Gendergerechte Sprache

Gendern: Sprache ins Bewusstsein rücken

Kommunikation - 06. Mai 21

Viel wird derzeit über gendergerechte Sprache gesprochen. Eine Sprache, die alle Menschen sichtbar macht und keine Person diskriminiert. Genau deshalb beschäftigen sich auch immer mehr Unternehmen und Organisationen mit diesem Thema. Aber was genau meint "Gendern" eigentlich? Gibt es eine Definition von gendergerechter Sprache? Was haben Unternehmen davon, genderbewusst zu kommunizieren und wie sollte man mit internen Vorbehalten  umgehen? Darüber sprechen wir mit Tizia Macia, Mitgründerin von „fairlanguage“.

news aktuell: Das Gendern ist derzeit in aller Munde. Aber was genau meint man damit eigentlich? Wie würden Sie eine gendergerechte Sprache definieren?

Gendern: Sprache ins Bewusstsein rücken. Tizia Macia, Mitgründerin von „fairlanguage“
Tizia Macia, Mitgründerin von „fairlanguage“. Foto: Kat Sans Plus

Tizia Macia: Ja, wir beobachten auch, dass das Thema aktuell stark ins Bewusstsein rückt - und wir würden sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass sich Unternehmen inzwischen nicht mehr NICHT positionieren können: Entweder man greift die gesellschaftliche Entwicklung auf oder man nimmt eine eher konservative Haltung ein. 

Das Wort “Gendern” ist in sich etwas irreführend - weil Deutsch nun mal eine gegenderte Sprache ist: Wir kennen die Differenzierung von einem Physiker und einer Physikerin und verstehen auch das sogenannte "generische Maskulinum“ nicht neutral, sondern männlich. 

Eine gendergerechte Sprache zu verwenden bedeutet für uns in erster Linie, eine Haltung und einen Weg zu betreten, der die eigene Sprache aufmerksam ins Bewusstsein rückt. Eine Haltung, die ausdrückt: Ich möchte nicht, dass meine Sprache diskriminiert oder Menschen unsichtbar macht. Als ein Puzzleteil von vielen ist die (gendergerechte) Sprache auch ein Ausdruck, sich gegen Ungleichheit und Benachteiligungen zu positionieren. 

news aktuell: Wie hat sich das Bewusstsein für gendergerechte Sprache in den letzten Jahren verändert? Gibt es Untersuchungen zur aktuellen Verbreitung von gendergerechter Sprache in Deutschland?

Tizia Macia: Wir sehen, dass in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit für das Thema stark gestiegen ist, sowohl bei den Befürworter*innen als auch in der Kritik. Dazu hat nicht nur die Gesetzesänderung zum Personenstand “divers” Ende 2018 beigetragen, sondern auch, dass sich immer mehr große Unternehmen klar für Gendersensibilität und geschlechtergerechte Sprache positionieren. Das Thema ist so präsent, dass sich sogar der Duden, der eigentlich nur beobachtet, inzwischen zu dem Thema äußert und den Genderstern aufgreift. 

Unsensible Sprache hat bei nicht wenigen Unternehmen in den letzten Jahren zu negativer Kritik und Imageschäden geführt.Klicken, um zu twittern

news aktuell: Warum ist aus Ihrer Sicht der Einsatz von gendergerechter Sprache wichtig? Erklären Sie uns gern ein paar Hintergründe zu der Wirkung von Sprache bzw. inwiefern Sprache Denken und Handeln beeinflusst.

Tizia Macia: Unser Denken wird von Sprache stark beeinflusst. Dazu gibt es verschiedene Studien, zum Beispiel, indem man Assoziationen abfragt und die Zeit des Antwortens misst. Wenn man zum Beispiel fragt, ob für den Satz “Die Handwerker gehen gerade über den Hof” der Satz “Die Frauen sind durch den Regen ordentlich durchgenässt” eine sinnvolle Fortführung ist, dann dauert es deutlich länger, bis die Menschen auf “Ja” klicken. 

