Messebranche: ein Jahr digitale oder hybride Events

Ein Jahr digitale oder hybride Events: Wie geht es der Messebranche?

Events - 14. Apr 21

Messen stattfinden zu lassen, war in den vergangenen zwölf Monaten quasi nicht möglich. Eine Messe kann natürlich ins Digitale verlängert werden. Aber der Erfolg von Messen besteht insbesondere darin, über das persönliche Gespräch oder Zufallsbegegnungen ein Geschäft anzubahnen, ein Produkt auch haptisch zu erfahren. Das alles findet seit mehr als zwölf Monaten nicht statt. Darüber und wie die Hamburg Messe und Congress GmbH das letzte Jahr erlebt hat, haben wir mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung Bernd Aufderheide gesprochen.

news aktuell: Seit Beginn der Pandemie sind in Deutschland 70 Prozent der Messen ausgefallen. Messen dienen ja der Geschäftsanbahnung und natürlich der Präsentation von Innovationen. Wie war die Reaktion aus der Wirtschaft, als der erste Lockdown kam?

Bernd Aufderheide, Vorsitzender der Geschäftsführung von Hamburg Messe und Congress GmbH
Bernd Aufderheide, Vorsitzender der Geschäftsführung der Hamburg Messe und Congress GmbH. Foto:  Michael Zapf.

Bernd Aufderheide: Mit dem ersten Lockdown standen wir als Messegesellschaft aber auch die Wirtschaft vor einer völlig neuen Situation. Schien es zunächst nahezu unvorstellbar, dass Messen vollständig abgesagt würden, wandelte sich die Stimmung im Verlauf der Monate. Während wir im Spätsommer 2020 noch hofften, einige Präsenzmessen durchführen zu können, erhielten wir zunehmend Absagen aus der ausstellenden Wirtschaft. Hauptgründe waren die Sorge um die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter, Unklarheit über Reisebestimmungen und immer wieder aufkommende Infektionswellen in verschiedenen Ländern. Wirtschaftlich und gesundheitlich sichere Messen waren nahezu unplanbar.
 
news aktuell: Haben Sie in den letzten 12 Monaten überhaupt Präsenzmessen ausrichten können? Wenn ja, welche? Und wie lief das?

Aufderheide: Genau eine: die Nordstil, eine Ordermesse, die von uns und unseren Kollegen der Messe Frankfurt Anfang September auf unserem Gelände organisiert wurde. Im Vorfeld hatten wir gemeinsam ein detailliertes Hygienekonzept entwickelt, das unter anderem Hygieneinseln in den Hallen und eine spezielle Wegeführung vorsah. Mit drei Hallen, rund 300 Ausstellern und etwa 5000 Besuchern war diese Nordstil in allen Bereichen etwa ein Drittel so groß wie üblich. Dennoch war die Stimmung bei allen Beteiligten nach gut einem halben Jahr Lockdown nahezu euphorisch.

news aktuell: Wie gehen Sie mit dieser nun schon seit einem Jahr andauernden Unplanbarkeit um? Haben Sie inzwischen immer gleich mehrere Pläne (Plan A und Plan B…) in der Schublade?

Aufderheide: Auch wenn man sich mit der Aussage fast im Bereich der Phrasen befindet, lässt es sich kaum anders beschreiben: Wir fahren permanent auf Sicht. Das heißt, wir sind gut genug vorbereitet, um den Normalbetrieb relativ zügig wieder aufnehmen zu können, halten die Aufwendungen aber so gering wie möglich, um wirtschaftlichen Schaden bei Absagen zu vermeiden. Die größte Herausforderung war und ist es, den richtigen Zeitpunkt für Absagen zu treffen, also lange genug die Möglichkeit einer Messedurchführung zu erhalten, ohne dass unnötige Vorbereitungen hohe Kosten verursachen.

news aktuell: Die Veranstalter sind da ja auch in der Pflicht. Nicht nur Sie als Vermieter von Flächen, oder? Was müssen die tun und welche Reaktionen haben Sie da bekommen?

Aufderheide: Wir sind als Hamburg Messe und Congress ja beides: Die großen Hamburger Messen wie die INTERNORGA, die Schiffbaumesse SMM oder die WindEnergy Hamburg gehören uns, bei anderen Veranstaltungen wie dem OMR Festival oder der Aircraft Interiors Expo treten wir als Vermieter auf. Aber die Herausforderungen sind für uns alle gleich. Wir haben es mit einer Pandemie zu tun, wie sie niemand von uns zuvor erlebt hat. Im Messe- und Kongressgeschäft hat das, wie in vielen anderen Bereichen sicherlich auch, zu einem großen gegenseitigen Verständnis geführt. Letztlich lässt sich die Herausforderung nur gemeinsam bewältigen.

news aktuell: Die Messegelände nicht nur von der Hamburg Messe stehen seit einem Jahr vielfach leer. Haben Sie sich in den letzten Monaten neue Möglichkeiten der Nutzung erschließen können?

