Disruptive Thinking: Disruption als Challenge unserer Zeit

Kommunikation - 11. Dez 19

Disruption ist nicht nur ein technologisches Phänomen. Sie ist eine selbst geschaffene Herausforderung unserer Gesellschaft für die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Die gute Nachricht: Disruptives Denken und Handeln lässt sich lernen. Von Jörg Bernardy

Jörg Bernardy, Philosoph, Autor und Dozent. Foto: Martina Klein
Jörg Bernardy, Philosoph, Autor und Dozent. Foto: Martina Klein

Im Zuge der Digitalisierung kristallisiert sich Disruption gegenwärtig als die strategische Methode unserer Zeit heraus. Die Pioniere und Vorreiter der Disruption verbinden kapitalistische und kulturelle Motive und gehören längst zur Avantgarde unserer Gesellschaft. Sie zitieren französische Dichter, lesen Klassiker der antiken Philosophie, sie entwerfen Utopien und Visionen für die Zukunft und schreiben Manifeste.

Ob nun Christoph Keese, der Arthur Rimbaud zitiert, einen radikalen französischen Dichter aus dem Paris des 19. Jahrhunderts. Oder der Investor Peter Thiel, der in seinem fortschrittsoptimistischen Manifest „Zero to One“ aus Nietzsche und Goethes Faust zitiert. Nicht weniger zukunftsoptimistisch der Director of Engineering von Google, Ray Kurzweil, einer der wichtigsten Vertreter des Transhumanismus. Und nicht zu vergessen der Unternehmer und PR-Experte Ryan Holiday, der die Klassiker der römischen Staatsphilosophie für seine Zeitgenossen neu formuliert und popularisiert.

So gesehen kann es kaum verwundern, dass sich die Vorreiter der Disruption eines methodischen Mittels bedienen, das alle Avantgarden der Weltgeschichte für sich beansprucht haben: des radikalen Perspektivwechsels. Neben der Jagd nach dem richtigen Geschäftsmodell steht Disruption somit für ein kulturelles und philosophisches Mindset. Ein radikaler Perspektivwechsel, um sich selbst, einen Markt oder ein Produkt neu zu erfinden. Dabei ist disruptives Denken und Handeln eine Fähigkeit, die man erlernen kann. Nicht zuletzt bieten die Universitäten Oxford, MIT und Cambridge diverse Acht-Wochen-Programme für digitale Disruptions- und Transformationsstrategien an.

Die Wahrheit ist: Disruptieren kann man eigentlich fast alles. Auch das erklärt zu einem großen Teil die hohe Popularität der disruptiven Methode. Die größte und herausforderndste disruptive Phantasie, die die Menschheit derzeit umtreibt, ist wahrscheinlich die Disruption des Menschen selbst. Letztlich gilt hier aber das gleiche wie für alle Phantasien: sie können anregend wirken, müssen aber nicht in die Tat umgesetzt werden.

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