Das hat Auswirkungen auf unsere Kinder, die weniger Inspiration und Vorbilder in der Sprache haben, auf die Menschen, die sich bei uns in den Organisationen bewerben und nicht zuletzt darauf, wie präzise Sprache ist und ob sich potenzielle Kund*innen von unserer Sprache angesprochen fühlen - oder sie eher sagen: Naaah, da kaufe ich lieber bei der Konkurrenz. 

Zu guter Letzt: Sensibel zu sein ist inzwischen auch ein starkes Markensymbol und unsensible Sprache hat bei nicht wenigen Unternehmen in den letzten Jahren zu negativer Kritik und Imageschäden geführt. 

news aktuell: Sie unterstützen unter anderem Audi bei der Einführung von Gendersprache in der internen und externen Kommunikation. Was sind in der Regel die größten Vorbehalte in Unternehmen, wenn es ums Gendern geht?

Tizia Macia: Die Sorge, sich angreifbar zu machen. Häufig ist es aber so, dass da dahinter steht, dass “sofort alles perfekt” sein muss. Diesen Zahn ziehen wir Unternehmen häufig und die Erleichterung ist meistens spürbar: Denn auch Organisationen befinden sich auf einem Weg und können mit eben so einer Kommunikation darüber den eigenen Perfektionsdruck rausnehmen. 

Audi ist da ein sehr gutes Beispiel: Hier hat die Arbeitsgruppe sehr viel Wert darauf gelegt, die Mitarbeitenden mitzunehmen und hat nicht nur über 300 Personen schulen lassen, sondern auch die Kommunikation offen und verständlich gestaltet. Das ist unserer Erfahrung nach die halbe Miete, damit die Veränderung intern gut angenommen wird: Das Warum muss klar sein, die Rahmenplanken klar und Hilfsangebote zur Verfügung gestellt werden.

Nach außen war Audi ziemlich offensiv und stand dadurch kurzzeitig stark im medialen Fokus. Das Fazit war aber ganz klar, dass diese Umstellung insbesondere in der Wahrnehmung als attraktive Arbeitgeberin den größtmöglichen positiven Effekt erzielt hat. Auch die Berichterstattung war mehr positiv als negativ und überwiegend neutral.

Wenn Unternehmen gendergerechte Sprache einführen, muss das Warum klar sein.Klicken, um zu twittern

news aktuell: Was würden Sie Kommunikationsverantwortlichen aus Unternehmen empfehlen, die sich überlegen, eine gendergerechte Sprache in der Kommunikation einzuführen? Welche Fallstricke gilt es zu vermeiden?

Tizia Macia: Einheitliche Richtlinien und Leitlinien und einen klaren Action Plan, der aus den Bedürfnissen und Ressourcen des jeweiligen Unternehmens entsteht. In unseren Strategieworkshops geben wir genau dem Raum, was unserer Meinung nach so entscheidend ist: Jede Organisation ist anders und sollte deswegen bei der Einführung ganz individuelle Dinge bedenken. 

news aktuell: Ein großer Einwand zu gendergerechter Sprache ist, dass sie umständlicher zu rezipieren ist. Welche konkreten Tipps haben Sie, um weiterhin möglichst verständlich und flüssig zu kommunizieren?

Tizia Macia: Ganz klar: mehrere Schriftzeichen hintereinander zu verwenden. Es gibt einen bunten Blumenstrauß an Möglichkeiten, gerade auch, wenn es an neutrale Umformulierungen geht. Unserer Erfahrung nach kann die Textqualität dann sogar erhöht werden, weil die Kernaussagen eines Satzes stärker herausgearbeitet werden. 

news aktuell: Kann man auch einfach mal "anfangen" mit gendern, ohne vorher ein ausgeklügeltes Regelwerk aufzustellen? Oder macht man sich dann angreifbar, weil man inkonsequente Sprache verwendet?

