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Impuls des Monats: Glück im Unglück suchen

Work Life - 17. Nov 20

In unserem Blogformat "Impuls des Monats" beleuchtet der Philosoph Jörg Bernardy einmal im Monat Themen, die uns zum Nachdenken und Innehalten anregen. Im November geht es um die Anstrengung, auch in schwierigen Situationen unsere Gefühle zu kontrollieren, Negatives auszublenden und optimistisch nach vorne zu blicken.

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Dr. Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Max Baier

Vom Glück im Unglück

Während eines Spaziergangs kam ich zuletzt zufällig mit einem 82-Jährigen ins Gespräch. Mitten im Naturschutzgebiet an der Grenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein erzählte er mir seine Lebensgeschichte. Als kleiner Junge verlor er zuerst seinen Vater, wenig später seine erkrankte Mutter. Die ältere Schwester starb auf der gemeinsamen Flucht vor den russischen Soldaten. Er kam in ein dänisches Kinderheim und konnte ein paar Jahre später nach Deutschland zurückkehren. 

Positiv denken und die eigenen Erinnerungen filtern 

Betroffen und berührt von all dem Unglück und Leid schien Corona in diesen Minuten weit entfernt, geradezu unwichtig im Vergleich zu dem, was dieser Mann erlebt hatte. Danach fiel mir keine bessere Frage ein als: Wie ist es möglich, dass Sie dennoch einen so heiteren und zufriedenen Eindruck machen? Was ist Ihr Geheimnis für ein glückliches und erfülltes Leben? Man muss dazu sagen, dass dieser Mann mit seinen 82 Jahren frischer wirkte als so mancher 28-Jährige. Nun, antwortete er mir, egal, was er erlebt habe, er sei optimistisch geblieben und habe sich auf das Positive konzentriert.

Ist es wirklich so einfach? Immerhin gelten die Schleswig-Holsteiner als die glücklichsten Menschen Deutschlands. Und tatsächlich hatte er von seinem Leben im Kinderheim geradezu geschwärmt. Es sei ihm dort nicht nur gut gegangen, zusammen mit den anderen Kindern hätte der dort die besten Jahre seiner Kindheit erlebt. Dabei musste ich an die folgenden Worte von Seneca denken: Gelassen ist, „wer mit sich selbst zufrieden ist und seinen eigenen Zustand mit Wohlgefallen betrachtet, und dass er bei dieser Freude keine Unterbrechung zulässt.“ 

Wie wir uns in der Kunst des Ausblendens üben

Schon die Stoiker wussten: Wir können zwar nicht kontrollieren, was uns passiert, wohl aber, was wir darüber denken und wie wir uns erinnern. Wir sollen „Verluste nicht hochschlagen, auch Widrigem eine gute Seite abgewinnen“, schreibt Seneca an anderer Stelle. Ist es das, was der heute 82-Jährige in aller Konsequenz umsetzt? Ja, es kommen dunkle Tage, Wochen und Monate auf uns zu. Aber anstelle des ganz normalen Weihnachtswahnsinns könnte es auch eine Zeit werden, in der wir uns den kleinen Überraschungen im Leben öffnen.

Das Ziel ist Ausgeglichenheit, nicht die Unterdrückung der Gefühle, schreibt der amerikanische Psychologe Daniel Goleman in seinem Klassiker "Emotionale Intelligenz". Damit trifft er den Kern stoischer Gelassenheit. Heißt konkret: Seien Sie hart gegenüber dem Negativen - und weich, aufmerksam und empfänglich für das Positive in Ihrem Leben. Erlauben Sie sich, das Negative in Ihnen und um Sie herum auszublenden. "Und immer nur das Gute notieren, das Schlechte weglassen", empfiehlt auch die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse.

Ausgeglichenheit heißt, sich selbst positiv zu begegnen 

Erinnern Sie sich in dunklen Momenten an den 82-Jährigen und dessen Geheimnis für ein erfülltes Leben. Emotionale Ausgeglichenheit bedeutet nicht nur, dass wir uns lieber auf andere konzentrieren, statt nur um uns zu kreisen. Sie stellt sich erst dann ein, wenn wir die Kraft des Ausblendens nutzen. Optimismus ist nicht alles, aber gerade über den Winter könnte er zu einer wichtigen Überlebensstrategie werden.

Praktizieren Sie außerdem sogenannte "Random Acts of Kindness". Sprechen Sie fremde Personen an und tauschen Sie Freundlichkeiten aus. Tauchen Sie für kurze Zeit in das Leben anderer Menschen ein. Finden Sie heraus, was sie beschäftigt und warum. Nehmen Sie sich eine Auszeit davon, über sich selbst nachzudenken. Vor allem aber: Betrachten Sie sich selbst wohlwollend. Seien Sie gut und freundlich zu sich selbst. Selbstmitgefühl ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, um die kommenden Monate zu überstehen. 

„Wie befriedigend ist es, erschreckende oder unbequeme Vorstellungen auszublenden und zu verdrängen, um sofort seinen Seelenfrieden zu finden.“ (Marc Aurel)

Herzliche Grüße
Ihr Jörg Bernardy
 

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