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Impuls des Monats: Jetzt Vertrauen aufbauen

Der schwindende Zukunftsoptimismus der Deutschen und der westlichen Länder ist das Symptom einer tieferen Krise. Hinter dem unaufhörlichen Zerbrechen von Gewissheiten steckt eine Vertrauenskrise, die letztlich auf eine Krise der liberalen Demokratie zurückzuführen ist. Im Impuls des Monats erläutert Autor und Philosoph Jörg Bernardy, warum wir jetzt Vertrauen aufbauen müssen und die Transformation der Arbeitswelt einen wesentlichen Schlüssel auf dem Weg in eine neue Gesellschaft darstellt. 

Jörg Bernardy
Dr. Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Max Baier

Wir Blauäugigen

Sprach man auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor zwei Jahren noch von einem „Great Reset“, um aus der Dauerkrise rauszukommen, erscheint die Hoffnung, die man damals noch auf eine zu rettende Weltordnung gesetzt hatte, spätestens mit dem Ukraine-Krieg wie ein blauäugiger Traum. Waren wir in den letzten Jahren zu zukunftsnaiv? Haben wir die aggressiven (und Jahrhunderte alten) Machtansprüche Russlands aus unserem eigenen Wunsch nach Frieden und Sicherheit heraus ausgeblendet? Waren wir zu blauäugig gegenüber unseren wirtschaftlichen Abhängigkeiten und auf einem Auge blind für die sozialen und politischen Folgen, die sich daraus ergeben? 

Ja, das waren wir wohl oder um es mit dem Comedian Atze Schröder zu sagen, dessen Biografie „Blauäugig“ soeben erschienen ist: „Alles Unterdrückte steht eines Tages vor der Tür und haut dir zur Begrüßung in die Fresse.“ Lange Zeit haben wir so getan, als könnten wir die multiplen Krisen der Gegenwart irgendwie bewältigen. Unser bis dato scheinbar stabiles Vertrauen in die nahe Zukunft entpuppt sich als allzu blinder Zukunftsoptimismus. Wir könnten jetzt eine lange Liste der prägenden Ereignisse und Katastrophen erstellen, von den Anschlägen des 11. September über die Finanzkrise 2008/09 bis hin zu Russlands Annexion der Krim im Jahr 2014, die uns hätten aufwecken können. 

Der neue Ernst des Lebens

„Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen?“, fragte Navid Kermani 2015 in seiner bewegenden Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises, um nur ein Beispiel zu nennen, dass wir es hätten besser wissen können. „Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt – und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich.“ Kermani sprach nicht nur offen aus, dass wir mit dem Kauf von Öl und Gas autokratische Regime und Kriege finanzieren. Er machte deutlich, dass dieser Krieg „nur von den Mächten beendet werden“ könne, „die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stehen, Iran, die Türkei, die Golfstaaten, Russland und auch der Westen.“

„Aber den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun“, so Kermanis zukunftsweisende Warnung im Jahr 2015. Stattdessen haben wir uns in Optimismus, Appeasement und Sicherheit gewogen, ohne zu merken, dass auch wir in Wirklichkeit immer tiefer in eine Misstrauenskultur glitten. Insbesondere die Folgen der Pandemie, der neue Trumpismus und die gesellschaftlichen Zerwürfnisse der letzten Jahre haben die Entstehung einer chronischen Misstrauenskultur in Politik und Wirtschaft noch einmal begünstigt. Der aktuelle Schock über den neuen Krieg in Europa fällt also auf einen höchst fragilen Boden. 

Wir Demokratie-Romantiker

Die vielfach prämierte Schriftstellerin Nora Bossong hat ein ausgesprochen kluges, anregendes und persönliches Buch mit dem vielsagenden Titel „Die Geschmeidigen: Meine Generation und der neue Ernst des Lebens“ geschrieben, worin sie vom Zerbrechen grundsätzlicher Gewissheiten der letzten 40 Jahre erzählt. Ein Fazit darin lautet: „Meine Generation hingegen scheint eher darauf abonniert, Katastrophen erst zu erkennen, nachdem sie eingetreten sind und ein Eingreifen eigentlich zu spät ist.“

