Bewältigung der Corona-Krise – durch Anpassung und Resilienz

Bewältigung der Corona-Krise – durch Anpassung und Resilienz

Kommunikation - 16. Apr 20

Krisen wie die derzeitige Corona-Pandemie bedeuten beruflich als auch persönlich Veränderung und Anpassung. Warum dabei Widerstandskraft und Akzeptanz eine besondere Rolle spielen, entschlüsselt Philosoph und Autor Jörg Bernardy. Zu einigen kurzfristigen Folgen von Corona auf die Kommunikationsbranche hat news aktuell gemeinsam mit dem Berliner Meinungsforschungs-Startup Civey eine Befragung durchgeführt. Rund 400 Fachkräfte aus Kommunikation, PR und Medien haben dabei bewertet, welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf die folgenden vier Themen hat:
 

  • Durchführung geplanter Kommunikationsmaßnahmen
  • Online-Erreichbarkeit der Zielgruppe
  • Entwicklung des „Influencer Marketings“-Trends
  • Kürzung der Marketing- und PR-Budgets

Die exklusiven Umfrage-Ergebnisse als Grafik erhalten Sie hier:

Jetzt downloaden

Zeit für Resilienz: Erforschen Sie das Geheimnis der Widerstandskraft

Jörg Bernardy
Jörg Bernardy, Autor, Philosoph und Dozent. Foto: Martina Klein

Krisen sind keine besonders guten Gelegenheiten, um zu hoffen. Stattdessen sind Durchhalten, Handeln, richtiges Entscheiden und Helfen die Tugenden der Stunde. Um auch in unerwarteten Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben, brauchen wir vor allem drei psychologische Strategien: Radikale Akzeptanz, die Kraft der Gedankenexperimente und Black-Box-Denken. Mit anderen Worten: Resilienz und Prävention sind Schlüsselkompetenzen im Umgang mit aktuellen und zukünftigen Krisen.

Die gegenwärtige Krise führt uns vor Augen, dass es unlösbare Probleme gibt. Wir können weder das Kontaktverbot aufheben noch das Gebot der Stunde umgehen: Social Distancing. Genauso wenig ist es uns derzeit möglich zu verhindern, dass die Weltwirtschaft schwächelt. Das alles sind Defizite und Einschränkungen, die wir hinnehmen müssen. Diesen und allen anderen Folgen der Corona-Krise begegnen wir am besten, indem wir sie radikal akzeptieren. Was uns hierbei am allerwenigsten weiter hilft, ist das ständige Schauen auf die Katastrophe. Ebenso wenig müssen wir alle Folgen der Krise im Detail kennen oder wissen. Denn das wichtigste Ziel in Krisenzeiten ist vor allem eines: handlungsfähig bleiben. Ein handlungsfähiges Mindset wiederum beginnt ganz konkret bei der Sprache und unserer Kommunikation. Aus der Resilienzforschung ist längst bekannt: Je mehr wir die Welt in der Sprache einer Person beschreiben, die Einfluss auf ihre Situation ausüben kann, desto widerstandsfähiger sind wir – und desto mehr werden wir auch so wahrgenommen. 

Soziale Wärme trotz körperlicher Distanz 

Die erste Resilienz-Check-Frage lautet daher: Wie sehr bewege ich mich gedanklich und sprachlich in den negativen Vorstellungen von Isolation, Social Distancing, Kontaktverbot und Zusammenbruch? Dann ist es Zeit für einen Perspektivwechsel: Im Zusammenbruch steckt auch ein Neustart und Social Distancing schließt soziale Wärme nicht aus. Auch Krisen und Katastrophen lassen sich im Framing von Prozess und Entwicklung beschreiben. Tatsächlich macht die Suggestion an dieser Stelle einen Unterschied. Sprache hat eine emotionale Wirkung auf das soziale Miteinander. Es kommt nicht nur auf die physische Kontaktsperre an, sondern auch darauf, wie sie sich auf die emotionale Stimmung und den sozialen Umgang auswirkt. Die Erkenntnis der Stunde lautet bereits jetzt: Soziale Nähe geht auch ohne körperliche Begegnung. Die emotionale Qualität der Kommunikation kann sogar intensiver werden.

Die Kraft der Gedankenexperimente

Mit "Die Welt nach Corona" hatte der Zukunftsforscher Matthias Horx bereits Mitte März ein bemerkenswertes Gedankenexperiment zur Krise entworfen. Es handelt sich um eine Corona-Rückwärts-Prognose, in der er von der Zukunft auf die Gegenwart blickt. Seine außergewöhnlich konstruktive Interpretation der Krise ist in erster Linie eine geschickte Umleitung der kollektiven Ängste und Sorgen. Statt wie hypnotisiert auf die wachsende Wucht der Katastrophe (x) und deren Folgen (y) zu schauen, baut Horx eine Brücke zwischen Zukunft und Gegenwart.

Wir sehen die Probleme nicht mehr auf uns zukommen, sondern von einer fiktiven Zukunft schauen wir zurück auf unseren Wandel, den wir und die Gesellschaft auf den Weg gebracht haben (werden). Damit liegt der Fokus des Gedankenexperiments ganz klar auf den eigenen Handlungsoptionen und auf der Aktivierung unserer positiven Ressourcen. In der Psychologie besteht kein Zweifel daran, dass solche Gedankenexperimente wirken. Wir entwickeln und trainieren Resilienz, wenn wir uns in unserer Vorstellung als selbstwirksam erleben.

