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Impuls des Monats: Warum wir an eine bessere Welt glauben

Work Life - 12. Apr 21

Gleichheit, Diversität und Gleichberechtigung sind zu Synonymen für eine gerechte Gesellschaft geworden. Doch nicht alles Gute führt auch automatisch zum Besseren und macht die Welt am Ende gerecht. Oder anders ausgedrückt: Warum Gerechtigkeit eine Illusion ist und wir trotzdem nach ihr streben sollten – das erklärt der Philosoph Jörg Bernardy im aktuellen Impuls des Monats

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Dr. Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Max Baier

Eine Lektion fürs Leben

Vor kurzem fand ich eine interessante Geschichte aus der Kindheit des Schweizer Bestsellerautors Rolf Dobelli. Einer seiner Gymnasiallehrer benotete nicht nach Leistung, sondern verteilte die Noten zufällig. Das sei doch unfair, meinten die Schüler. Und obwohl sie lauthals protestierten und sich beim Rektor beschwerten, mussten sie diesen Akt der Willkür letztendlich hinnehmen. Erst hinterher verriet ihnen der Lehrer, dass es sich dabei um eine Lektion für ihr Leben handeln sollte: „Das Leben ist unfair. Je früher ihr das lernt, desto besser!“ Rückblickend sei dies für ihn eine der wichtigsten Lektionen seiner Gymnasialzeit gewesen, so Dobelli. 

Nicht alles im Leben ist gerecht

Diese Schlüsselszene aus dem Leben eines Schweizer Jugendlichen, die auch aus einem Roman oder Film stammen könnte, betrifft uns letztlich alle. Versetzen Sie sich doch einmal zurück in Ihre Kindheit und Jugend. Können Sie sich an den Moment erinnern, an dem Sie zum ersten Mal realisierten, wie ungerecht diese Welt sein kann? An dem Sie ahnten, dass Gerechtigkeit nicht selbstverständlich ist und dass nicht alles im Leben nach Regeln der Fairness abläuft?

Karma rules the World?

Ob wir wollen oder nicht, wir alle neigen dann und wann dazu, an das Gute in der Welt zu glauben. Tief in uns gibt es eine instinktive Sehnsucht danach, dass wir für gute Taten belohnt und für schlechte bestraft werden. „Gerechte Welt“-Glaube nennen Forscher diese Tendenz in uns (engl. Just-World Hypothesis). Während wir über allzu naive Happy Ends in Hollywood-Filmen müde lächeln, wünschen wir uns insgeheim, es wäre auch im echten Leben so und klammern uns an einen gerechten Weltplan. Psychologisch gesehen eine ideale Coping-Strategie, um mit dem Elend dieser Welt irgendwie zurechtzukommen.  

Garantie auf ein Happy End gibt es nicht

Die bittere Wahrheit ist jedoch: Es gibt keinen gerechten Weltplan. Es gibt nicht mal einen ungerechten Weltplan. Sehr wahrscheinlich gibt es überhaupt keinen Weltplan. Oder wie der englische Philosoph John Gray einmal schrieb: „Im alten Griechenland war es klar, dass jedermanns Leben durch blindes Schicksal und den Zufall regiert wurde. Ethik war zwar eine Frage von Güte, Weisheit und Tapferkeit, doch selbst die mutigsten und weisesten Menschen ereilten Ruin und Verderben. Wir ziehen es vor — in der Öffentlichkeit zumindest –, so zu tun, als würde sich gutes Handeln am Ende auszahlen. Doch so wirklich glauben wir es nicht. Im Grunde wissen wir, dass nichts uns vor dem Zufall schützen kann.“

Warum Gleichheit eine Illusion ist

Nicht selten geht unser „Gerechte Welt“-Glaube mit der Vorstellung einher, wir könnten die Welt auch entsprechend verändern. Nehmen Sie die aktuellen Beispiele „Gleichheit“ und „Diversität“. Natürlich sind wir nicht gleich. Der Glaube an Gleichheit ist ähnlich wie der an Gerechtigkeit eine Illusion. Auch die viel beschworene Diversität macht die Welt im Ganzen nicht unbedingt besser oder unsere Gesellschaft automatisch gerechter. Studien legen jedoch nahe, dass Unternehmen mit diversen Teams im Schnitt innovativer und erfolgreicher sind. Durch Diversität werden bisher weniger sichtbare Minderheiten gestärkt, wodurch unsere Gesellschaft insgesamt etwas gleichberechtigter wird. Es gibt also durchaus gute Gründe, sich für mehr Diversität in Wirtschaft und Gesellschaft einzusetzen.

Und es lohnt sich doch…

Was aber können wir tun angesichts einer ungerechten Welt und einer gerade in der Corona-Krise rasant wachsenden sozioökonomischen Ungleichheit? Am besten ertragen wir es stoisch und machen trotzdem das, was wir für richtig und gut halten. „Freude ist eine Form des Widerstands“, rief die Sängerin Alicia Keys im letzten Jahr vor einem Auftritt von Kamala Harris. Heißt konkret: Setzen Sie sich innerhalb Ihrer Möglichkeiten ruhig für Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Gleichheit ein, aber machen Sie Ihr persönliches Glück nicht davon abhängig. Bleiben Sie bei aller Ungerechtigkeit zuversichtlich und konzentrieren Sie sich auf Ihre Freude.

"Mit Freude und Optimismus müssen wir für die Dinge, an die wir glauben, kämpfen.“ (Kamala Harris)

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