Aufderheide: Eher notgedrungen. Wir haben im vergangenen Jahr beispielsweise mehr als 25.000 Studenten bei uns zu Gast gehabt, weil unsere Messehallen die Möglichkeit bieten, Prüfungen mit großen Sicherheitsabständen durchzuführen. Außerdem beherbergen wir seit Jahresbeginn das Hamburger Impfzentrum auf unserem Gelände. Darauf sind wir ein wenig stolz. Denn wir sehen es auch als Teil unseres Auftrags, bei der Bewältigung schwieriger Situationen ein Partner in der Stadt zu sein. Zuletzt 2015 als Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete und Standort der größten Kleiderkammer Europas.

news aktuell: Haben Sie in den vergangenen Monaten alternative „Treffpunkte“ geschaffen? Wenn ja, welche sind das?

Aufderheide: Wir haben zwischenzeitlich unsere drei oben erwähnten Leitmessen als digitale Formate durchgeführt. Dafür ist in einer unserer Messehallen ein wirklich beeindruckendes Aufnahme- und Sendestudio entstanden. Wirtschaftlich ist das jedoch nicht, genauso wenig, wie die Studenten oder das Impfzentrum, wenn man das mit den ausgefallenen Messen vergleicht. Es geht bei diesen Formaten in erster Linie darum, einen – wie Sie es nennen – Treffpunkt für die Branchen zu schaffen, um in Kontakt zu bleiben.

news aktuell: Wie schaut es für dieses Jahr aus? Welche Konzepte haben Sie, die Messen in diesem Jahr möglich machen? 

Aufderheide: Die vorhanden Hygienekonzepte habe ich ja bereits erwähnt. Darüber hinaus prüfen wir, ob es einen Markt für die Vermietung des Studios gibt. Und wir hoffen sehr, dass wir noch in diesem Jahr wieder erste Präsenzveranstaltungen durchführen können.

news aktuell: Kann das die Zukunft der Messe für die nächsten zehn Jahre sein?

Aufderheide: Ich glaube fest, dass die Messe- und Kongressbranche verändert, aber im Kern gestärkt, aus dieser Pandemie hervorgehen wird. Mit zunehmender Dauer der Kontaktbeschränkungen wird das Bedürfnis der Menschen nach persönlicher Begegnung immer stärker. Dafür müssen wir nicht allein in unsere Branche schauen, das sehen wir überall. Und wir hören es von unseren Kunden. Persönlich erlebe ich eine Art déjà vu, wenn ich höre, dass Messen und Kongresse künftig vor allem digital stattfinden werden. Diese Prophezeiungen hat es um die Jahrtausendwende mit dem Erstarken des Internets schon einmal gegeben. Damals hieß es auch, alles werde sich ins Netz verlagern. Messen werde es bald nicht mehr geben. Tatsächlich waren die vergangenen 20 Jahre dann die stärksten Jahre des internationalen Messe- und Kongresswesens, wobei Präsenzveranstaltungen der digitalen Wirtschaft häufig das größte Besucherwachstum verzeichneten. Das Bedürfnis sich zu treffen, gemeinsam zu feiern und sich beim Geschäftsabschluss in die Augen zu sehen, wird bleiben. Trotzdem hat die Pandemie die Digitalisierung unserer Branche exponentiell beschleunigt. Messen und Kongresse werden künftig in einem viel stärkeren Maße auch Menschen außerhalb der Hallen und Säle erreichen. Außerdem werden die physischen Veranstaltungen von wenigen Tagen Dauer mithilfe digitaler Angebote zeitlich verlängert. Corona hat der Veranstaltungsbranche in der Beziehung einen massiven Schub verliehen, vernichtet hat sie sie nicht. Im Gegenteil: Die Pandemie hat uns den Wert des persönlichen Kontaktes auf sehr schmerzhafte Art noch einmal verdeutlicht. 

news aktuell: Die Infektions- und Inzidenzzahlen sind weltweit gesehen ja inzwischen sehr unterschiedlich. Bieten Kooperationen mit anderen Messeunternehmen in der Welt eine Möglichkeit, zukünftig Messen „in echt“ auszurichten? Also zum Beispiel eine Kooperation mit einer Messe aus einem anderen Land, das niedrige Inzidenzen vorweisen kann?

Aufderheide: Es ist unwahrscheinlich, dass Veranstalter und Aussteller ein solches Risiko eingehen und Ausstellungsorte auf Basis aktueller Infektionszahlen auswählen. Messen erfordern lange Vorbereitungen, während sich die Inzidenzen binnen Wochen teils dramatisch verändern. Das wäre gar nicht leistbar. Internationale und nationale Kooperationen sind in unserer Branche dagegen schon sehr lange ein erfolgreiches Mittel wirtschaftlichen Wachstums. So kooperieren wir beispielsweise auf unserem Gelände sehr erfolgreich mit unseren Kollegen aus Frankfurt, Leipzig und Stuttgart, mit denen wir in anderen Zusammenhängen durchaus im Wettbewerb stehen.

news akutell: Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Nicola Wohlert

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