Zwischen Panik und Solidarität

Diese optimistische Sichtweise auf die Krise ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass es tatsächlich schwierige Situationen und Momente geben wird, die wir bewältigen und meistern müssen. Unsere innere Widerstandskraft zeigt sich erst dann wirklich, wenn die Krise zum Alltag geworden ist. Heißt konkret: Wenn sich die Stimmung irgendwo zwischen Anfangseuphorie und Lethargie, Panikmache und Verharmlosung, zwischen blindem Optimismus und lähmendem Pessimismus eingependelt hat. Erst nach ein paar Monaten, wenn die anfängliche Schockstarre und Solidaritätseuphorie verflogen sind und die Auswirkungen der Krise alltäglich geworden sind, erst dann werden wir die Frage beantworten können: Wie widerstandsfähig bin ich wirklich?

Erst dann wird sich zeigen, wie resilient wir wirklich sind. Auch hier bieten sich schon heute Gedankenexperimente und mentale Übungen an, die mit der Kraft der Suggestion arbeiten. Um sich mental und emotional auf unvorhersehbare Szenarien und zukünftige Extrembedingungen vorzubereiten, können wir uns zum Beispiel daran erinnern, wie wir in der Vergangenheit existenzielle Krisen gemeistert haben. Die zweite Resilienz-Check-Frage lautet: Wie haben Sie in Ihrer Vergangenheit emotionale und soziale Krisen bewältigt? Suchen Sie sich eine aus, die besonders herausfordernd war: Mit welchen konkreten Mitteln, Methoden und Fähigkeiten ist es Ihnen gelungen, sie zu überstehen? Schon das regelmäßige Erinnern und Wissen der eigenen Ressourcen lässt uns widerstandsfähiger werden.

Lüften Sie das Geheimnis Ihrer Widerstandskraft

Übrigens gibt auch hier eine aktuelle Studie Anlass zu Optimismus: Nicht wenige Deutsche erleben sich in der Krise stärker als erwartet. Parallel dazu bestätigt eine erste Erhebung aus China, dass ein solides Management von Ängsten, Sorgen und Schlafstörungen für die Bewältigung der aktuellen Krise unverzichtbar ist. Das bedeutet in anderen Worten: Nehmen Sie sich bitte mindestens einmal pro Woche 20 - 25 Minuten Zeit und beantworten Sie folgende Fragen: Welche konkreten Strategien und Ressourcen stehen mir zur Verfügung, um innere Spannung und Druck abzubauen? Wie gehe ich mit dem erhöhten Pensum an beruflichem Stress und privaten Konflikten um? Wer und was gibt mir Halt in der Krise? Dieser Krisenzettel kann Ihnen in schlechten Momenten als Anleitung und Weg zu Ihrer persönlichen Widerstandskraft dienen.

An dieser Stelle mag es sinnvoll sein, ein paar falsche Vorstellungen aus der Welt zu räumen und das Geheimnis der Widerstandskraft zu lüften: Resilientes Denken und Handeln bedeutet nicht, dass wir in jedem Moment ruhig, optimistisch und gelassen sind, sondern dass wir handlungsfähig bleiben und die eigenen Ressourcen aktivieren können. In diesem Sinne ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Menschen zu Helden des Alltags werden und sich seit Anfang der Krise fragen: Was kann ich konkret tun? Was steht in meiner Macht, um Gutes zu tun? Für mich, für mein Team, für meine Nächsten? 

Hoffen ist gut, Prävention ist besser

„Jeder Absturz macht jeden zukünftigen Flug sicherer“, schreibt Rolf Dobelli (Gründer von WORLD.MINDS) in seinem Buch "Die Kunst des guten Lebens". Um aus Flugabstürzen zu lernen, hat man irgendwann in jedes Flugzeug einen unzerstörbaren Flugschreiber (Black Box) installiert, damit sich die Absturzursachen im Nachhinein rekonstruieren lassen. Vielleicht sollten wir auch die Corona-Krise (und auch jede Wirtschaftskrise) wie einen Flugzeugabsturz betrachten. Es hat solche Krisen in der Vergangenheit gegeben und wir bleiben auch in Zukunft nicht von ihnen verschont. Zur Bewältigung jeder zukünftigen Krise sind jedoch zwei Dinge unverzichtbar: Resilienztraining und hartnäckige Fehleranalyse. 

Albert Einstein meinte einmal: „Eine clevere Person löst ein Problem. Eine weise Person vermeidet es.“ Um die nötige Weisheit für zukünftige Corona- und Wirtschaftskrisen zu entwickeln, müssten wir die Gründe für unsere Fuckups und Abstürze analysieren. Erst wenn wir die richtigen Fehlerursachen finden und erklären, können wir sie für die Zukunft ausschließen und das machen, was weise Menschen machen: Probleme vermeiden. Das schafft man leider nicht nur mit Optimismus. Denn jede Krise bringt kurzfristige, mittel- und langfristige Folgen mit sich. Heißt konkret: Wir müssen auch heute schon mit den schlimmsten Szenarien rechnen, damit eine Prävention überhaupt möglich ist.

Jetzt downloaden!

Captcha

Ihr Kommentar

Newsletter abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und erhalten immer die neuesten Updates rund um das Thema Kommunikation (max. 2/Monat).

Sicherheitsfrage