Tizia Macia: Wie gesagt, unsere Haltung ist immer, dass es ein Weg und eine Haltung ist. Logisch, dass man anfangen möchte, wenn man erstmal verstanden hat, warum das so wichtig ist! Wir sehen aber, dass viele Unternehmen aufgrund einer einheitlichen Markenbotschaft schnell den Wunsch entwickeln auch einheitliche Leitlinien für ihre Mitarbeitenden zur Verfügung zu stellen. 

news aktuell: Schwierig ist auch die Umsetzung der diversen Gender-Schreibweisen für die gesprochene Sprache. Wie gehen wir damit am besten um?

Tizia Macia: Bei neutralen Formen gibt es gar keine Umgewöhnung - bei den Schriftzeichen spricht man mit einer kurzen Pause, die wir auch schon aus anderen Wörtern kennen: Spiegel|ei, The|ater etc. Das muss man evtentuell etwas üben und anfangs bietet sich auch zur Umstellung der eigenen Gewohnheit eine gendersensible Form “hinterherzuschieben”. 

news aktuell: Abschließend ein Blick in die Glaskugel: Wie sprechen wir in fünf Jahren? 

Tizia Macia: Oh, dazu können wir aktuell tatsächlich noch keine Prognose abgeben und befinden uns in einer beobachtenden Position. Klar ist aber: Die Veränderung gerade ist so schnell, dass fünf Jahre viel, viel geändert haben werden. 

news aktuell: Vielen Dank für das Gespräch!

Wer das Thema Genderbewusste Sprache vertiefen möchte: Am 15. September gibt es in der news aktuell Academy das Webinar "Wie gendergerechte, inklusive Kommunikation in Unternehmen gelingt."

Interview: Beatrix Ta

Kommentare (6)

  • Von evelyn hartman, 28.05.21 02:01 Uhr

    Hey,
    ist es sinnvoll, hier ein Interview zur Thematik zu führen, die selbst als Beratungsunternehmen davon profitiert? Ist es sinnvoll, eine Automarke als Kunden zu nennen, bei dem im Vorstand von 7 Personen nur 2 Personen weiblich bzw. divers sind? Eine Automarke die anscheinend durch solche Massnahmen das Abgasskandal-Image bildlich gesprochen „wegpolieren“ möchte? Ich werde deshalb, obwohl weiblich, keinen dieser Wagen kaufen.
    Sinnvoll ist es, diesen Kommentar zu veröffentlichen. Evelyn
    Quellen:
    https://www.audi.com/de/company/profile/company-management.html
    https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/heilbronn/abgasskandal-abschalteinrichtungen-urteil-100.html
    https://www.test.de/Abgasskandal-4918330-5038098/

    _____

    Antwort von news aktuell:

    Liebe Evelyn,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Unser Interview zu gendergerechter Sprache soll grundsätzlich für das Thema sensibilisieren. Wir wollen damit weder eine bestimmte Person noch eine Automarke bewerben. Es geht uns als Branchenblog darum, eine Auseinandersetzung mit dem bewussten Umgang mit Sprache anzuregen, denn viele Unternehmen – insbesondere die Kommunikationsabteilungen – setzen sich derzeit mit dem Gendern auseinander.

    Herzliche Grüße vom news aktuell Blog-Team

  • Von Thomas, 28.05.21 08:42 Uhr

    Das oben genannte Beispiel mit den Handwerkern, die über den Hof gehen, ergibt keinen Sinn. "Die Handwerker" sind geschlechtsunspezifisch, im zweiten Satz ist dann aber von "die Frauen" die Rede. Wenn es alles Frauen sind, hätte es doch schon im ersten Satz "Handwerkerinnen" lauten müssen. Dieser "Test" beweist also gar nichts. Hier wird unter wissenschaftlichem Deckmantel offenbar etwas falsch konstruiert, um ein Ergebnis hinzubekommen, das der eigenen Ideologie entspricht.
    _____