Ihre eigentliche These reicht jedoch weit über einzelne Ereignisse, Krisen und Konflikte hinaus. Im Kern diagnostiziert sie eine Krise der liberalen Demokratie. Ein Hauptproblem der letzten 40 Jahre sieht Bossong daher auch in der Tatsache, „dass man sich auf die eigenen Belange fokussierte und immer seltener das Gesamtgesellschaftliche im Mittelpunkt stand.“ Sind wir in unserer Blauäugigkeit nicht nur naiv, sondern auch demokratiemüde geworden? Oder ist es gar die Demokratie selbst, die müde geworden ist? Zumindest zählt das „Bulletin of the Atomic Scientists“ die Aushöhlung der Demokratie innerhalb ihrer berüchtigten „Weltuntergangsuhr“ seit 2019 zu einer ernstzunehmenden Gefahr.

Man könnte unsere Beziehung zur Demokratie auch so beschreiben: Wir verlassen uns auf sie wie auf einen Partner, dessen Liebe wir nun seit über 70 Jahren als selbstverständlich annehmen, dessen Wärme und Schutz wir sogar erwarten und als unser Grundrecht beanspruchen. Wir wären allerdings nicht die ersten, die enttäuscht würden und an ihren allzu romantischen Erwartungen scheiterten. Auch wenn das hart klingt, aber unsere Demokratie ist genauso zerbrechlich und vergänglich wie eine siebzigjährige Liebe. Nichts ist unerschütterlich oder sicher, schon gar nicht in einer Welt, die von einer Krise in die nächste stolpert und die sich möglicherweise längst in einem dritten Weltkrieg befindet. 

Raus aus der Erwerbsarbeit

„Die große Umwälzung ist in vollem Gange“, schreibt der Philosoph Richard David Precht in seinem vor kurzem erschienenen Buch „Freiheit für alle. Das Ende der Arbeit wie wir sie kennen“. Mit Umwälzung meint er nicht so sehr die Folgen der Corona-Pandemie und die durch den Ukraine-Krieg sich verstärkende Weltwirtschaftskrise. Er meint die durch Digitalisierung und Disruption befeuerte „Revolution“, die derzeit unsere Arbeitswelt umpflügt. Zwischen Fachkräftemangel und Automatisierung menschlicher Arbeit sieht Precht hier die größte und vielversprechendste Veränderung in unserer Gesellschaft, die letztlich ein Segen für unsere Demokratie sein könnte. „Es gibt viel Grund zu vermuten, dass die digitale Revolution eine soziale Revolution enthält“, schreibt er. 

Mit dieser „sozialen Revolution“ der Arbeit geht auch eine Veränderung unserer Vorstellungen von Wohlstand einher. In den letzten Jahrzehnten sind Wohlstand und Wohlbefinden bei uns längst zu einer unzertrennlichen Einheit geworden. „Anders als in den Fünfzigerjahren ist Wohlstand heute kein rein ökonomischer Begriff mehr, sondern ebenso eine Frage gesunder Psychen und Körper, einer intakten Umwelt, eines gelingenden Miteinanders, der kulturellen Teilhabe und der Erfüllung von Sinnbedürfnissen“, schreibt Precht. Ihm zufolge befinden wir uns bereits auf dem Weg in eine Sinngesellschaft.

Von der Dauerkrise in die Sinngesellschaft

„Befreit uns die moderne Technologie von der Last der herkömmlichen Erwerbsarbeit?“, fragt auch der Transformationsforscher und Experte für die Zukunft der Arbeit Hans Rusinek in der Februar-Ausgabe des personal.magazin. Arbeit ist nicht nur im Wandel begriffen, sondern politisch, weil sie einen Großteil unserer Lebenszeit auffrisst, also auch wesentliche Zeit, die wir in einer Demokratie eigentlich dafür bräuchten, um uns mit gesamtgesellschaftlichen Anliegen – und mit der Zukunft unserer Gesellschaft – zu beschäftigen. Weil wir auch hier nicht von heute auf morgen alles neu erfinden oder verändern können, müssen wir Unternehmenskultur und Politik, Arbeit, politische Teilhabe, Zukunft und Demokratie viel enger zusammen denken als bisher.

