Impuls des Monats: Kennen Sie Ihre dunklen Seiten?

Work Life - 17. Sep 20

In unserem Blogformat "Impuls des Monats" beleuchtet der Philosoph Jörg Bernardy einmal im Monat Themen, die uns zum Nachdenken und Innehalten anregen. Im September geht es, passend zum Anbruch der dunklen Jahreszeit, um die dunklen Seiten unserer Persönlichkeit, den "Dark-Faktor" und die positive Kraft der Kommunikation.

Dr. Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Max Baier

Intellectual Dark Web: Die Werte der liberalen Demokratie am Pranger

"Wir leben in dunklen Zeiten!“, heißt es. Allein, so ganz stimmt das nicht, denn nicht die Zeiten sind dunkel. Es sind die dunklen Seiten einiger Menschen, die wir verstärkt wahrnehmen. Die meisten Menschen sind nämlich im Grunde gut. So lautet zumindest die These, mit der gegenwärtig der niederländische Autor Rutger Bregman internationales Aufsehen erregt. Dem gegenüber steht die Meinung der ewigen Pessimisten. Sie glauben an den Kampf aller gegen alle und meinen, der Mensch sei grundsätzlich schlecht.  

In letzter Zeit wirft die hochexplosive Debatte um eine angebliche Cancel Culture ein grelles Licht auf einige Schattenseiten unserer gesellschaftlichen Dynamik. Was sich aktuell in der Satireszene zu entladen scheint, hat seinen Ursprung im politisierten Kulturbetrieb. In Nordamerika hat eine Gruppe konservativer Intellektueller seit einigen Jahren den liberalen Mainstream zu ihrem Lieblingsfeindbild erklärt. Sie nennen sich selbst das „Intellectual Dark Web“. Überall sehen sie die Meinungsfreiheit in Gefahr, fühlen sich von diskriminierungssensibler Sprache bedroht und kritisieren die moralischen Werte der sogenannten ‚Gutmenschen‘. Dabei unterschlagen sie die schlichte Tatsache, dass in genau diesen Werten und in unserer Fähigkeit zu sozialer Kooperation das bisherige Erfolgsgeheimnis der Spezies Mensch bestand. 

Fokus Mensch: Kennen Sie Ihren Dark-Faktor?

Ehrlich gesagt kratzt diese ganze Debatte gerade einmal an der Oberfläche dessen, was Menschen sind und sein können. Sie neigt in ihrer gewollten Brisanz zu vereinfachtem Schwarz-Weiß-Denken. Nichts anderes tun übrigens populäre Persönlichkeitstests wie zum Beispiel Sixteen Personalities oder Understanding Yourself. Spiegelt sich in ihnen doch vor allem wider, wie wir uns selbst sehen wollen und nicht so sehr, wer wir wirklich sind. Heißt konkret: Wir testen damit vorzugsweise unsere positiven Seiten und Stärken. Natürlich werden auch unsere Schwächen gestreift, aber unsere dunklen Seiten fallen unter den Teppich. Die Tests sind deswegen nicht schlecht, sondern unvollständig.

Mein Vorschlag lautet daher: Wir sollten uns mehr mit dem dunklen Faktor unserer Persönlichkeiten beschäftigen. Und das bitte nicht nur in den heißesten True Crime Stories oder in Krimi-Serien auf Netflix. Kurz gesagt: Der D-Faktor bestimmt die allgemeine Tendenz, seinen Nutzen auf Kosten anderer zu maximieren und die Kosten für andere nicht zu bemerken, in Kauf zu nehmen oder böswillig hervorzurufen. Sind Sie bereit, Ihre eigenen dunklen Seiten kennenzulernen? Dann machen Sie diesen Test der Universität Koblenz-Landau und finden Sie Ihren persönlichen D-Faktor heraus: Hier klicken und Ihre Dunkle Seite testen! (mehr Infos dazu auf der Website der Universität Koblenz)

Statt uns über eine toxische Debattenkultur oder den Zustand der liberalen Demokratie den Kopf zu zerbrechen, sollten wir uns lieber mit unseren dunklen Seiten auseinandersetzen – und mit denen in unserem Umfeld. Empfehlen Sie den Test daher gern weiter. Gerade für Führungskräfte, Multiplikator:innen und Entscheider:innen ist er eine gute Übung, die letztlich allen zugutekommt. Denn wenn Sie achtsamer mit Ihrem D-Faktor umgehen, dann sind Sie auch ein Vorbild für andere. Außerdem gilt: Je mehr Sie Ihre eigenen Ambivalenzen kennen, desto besser können Sie auch mit der Ambivalenz anderer Menschen umgehen.

Für mehr Ambivalenztoleranz: Spielen Sie ‚Mensch ärgere dich nicht‘

Alternativ können Sie auch einfach ‚Mensch ärgere dich nicht‘ spielen. Am besten setzen Sie sich noch heute mit Ihrer Familie oder mit Freunden zusammen. Spielen Sie „Mensch ärgere Dich nicht“, „Risiko“ oder „Monopoly“. Alle drei Brettspiele haben das Potenzial, unsere gewohnte Impulskontrolle zu vermindern und auszuhebeln. Wir aktivieren damit alles Dunkle, das in uns steckt: Konkurrenzdenken, Ärger, Misstrauen, Missgunst, Wut, Manipulation und Aggression. Plötzlich ertappen wir uns dabei, wie wir andere übers Ohr hauen wollen oder ihnen nicht einmal mehr den kleinsten Vorteil gönnen. 

Natürlich ist das alles nur ein Spiel mit ein paar einfachen Regeln – und eigentlich geht es am Ende um nichts oder zumindest um nicht viel. Genau das macht die Spiele aber zu einem perfekten Instrument, um sich selbst besser kennenzulernen. Denn kaum etwas bringt uns so schnell und wirksam mit uns selbst in Kontakt wie unsere dunklen Seiten.

Die positive Kraft der Kommunikation: mehr Mut zu Ambivalenz

Nicht zuletzt durch Corona ist ein Vakuum entstanden, in dem auch die destruktiven und streitsüchtigen Stimmen unserer Gesellschaft an Raum gewinnen. Wir sollten ihnen diesen Raum nicht überlassen. Die meisten Menschen sind im Grunde nicht nur gut, sondern auf ihre Weise immer auch ambivalent. Allein der Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen spricht Bände über die dunkle Ambivalenz von uns allen. Aber sollen wir deshalb den Glauben an das Gute in uns und Werte wie Toleranz, Respekt und Achtsamkeit ganz aufgeben? 

An dieser Stelle ist auch die Macht von Kommunikation, PR und Journalismus gefragt. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, das entstandene Vakuum mit positiven Inhalten und Geschichten zu füllen, die Auftrieb und Hoffnung schenken, neue Wege aufzeigen und unsere Stärken stärken - und zwar mit all ihren Ambivalenzen. Dafür benötigen wir radikale Selbsterkenntnis und positive Narrative mit mehr Mut zu Ambivalenz. 

„Der Anfang der Genesung ist Einsicht in die eigene Unzulänglichkeit. Du musst dir selbst auf die Schliche kommen, bevor du dich läutern kannst.“ (Seneca)

Herzliche Grüße
Ihr Jörg Bernardy

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