Impuls des Monats: Für den gelebten Kontrollverlust

Work Life - 15. Jul 20

In unserem Blogformat "Impuls des Monats" beleuchtet der Philosoph Jörg Bernardy einmal im Monat Themen, die uns zum Nachdenken und Innehalten anregen. Dieses Mal geht es um einen ganz besonderen Zustand von Körper und Geist: Den (un)bewussten Kontrollverlust, den Rausch von Körper und Geist in der totalen Fokussierung – den Flow.

Jörg Bernardy
Dr. Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Martina Klein

Wann haben Sie sich zuletzt selbst verloren? 

Witz, komm raus, du bist umzingelt: Natürlich verliert niemand freiwillig oder gerne die Kontrolle über sich. Aber es gibt Situationen, in denen wir Kontrollverlust als etwas zutiefst Angenehmes erleben. Denken Sie bitte an etwas, das Sie gerne und ausgiebig machen: stundenlanges Segeln, Kitesurfen, Skifahren, Squashen, Golfen, Tennis spielen oder ausgedehntes Wandern. Biologisch lässt sich das angenehme Gefühl leicht erklären. Unser Körper schüttet dafür Unmengen an positiven Stress- und Glückshormonen aus. Die Leistungs- und Extremsportler*innen unter Ihnen werden an dieser Stelle zustimmend nicken. Es sind Momente, in denen wir voll und ganz in einer Tätigkeit aufgehen.

Ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Kontrolle

Manche erreichen diesen Zustand aber auch beim intensiven Computerspielen oder wenn sie ein fesselndes Buch lesen. Das Paradoxe an diesem Kontrollverlust lässt sich am besten so zusammenfassen: Wir vergessen uns selbst und behalten genau dadurch die Kontrolle über das, was wir tun. Während wir uns zu einhundert Prozent auf das konzentrieren, was wir tun, verlieren wir unser Zeitgefühl und handeln ohne groß nachzudenken.

Wahrscheinlich haben Sie es längst erraten. Es geht hier um das, was Psychologen ein Flow-Erlebnis nennen. Wir erreichen es beim Yoga und bei der Gartenarbeit. Kinder erleben es regelmäßig beim Spielen, Musiker bei einem Rockkonzert, Schauspieler auf der Bühne und Masseure in ihren Behandlungen. Selbst bei kreativen und routinierten Büroarbeiten erleben viele Menschen immer wieder diesen Zustand. Auch die meisten Schriftsteller werden Ihnen übrigens bestätigen, dass Schreiben ein ständiges Ringen um Flow-Erlebnisse beinhaltet. 

Das Flow-Erlebnis als besonderer Weg ins Hier und Jetzt

Der psychologische Trick dahinter ist, dass Flow über intrinsische Motivation funktioniert. Das heißt, unsere Tätigkeit ist nicht an Belohnung oder finanzielle Anreize gebunden. Wir gehen der Sache um ihrer selbst willen nach. Bei Leistungs- und Extremsport wird das besonders deutlich. Denn es gibt wirklich keinen Grund, warum wir 43 km laufen oder jeden Tag zwei Stunden am Stück schwimmen sollten. Es geht um das Erleben des Flow, um das Hinauswachsen über uns selbst und die Glücksgefühle, die damit einhergehen. 

Flow ist der Champagner unter den Bewusstseinszuständen, der allerdings nur mit Schwarzbrot serviert wird. Denn es braucht einiges an Selbstdisziplin, Konzentration und Ausdauer, um den Zustand aufrechtzuerhalten. Dabei ist es genau diese Mischung aus Aktivität, innerer Ruhe, Disziplin und Glücksgefühl, die uns nachhaltig erfüllt. Im Flow verbinden wir Wahrnehmen und Handeln, schärfen unsere Sinne und regen unseren Geist an.

Entscheidend an diesem Glückserlebnis ist jedoch, dass wir dabei eine besonders intensive Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks machen. Dadurch wird er zu einem Rausch der Begeisterung, den wir immer wieder aufsuchen. Also noch einmal: Wann haben Sie sich zum letzten Mal selbst verloren? Ich hoffe täglich. Bitte reden Sie darüber und teilen Sie Ihre Begeisterung. 

Der stoische Philosoph Lucius Annaeus Seneca (Von der Seelenruhe) sagte dazu:

Etwas Großes und über das Gewöhnliche Erhabenes kann nur ein begeisterter Mensch aussprechen. Wenn er das Gemeine und Alltägliche hinter sich gelassen und in heiliger Begeisterung sich höher erhoben hat.“

Alles Gute wünscht Ihnen

Jörg Bernardy
Philosoph und Autor 

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