verkaufen Gräber unter Schweizer Bäumen“.

FriedWald, Urne, Wald
Die Asche Verstorbener ruht in biologisch abbaubaren Urnen unter Bäumen. Eine kleine Namenstafel am Baum macht auf die Grabstätte aufmerksam. Foto: Dennis Möbus

Der Gedanke, FriedWald-Standorte auch in Deutschland zu eröffnen, war also bald da. Aber zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass es bis zu fünf Jahre dauern würde, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Klar war, dass wir ein geeignetes Waldgebiet brauchten. Wir wussten auch, dass nach bundesdeutschem Recht die Trägerschaft eines Friedhofs nur durch eine Kommune oder Kirchengemeinde übernommen werden kann – zwei Hürden.

Aber dann ging alles doch schneller, denn wir stießen durch eine Sendung im Regionalfernsehen auf den Reinhardswald in Nordhessen, ein wunderschöner, besonderer Wald – der Märchenwald der Gebrüder Grimm. Das Waldgebiet gehört dem Land Hessen und ist ein Forstgutsbezirk, ein gemeindefreies Gebiet in Nord-Hessen, in dem der Forstamtsleiter als Verwaltungschef agiert. Wir hatten also alles aus einer Hand. Wir konnten den damaligen Forstamtsleiter und einen pensionierten Förster aus dem Reinhardswald, der in der Region und der Forstwelt sehr bekannt war, für die Idee gewinnen und bereits am 7. November 2001 eröffnete der erste FriedWald-Standort in Deutschland.

news aktuell: Wie sieht der Bestattungsprozess im Vergleich zu einem klassischen Friedhof aus?

Bach: Im FriedWald ruht die Asche Verstorbener in biologisch abbaubaren Urnen unter Bäumen. Eine Feuerbestattung ist Voraussetzung für diese Art der Bestattung. Die FriedWald-Standorte sind nach öffentlichem Recht genehmigte Friedhöfe im Wald – diese Genehmigung läuft jeweils 99 Jahre. Es besteht die Möglichkeit, das Grabrecht an einem ganzen Baum mit mehreren Plätzen oder einen Platz an einem gemeinschaftlich genutzten Baum zu erwerben.

Beim Baum im FriedWald gilt das Grabanrecht für die gesamte Laufzeit. Grabpflege gibt es nicht im FriedWald, die übernimmt die Natur. Der Wald soll Wald bleiben und ist weiterhin als Erholungsort öffentlich zugänglich. Fast die Hälfte der Verträge werden in Vorsorge geschlossen. Die Beweggründe sind unterschiedlich: Der eine sucht die Nähe zur Natur, der andere findet den Wald eine tröstliche Alternative zum konventionellen Friedhof. Ein anderer wiederum möchte seinen Angehörigen ein Grab ohne Pflegeaufwand ermöglichen.

FriedWald, Beisetzung
Die letzte Ruhe mitten in der Natur, umgeben von Pflanzen und Bäumen. In vielen Fällen wird die Bestattung kirchlich begleitet. Foto: Dennis Möbus

Nach den Erkenntnissen aus unserer Marktforschung haben viele Menschen, die sich für FriedWald entscheiden, den Wunsch, ihre letzte Ruhestätte und die Beisetzung selbst zu bestimmen. FriedWald ermöglicht ganz individuelle Formen nach den Wünschen der Verstorbenen oder ihrer Angehörigen. Christliche Beisetzungen sind ebenso üblich wie Bestattungen ohne geistlichen Beistand. Es gibt alles: von der großen Trauergesellschaft am Andachtsplatz mit Musikgruppe, bis zum stillen Abschied am Baum. Auch die Rituale nach der Trauerfeier sind unterschiedlich. Manche Trauernde kommen auf der täglichen Spazier-Runde am Grab ihrer Angehörigen vorbei, andere kommen an Geburts- und Gedenktagen mit einem Picknickkorb. 

news aktuell: Was reizt Sie persönlich so an diesem Arbeitsfeld? Woher nehmen Sie Ihre Motivation? 