    Antwort von news aktuell:
    Lieber Thomas,
    vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir haben unsere Interviewgeberin um ein Feedback gebeten, das wir Ihnen hier weiterleiten möchten: ”Sie haben es mit Ihrem Kommentar auf den Punkt gebracht: Würden Sie die Handwerker neutral verstehen, dann bräuchte es keine “Handwerkerinnen”, wenn es sich komplett um Frauen handelt. Denn dann wäre das eine logische Möglichkeit. Neutral heißt: Das Geschlecht der Personen ist völlig offen. Sobald es aber nach einer maskulinen Form ein Störgefühl gibt, wenn sich herausstellt, dass damit eine Frau gemeint ist, weist das auf etwas hin, was in verschiedenen Studien immer wieder sichtbar wird: Dass wir die (grammatikalisch) maskuline Form nicht neutral, sondern tendenziell auch kognitiv maskulin verstehen. Ich hoffe, ich konnte Ihnen helfen! Herzliche Grüße, Tizia Macia”.

  • Von Andrzej Kolinski, 28.05.21 10:04 Uhr

    Ein sehr oberflächliches Interview über ein wichtiges Thema. Die Verunstaltung der deutschen Sprache, der gesprochenen wie der geschriebenen, ist beim "Gendern" ein großes Problem z.B. für die Millionen inzwischen von ausländischen Mitbürger, die in Deutschland leben. Welche Sprache sollen sie den lernen? Wenn über die Gender-Sprache gesprochen wird, dann meint man/frau nur die Wortart "Nomen", also eine Benennung. Ein richtiges Gendern in der Sprache würde aber auch die Konjugation, also männliche/weibliche und vielleicht weitere gendergerechte VERB-FORMEN. Hierzu finde ich aber als ein Ausländer nirgendwo Informationen. Andere Sprachen sind da viel weiter.

  • Von Martin Hoffmann, 30.05.21 06:35 Uhr

    Ein Text voller Unwahrheiten und Plattitüden. Von Wissenschaft, Sprachgefühl und -praxis ganz weit entfernt. Von newsaktuell erwartete ich bisher ein anderes Niveau. Das ist jetzt vorbei.

  • Von Wolfgag Hansen, 31.05.21 05:42 Uhr

    Mein Gott. Was ist das denn? Ein Beitrag der Eigen-PR. Soll ich ein solches Interview ernst nehmen, wenn schon der Unternehmensname »fairlanguage« fern des Deutschen ist. In Bezug auf gendergerechte Sprache kann ich nur auf die Beiträge und Kommentare im »Der Spiegel« und der »FAZ« verweisen. Gendern ändert kein Bewusstsein.

  • Von Janina von Jhering, 01.06.21 01:57 Uhr

    Liebe Kommentator*innen,
    vielen Dank für Ihre interessanten und wichtigen Kommentare zum Thema Gendergerechte Sprache. Das zeigt uns zum einen die Reichweite und Komplexität dieses Themas auf und zum anderen, dass sich gerade viele Kommunikationsprofis damit beschäftigen – und es mitunter durchaus emotional tun. Genau daher haben wir dieses Thema auch mit auf unseren Blog aufgenommen, wohl wissend, dass dieser eine Beitrag mit Sicherheit keine fertigen Lösungen präsentiert und auch nur eine Sichtweise darstellt. Es geht uns darum, darauf aufmerksam zu machen, dass auch Kommunikationsabteilungen sich mit diesem Thema beschäftigen sollten. Eine Standardlösung wird es bei diesem Thema bestimmt zeitnah nicht geben, aber umso wichtiger ist es, sich damit auseinanderzusetzen und sich auch der Konsequenzen bewusst zu sein.
    Herzliche Grüße,
    Janina von Jhering, Leiterin Unternehmenskommunikation news aktuell GmbH

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