Impuls des Monats: Vom Minimieren des Unglücks

Work Life - 14. Okt 20

In unserem Blogformat "Impuls des Monats" beleuchtet der Philosoph Jörg Bernardy einmal im Monat Themen, die uns zum Nachdenken und Innehalten anregen. In der Oktoberausgabe geht es um ungewöhnliche und selten genutzte Fähigkeiten: das Unglücklichsein und die Kunst des Weglassens.

Dr. Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Max Baier

Wie gut sind Sie im Minimieren von Unglück?

"Digitaler Minimalismus" heißt die neueste Variante eines Trends, der seit einigen Jahren um die Welt geht. Wir entrümpeln unsere Wohnungen, entschlacken unsere Konsumgewohnheiten, stellen unsere Ernährung um, reduzieren unsere Arbeitszeiten, räumen unsere Beziehungen auf, misten unsere Kleider- und Bücherschränke aus und betreiben Digital Detox. Bevor Sie weiterlesen, beantworten Sie bitte folgende Frage: Was brauchen Sie, um glücklich zu sein? Was macht Sie glücklich? Notieren Sie Ihre Antworten. Je konkreter, desto besser.

Abnehmen und Investieren als Kunst des Weglassens

Wer schon einmal versucht hat an Körpergewicht zu verlieren, weiß, dass das keine leichte Aufgabe ist. Um ernsthaft abzunehmen, reicht es meist nicht aus, die Ernährung umzustellen und nur noch gesunde Sachen zu essen. Eine der effektivsten Methoden besteht darin, ganze Mahlzeiten auszulassen und auf bestimmte Produkte komplett zu verzichten. Bei einer Diät ist nicht nur entscheidend, was wir essen, sondern was wir weglassen. 

Auch in anderen Bereichen ist der Fokus auf die Beseitigung von unerwünschten Einflüssen und Störfaktoren gang und gäbe. Die Investoren und Investorinnen unter Ihnen wissen, was mit Upsides und Downsides gemeint ist. Die ‚Upsides' umfassen alle positiven Ergebnisse einer Investition, wie zum Beispiel eine vorteilhafte Rendite. Die ‚Downsides‘ enthalten alle möglichen negativen Ergebnisse und Verluste, die Sie erzielen können, schlimmstenfalls der Bankrott. Gerade für Anfänger ist diese Regel überlebenswichtig: Konzentrieren Sie sich in erster Linie darauf, die Downsides zu vermeiden. Dann werden sich die positiven Ergebnisse ganz von allein einstellen. 

Auch Unglücklichsein will gelernt sein

In seinem Klassiker „Anleitung zum Unglücklichsein“ nennt der Psychologe Paul Watzlawick eine Hauptursache für persönliches Unglück: Unser Talent, das eigene Unglück nach bestem Wissen und Gewissen selbst zurechtzuzimmern. Doch nicht nur das. Wir halten freiwillig daran fest und wollen bisweilen gar nicht darauf verzichten. Oder wie Watzlawick schreibt: „Unglücklich sein kann jeder; sich unglücklich machen aber will gelernt sein, dazu reicht etwas Erfahrung mit ein paar persönlichen Malheurs nicht aus.“

Aus diesem Grund entwirft Watzlawick einen Leitfaden für all jene, die sich Tag für Tag selbst in ihr Unglück stürzen. Heißt konkret: Die Anleitung zum Unglücklichsein ist ein umgedrehter Glücksratgeber, indem sie uns all das aufzeigt, was wir vermeiden könnten und weglassen sollten. 

Minimalismus als negative Kunst des guten Lebens

Werfen Sie noch einmal einen Blick auf Ihre Glücksliste vom Anfang. Manchmal ist es leichter zu definieren, was uns unglücklich macht als zu sagen, was uns glücklich macht. In genau diesem Ausschlussprinzip liegt auch die tiefere Weisheit des Minimalismus: Statt von einem Glücksgefühl zum nächsten zu rennen, minimieren und beseitigen wir einfach alles, was uns unglücklich macht. Schon die antiken Philosophen waren große Anhänger der minimalistischen Methode, die man auch als negative Kunst des guten Lebens bezeichnen kann. 

Die Suche nach dem guten Leben wird so zu einem Vermeiden allen schlechten Lebens. Oder auf die kurze Formel gebracht: Das Erreichen von Glück durch das Vermeiden von Unglück. Sie mögen den Gedanken? Dann erstellen Sie Ihre ganz persönliche Anleitung zum Unglücklichsein. Fangen Sie am besten noch heute damit an, Ihr Unglück zu minimieren. Warten Sie mit der Umsetzung nicht bis zum neuen Jahr. Sonst könnte es nämlich unglücklich enden, bevor Sie überhaupt angefangen haben.

Der Universalgelehrte Aristoteles sagte dazu passend: „Das Ziel des Weisen ist nicht Glück zu erlangen, sondern Unglück zu vermeiden.“

Herzliche Grüße
Ihr Jörg Bernardy

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