Bach: Es ist ein großes Glück, wenn man im Laufe eines Arbeitslebens die Möglichkeit hat, ein ganz neues Geschäftsfeld zu erschließen, alles neu zu erfinden, weil es keine Blaupause, keine Erfahrungen, Prozesse, Fallstudien gibt! Natürlich ist es risikobehaftet und natürlich funktioniert auch manches nicht auf Anhieb. Aber wenn es im Großen und Ganzen funktioniert und so erfolgreich ist wie FriedWald, dann kann es doch keine motivierendere Arbeit geben. In so einer Gründungsphase entsteht natürlich eine bestimmte Kultur der Zusammenarbeit, des Anpackens und Improvisieren, des mutigen Ausprobierens – inklusive Toleranz gegenüber Misserfolgen. Die Herausforderung im nächsten Schritt ist dann, Strukturen und Organisationsformen zu schaffen, die Expansion zu bewältigen und auf Zukunft auszurichten. Aber auch das ist ein kreativer Prozess.

news aktuell: Gab es auf diesem Weg auch Hürden und Widerstand? 

Bach: Wir haben derzeit 68 Standorten in Deutschland und zwei in Österreich. Neben den oben genannten Herausforderungen des Wachstums gab und gibt es Hürden bei der Entwicklung neuer Standorte. Es gibt bei jedem Projekt lokale Besonderheiten, zum Beispiel spezielle politische Konstellationen, individuelle Interessenslagen oder langwierige Genehmigungsprozesse.

Natürlich gibt es auch Widersacher, die ihren Arbeitsbereich im klassischen Friedhofswesen schwinden sehen. Und wenn ein FriedWald-Standort dann in Betrieb ist, sind forstliche Aufgaben zu lösen. Oder es tauchen personelle Themen mit den FriedWald-Förstern vor Ort auf, die die Menschen bei der Waldführung, Baumauswahl und Beisetzung begleiten. Auf unserer Seite ist der Kundenservice relativ komplex, es geht ja um ein sehr sensibles Thema. Unsere Kunden sind in einer emotionalen Ausnahmesituation und unser Ziel bei der Beisetzung ist ein makelloser Ablauf, der die Trauernden entlastet.

news aktuell: Sie und Ihr Team haben tagtäglich mit den Themen Verlust, Trauer und Tod zu tun. Kann man den Umgang und die Kommunikation mit solchen Themen lernen? 

FriedWald, Mitarbeiterschulung
Mitarbeiter im Kundenservice und FriedWald-Förster, die Beisetzungen begleiten, können regelmäßig an Schulungen teilnehmen. Foto: Dennis Möbus

Bach: Ich glaube, das ist vergleichbar mit Berufen im medizinischen Bereich, in der Altenpflege oder sozialen Arbeit. Man ist in einer unterstützenden Rolle und schafft ein Stück professionelle Distanz. Was nicht heißt, dass es nicht Schicksale gibt, die unter die Haut gehen. Aber im besten Fall hören unsere Mitarbeiter Sätze wie: „Es war alles so schmerzlich und schrecklich, aber die Beisetzung im Wald war ein guter Moment und hat es erträglich gemacht.“ Uns gibt so etwas das Gefühl, mit unserer Arbeit etwas Nützliches zu tun. Für die Kolleginnen und Kollegen im Kundenservice, die im engen Kontakt mit den Trauernden sind, und die FriedWald-Förster, die die Beisetzungen begleiten, bieten wir regelmäßig Supervision.

news aktuell: Für viele Menschen ist die eigene Vergänglichkeit ein Thema, mit dem sie sich nicht gerne auseinandersetzen. Sollten wir uns grundsätzlich mehr und früher damit beschäftigen?

Bach: Wie jemand mit den Themen Tod und Sterben umgeht, ist etwas sehr Individuelles und Persönliches, da gibt es für mich kein grundsätzliches Gebot. Was wir aus den Aussagen unserer Kunden und vielen Tiefeninterviews wissen: Kunden, die sich mit diesem zunächst angstbesetzten Thema aktiv auseinandersetzen und in Vorsorge für einen Baum oder Platz im FriedWald entscheiden, empfinden danach Erleichterung. Sie sind froh, alles gut und in ihrem Sinne geregelt zu wissen – aber das muss nicht für jeden so sein.

Autor: Martin Marsmann

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