Impuls des Monats Einhorn

Impuls des Monats: Planet der Einhörner

Kommunikation - 11. Okt 21

Von der Bibel über Rainer Maria Rilke bis zum Fantasy-Roman „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle: Kaum ein Fabelwesen unserer Kulturgeschichte ist so populär und geheimnisumwoben wie das Einhorn. Es gibt sogar Einhornforscher, sogenannte Unikornologen, die sich der Geschichte und Bedeutung des Einhorns widmen. Auch den Philosophen und Autor Jörg Benardy treibt dieses Thema in unserem aktuellen Impuls des Monats um.

Joerg Bernardy
Dr. Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Max Baier

Was der Einhorn-Kult über die Natur des Menschen verrät

Vor ungefähr 5000 Jahren wurde das erste Einhorn in China gesichtet. Angeblich sagte es dem chinesischen Urkaiser Fu Xi eine glückliche Regierungszeit voraus. Seitdem gilt das Einhorn als Glückstier und wurde von diversen Herrschern, Machthabern und Kaisern hoch geschätzt. Dabei wurden dem Einhorn im Laufe der Geschichte höchst verschiedene und ambivalente Bedeutungen zugeschrieben. 

Ein Unikum in der globalen Kulturgeschichte

Stand es ursprünglich für Stärke, Wohlstand und Glück, wurde es bald auch zum Symbol für Weisheit, Fruchtbarkeit, sexuelle Potenz und Erlösung. In China war es kein Engel, sondern ein Einhorn, das die Geburt von Konfuzius ankündigte. Im indischen Heldenepos Mahabharata bringt eine Gazelle einen weisen Heiligen zur Welt. Auf dem Kopf trägt er ein Horn. Als im benachbarten Königreich eine Dürreperiode vorherrscht, wird der einhörnige Weise gerufen, damit es wieder regnet.

Auch der griechische Arzt Ktesias, Leibarzt des persischen Königs, berichtet etwa im Jahr 400 vor unserer Zeitrechnung von Einhörnern aus Indien. In dieser Zeit erhält das Einhorn eine medizinische Bedeutung. Wer von nun an aus Einhorn-Bechern trinkt, stärkt seine Gesundheit und minimiert eventuelle Vergiftungsrisiken.

Wie das Einhorn in die westliche Kultur kam

Nicht nur der Philosoph Aristoteles spricht in seinem Werk von einhörnigen Tieren. Gleich an acht Stellen im Alten Testament ist von Einhörnern die Rede. Selbst Jesus wird an einer Stelle als Einhorn bezeichnet. Im Gegensatz zu den überwiegend positiven Konnotationen im asiatischen Raum stehen Einhörner hier nun häufig für das Unberechenbare, Gewalttätige und Bedrohliche. Im Christentum werden Hörner per se verdächtig. Dabei ist das Einhorn tatsächlich nur dank eines Übersetzungsfehlers in der Bibel gelandet.  

Der Fehler passierte als die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde. Eigentlich ging es dort nur um nicht-domestizierte, wilde Tiere, aber die Übersetzer machten daraus Einhörner. Aus dem griechischen Wort für Einhorn, “monokeros“, wurde das lateinische "unicornis", was Luther dann wiederum mit „Einhorn" übersetzte. Und was bei Aristoteles und in der Bibel steht, muss natürlich wahr und wichtig sein. 

Einhorn-Empowerment zwischen Kommerz, Kitsch und Esoterik

Im Mittelalter erreichte die mysteriöse Verehrung der Einhörner mehrere Höhepunkte. Es entstand ein regelrechter Wettbewerb. Weil keine echten Einhörner zu finden waren, führte der Hype um das Einhornpulver unter anderem dazu, dass massenweise Narwale getötet wurden, um ihre pulverisierten Hörner als teures Heil- und Zaubermittel zu verkaufen. Bildliche Darstellungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zeigen wiederum, wie Einhörner gemeinsam mit Adam und Eva friedlich durch den Garten Eden spazieren.

Natürlich hat es Einhörner nie wirklich gegeben und vielleicht gehen die überlieferten Sichtungen auf die Oryx-Antilope zurück. Allerdings sind das nur Vermutungen und genau wissen werden wir es nie. Tatsache ist aber, dass das Angebot an Einhornprodukten niemals so vielfältig war wie heute: Einhorn-Zahnbürstenhalter, -Salzstreuer, -Kuscheltiere, -Suppennudeln, -Pantoffel, -Eiscreme, -Hämorriden-Salbe und Einhorn-Backmischungen, ebenso diverse Einhorn-Essenzen, -Meditationen, Einhorngebete und -gesänge sowie Angebote zum Einhornchanneln. Nicht zu vergessen: Einhorn-Kondome.

Kult, Hype und Maskottchen für Startups

Der Unikornologe Jochen Hörisch nennt das Einhorn einen Grenzgänger zwischen Dies- und Jenseits, zwischen Realität und Fantasie (siehe dazu auch "Das Tier, das es nicht gibt" vom Deutschlandfunk). Und so laufen im Einhorn-Kult alle wichtigen Fäden und Themen unserer Gegenwart zusammen: individuelle Einzigartigkeit, Diversität, Gender, sexuelle Identität, Disruption, Zerstörung und wertvolle Business-Einhörner, aber auch Weisheit, Stärke, Hoffnung, grenzenlose Vorstellungskraft und unsere Fähigkeit zur kreativen Zukunftsgestaltung und visionären Innovation. 

Denn die Bedeutungsvielfalt des Einhorns steht nicht zuletzt für die schöpferische Kraft des Menschen. Und nicht ohne Grund hat sich das Einhorn seit 2010 als Bezeichnung und Maskottchen für milliardenschwere Start-ups durchgesetzt. Im Einhorn zeigt sich, was die menschliche Natur im Kern ausmacht: kreative Bewusstseine, die sich selbst ein Stück weit ein Geheimnis bleiben.

„O dieses ist das Tier, das es nicht gibt.“ (Rainer Maria Rilke)

Mehr zum Thema Einhörner in der neuen Gesprächsreihe „Mensch sein! Gespräche für eine diverse Welt“ ab 18. November 2021 mit Karoline Ritter und Dr. Jörg Bernardy. Der Auftakt findet mit der Autorin Kaja Lewina statt – mehr Informationen dazu hier.

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