Am Horizont der Sinngesellschaft wartet laut Precht eine neue Freiheit auf uns, die er mit folgender Frage und gesamtgesellschaftlichen Aufgabe verbindet: „Wie kommen wir raus aus einer Gesellschaft, in der sich viele davor fürchten, dass die Arbeit für sie weniger wird und die freie Zeit anwächst, während sie doch genau diesen Zustand fast täglich ersehnen?“ Freie Zeit, die bedeutet, dass uns auch wieder mehr Zeit zur Verfügung steht, um uns für eine zivilgesellschaftliche Erneuerung und Stärkung der Demokratie zu engagieren. Vielleicht ist das auch der Grund, warum uns die neue Freiheit sogar ein wenig Angst macht oder Unbehagen bereitet, weil wir genau wissen, dass sie gleichzeitig eine große Verantwortung und kollektive Anstrengung mit sich bringt.

Die große neue Freiheit gestalten

Was also können wir tun? Wir werden weder die zahlreichen Krisen der Gegenwart von heute auf morgen lösen noch den Ukraine-Krieg beenden können. Wir können uns auch nicht unmittelbar von ausländischem Öl und Gas unabhängig machen. Aber wir können unsere Arbeitswelt transformieren und uns dafür einsetzen, dass wir mehr Zeit haben für gesamtgesellschaftliche Fragen dieser Art, damit das Netzwerken für eine bessere Zukunft der Arbeit, für eine nachhaltigere Energieversorgung und eine agile Demokratiekultur nicht allein der Politik überlassen bleibt, sondern zum Alltags- und Arbeitsverständnis von uns allen wie selbstverständlich dazugehört. 

In einer Sinngesellschaft kann es beim Thema Arbeit nicht nur um persönliches Wohlbefinden, um Existenzsicherung und individuelle Selbstverwirklichung gehen. Ohne politische und kulturelle Dimension gibt es wahrscheinlich gar keinen Sinn. So oder so gilt: Eine bessere Zukunft der Arbeit ist Voraussetzung für eine bessere Zukunft unserer Demokratie. Für beides brauchen wir eine stärkere Vertrauenskultur. Letzteres wiederum können wir aktiv in kleinen Schritten aufbauen. Besonders den Kommunikator:innen und Führungskräften kommt in diesem Prozess eine größere Verantwortung zu, weil sie den Aufbau einer Vertrauenskultur in Richtung Zukunft der Arbeit nicht nur begleiten, sondern auch aktiv gestalten und neue Weichen stellen (können).

Vertrauen als Gebot der Stunde

In der aktuellen Krisenstimmung zeigt sich: Mehr denn je sind Politik, Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt darauf angewiesen, dass Veränderung aus der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Zivilgesellschaft entsteht. In einer Zeit der Zeitenwenden gewinnen Kommunikation, Engagement und Vertrauen an Bedeutung. Das allein sollte eigentlich niemanden überraschen. Um der Sinngesellschaft gerecht zu werden, müssen wir akzeptieren, dass das Führen von Organisationen keine rein ökonomische Angelegenheit ist. Trotz Home-Office und Remote Leadership werden Unternehmen, Netzwerke und Gemeinschaften aller Art aktuell mehr denn je zu politisch und kulturell aufgeladenen Orten. Hier müssen wir mit der neuen Vertrauenskultur beginnen, wenn wir unserer politischen Kultur eine neue Richtung geben wollen.

Eine der wichtigsten Regeln lautet dabei: Vertrauen gewinnt man nicht, man baut es auf. Nicht nur das Vertrauen in uns selbst, sondern allem voran auch das Vertrauen in andere. Fangen Sie bei Ihren Freunden, Nachbarn und Bekannten an, aber auch im Job bei Ihren Kollegen. Führen Sie als Vorgesetzte so viele „Stay-Interviews“ mit so vielen Mitarbeitern wie möglich. Unterhalten Sie sich mit möglichst vielen Menschen darüber, was gut läuft, was besser laufen sollte und warum es sich lohnt, gemeinsam weiterzumachen, alte Ziele zu überarbeiten und sich neue zu setzen. Ermutigen Sie sich gegenseitig zu mehr Sinnerleben und nutzen Sie den Vertrauensaufbau als tägliche Ressource für mehr Mut und Zuversicht

„Die größte Aufgabe besteht, wie bei jeder industriellen Revolution, in etwas ganz anderem: neu zu gestalten, was Menschen tun und wie sie zusammenleben.“ (Richard David Precht)

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