impuls des monats mut

Impuls des Monats: Unfuck it all!

Work Life - 14. Sep 21

In diesem "Impuls des Monats" blickt der Autor und Philosoph Jörg Bernardy auf eine besondere Fähigkeit: den Mut. Aber was bedeutet es eigentlich, mutig zu sein? Und warum wird es in den kommenden Jahren noch stärker darauf ankommen, das Phänomen Mut zu verstehen und mutig zu agieren? 

Dr. Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Max Baier

Warum wir eine neue Mutkultur brauchen

Ich weiß nicht, wo und wie Sie Ihren Sommerurlaub verbracht haben, aber mit großer Wahrscheinlichkeit waren die Wetterbedingungen etwas anders als sonst. Rekordtemperaturen in Kalifornien und Kanada, Waldbrände in unzähligen Ländern, Dürreperioden und Wassermangel bei gleichzeitigem Regenrekord. Extremwetter dieser Art werde es in Zukunft häufiger geben, so die kaum anzweifelbare Einschätzung der Klimaexpert:innen.

Überhaupt scheint die Bilanz der letzten Wochen eher ernüchternd: Eine verheerende Flutkatastrophe in der Eifel, ein zerstörerischer Hurrikan in Louisiana und ein Ölteppich vor Zypern, dazu ein überraschend rascher Sieg der Taliban in Afghanistan und ein Bundestagswahlkampf, der bisher ohne nennenswerte Höhepunkte verlief.

Mehr Mut zum Entscheiden und Handeln

„2021 ist das Jahr der Entscheidungen“, heißt es im Zukunftsreport 2021 des Zukunftsinstituts. „Jetzt geht es um alles: Rebellion, Demokratie, Globalisierung, unternehmerische Verantwortung – und Freiheit.“ Wenn etwas in diesen unsicheren und unübersichtlichen Zeiten immer gewisser wird, dann der Eindruck, dass es mit der Art und Weise, wie wir als westliche Gesellschaften wirtschaften, leben, reisen und konsumieren, bereits in den nächsten zehn Jahren nicht mehr so weitergehen wird wie bisher. 

Wer auch immer am 26. September die Wahl für sich gewinnt, wird viel Mut aufbringen müssen, um sich nicht in einem einfallslosen „Weiter so!“ zu verlieren. Mehr Mut! Ist das nicht die nächste Floskel, die angesichts realer Wachstumsgrenzen zur neuen Zauberformel in Politik und Wirtschaft avanciert? Mut zur Veränderung, zur Freiheit, zur Wahrheit, zur Meinung, zur Verantwortung, zur Lücke oder zum Risiko.

Mut ist vielfältig

Dabei weiß niemand so genau, was Mut eigentlich ist. Mutig sein ist immer individuell und situationsbedingt. Einerseits ist es eine Tugend, also eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt. Zum Beispiel bei Soldat:innen und Spinnenphobiker:innen, die lernen, sich nicht von ihren Emotionen überwältigen zu lassen.  

Auf der anderen Seite kann Mut aber auch spontan auftreten. Es gibt spontane Mutausbrüche, die sich einstellen, wenn wir extreme Erfahrungen machen, seien sie nun besonders positiv oder negativ. Zivilcourage ist ein gutes Beispiel dafür. In all diesen Fällen verbinden wir Mut mit einem höheren Ziel, das nobel oder sinnvoll sein muss. Wir alle kennen heldenhafte Geschichten dieser Art.

Mut zur Wut oder die Kunst, auf alles zu scheißen

Und dann gibt es da noch die stillen und manchmal auch lauten Mutausbrüche in unserem eigenen Alltag, wenn wir uns selbst oder anderen etwas Gutes tun. Wenn wir Grenzen überschreiten, etwas Neues wagen, unsere Ohnmacht überwinden und uns trauen, uns zu öffnen und auf andere zuzugehen. Wenn wir uns mit unserer Angst vor Statusverlust konfrontieren, mit unseren Ängsten zu scheitern und Fehler zu machen.

So vielfältig wie das Phänomen „Mut“ sind auch die Wege zum eigenen Mutausbruch. Eine wichtige Zutat ist jedoch, der eigenen Verletzlichkeit, den eigenen Ängsten und der Wut zu begegnen, durch die wir manchmal hindurchmüssen, um mutig zu werden. Ein einfaches „Unfuck it all!“ kann dabei Wunder bewirken, weil wir uns dadurch von der Last der Vergeblichkeit befreien. Gleichzeitig ebnen wir uns damit den Weg zum nächsten Mutausbruch, wohl wissend, dass wir damit nicht die Welt retten.

Wer sich seinen Ängsten stellt, wird mit Veränderungen belohnt

"Ich hätte mit 16 gern gewusst, dass das Einzige, was zwischen uns und dem Leben steht, die eigene Angst ist", sagte die Schriftstellerin Cornelia Funke einmal dem ZEIT-Magazin. "Und dass man sie nicht füttern darf, indem man ihr nachgibt. Ich hätte gern gewusst, dass es keine Veränderung gibt, ohne dass man dafür mit Angst bezahlen muss, und wie wunderbar glücklich und frei es macht, Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet.“

Nach fast 16 Jahren in den USA verlässt sie übrigens ihre Avocadofarm in Malibu und zieht noch dieses Jahr in die Toskana. Zu den zwei wichtigsten Gründen für ihren Umzug zählt sie den Klimawandel und die ständige Waldbrandgefahr in der Region. Machen wir uns die eigenen Ängste und Verletzlichkeit bewusst, entwickeln wir Mut zum Handeln. Oder um es im Silicon-Valley-Jargon zu sagen: Schwächen, Ängste und Fehler sind Teil der Lösung und nicht das Problem.

„Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!“ (Pippi Langstrumpf)

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