Virtual Reality ist Trending Topic. Spätestens seit Mark Zuckerbergs Auftritt auf dem Mobile World Congress im Februar wissen wir: „VR ist die nächste Plattform“. Und tatsächlich: Die Technologie ist inzwischen marktreif und längst nicht mehr nur in der Gaming-und Entertainment-Branche beheimatet. Auch für Journalismus und Markenkommunikation tun sich spannende Möglichkeiten auf.

Ich schaue nach oben und blicke in den schwarzen Nachthimmel. Neben mir höre ich den Gesang einer Frau zu Gitarrenmusik. Leises Stimmengemurmel. Ich senke meinen Kopf und sehe in die Gesichter von Frauen und Männern, die der Musik lauschen. Als ich mich umdrehe und auf den Boden blicke, entdecke ich ein Meer von brennenden Kerzen. Es ist die Nacht nach den Anschlägen in Brüssel. Nach einer Minute zwanzig tauche ich wieder aus der ergreifenden Szene auf. Das 360°-Video auf Welt Online ist zu Ende und ich setze meine VR-Brille ab.

Virtual Reality die nächste Plattform

Ist Virtual Reality die nächste Plattform? Wenn es nach Mark Zuckerberg geht, wird die Interaktion in computergenerierten Welten bald Alltag.

 

„VR und AR werden die Kommunikation in den kommenden Jahren stark verändern.“ Martin Heller, Head of Video bei WeltN24, bescheinigt VR und ihren verwandten Technologien Augmented Reality und 360°-Videos ein großes Potenzial. VR verspricht ein unmittelbares Erleben mit allen Sinneseindrücken und bringt die Zuschauer näher an das Geschehen heran als alle bisherigen Formate. Burkhard Knopke, Chefredakteur von AUTO BILD Digital, schwärmt von den neuen Möglichkeiten: „Wenn Sie unser 360°-Video eines Bentley Mulsanne sehen – am besten auf einem Smartphone – und Sie sich mit dem Gerät in der Hand um die eigene Achse drehen, dann bekommen Sie ein Gefühl für den Raum, für die Formen und die Anordnung der Elemente. Das funktioniert auch bei einem Zweisitzer wie dem Opel GT. Die Sportlichkeit des Konzeptautos wird durch die Enge im Innenraum spürbar.“

Die Einsatzmöglichkeiten von VR im Journalismus sind enorm vielfältig, meint der Datenjournalist und VR-Experte Lorenz Matzat: „Das Faszinierende an VR ist, dass man die User in andere Räume versetzen kann. Das können historische Orte sein oder Orte der Zukunft. Orte, wo ich physisch sonst nicht hin kann: Das Körperinnere oder die Mondoberfläche. Ich kann Leute zu Riesen machen, aber auch zu Zwergen oder Amöben.“

Anders als bei bisherigen Formaten wird der Zuschauer zu einem aktiven User, der selbst bestimmt, welchen Blickwinkel er einnimmt. Folglich ändern sich bisherige Sehgewohnheiten und die Art des Storytelling. Lineares Erzählen wird schwieriger, gleichzeitig entstehen neue, dramaturgische Möglichkeiten. Vorbildfunktion könnten Computerspiele mit 3D Interface Design haben. Noch ist nicht klar, wo die Reise hingeht: „Zwar wird in der VR mit Kameras und Video gearbeitet, im Bereich Schnitt und Einstellungsgrößen gelten jedoch keinesfalls die Regeln von TV oder Webvideo. VR ist dem Theater viel näher als Fernsehbeiträgen. Stellen wir uns Schnitte einfach vor, wie einen Vorhang im Theater“, glaubt Heller.

Auch die Unternehmen haben das Potenzial von VR entdeckt. Vom Vertrieb über Marketing und Kommunikation bis hin zu Schulung: Einsatzgebiete gibt es viele. Groß sind die Erwartungen: Allen voran verspricht man sich mehr Umsatz, aber auch Imageverbesserung und Effizienzsteigerung sowie einen emotionalen Zugang zu Produkten und Dienstleistungen.

So bietet der Reisekonzern Thomas Cook seinen Kunden seit über einem Jahr in ausgewählten Reisebüros virtuelle Urlaubstrips und Hotelrundgänge an. Ein Highlight: die Reise durch New York – inklusive Helikopterrundflug. „Urlaub war bisher für die Kunden vor der Buchung nicht greifbar. Sie mussten sich auf die Beschreibungen anderer verlassen. Jetzt bekommen sie zum ersten Mal einen echten Eindruck vom Hotel oder Strand, und zwar bevor sie überhaupt reisen.“ Für Mathias Brandes, Head of Communications Continental Europe bei Thomas Cook, ist klar: Die Datenbrille erleichtert die Urlaubsentscheidung und die Buchung.

Zum gleichen Fazit kommt auch Audi. Der Automobilhersteller hat bereits vor drei Jahren mit der Entwicklung einer eigenen VR-Softwarelösung begonnen. Mit der Audi VR experience können die Kunden bei ausgewählten Händlern ihr eigenes Wunschauto virtuell konfigurieren. „Bei einem Angebot von inzwischen 50 verschiedenen Modellen mit millionenfacher Ausstattungskombination war das bisher schlicht unmöglich“, so Marcus Kühne, Projektleiter im Digital Retail Development von Audi. Die Datenbrille lässt den Kunden sein Fahrzeug außerdem in ganz unterschiedlichen Umgebungen erleben oder in bestimmte Fahrzeugteile eintauchen und deren technischen Aufbau erkunden.

Natürlich ersetzt VR weder die echte Probefahrt noch das echte Reiseerlebnis. Für Kühne ist VR eine hervorragende Ergänzung zum konventionellen Vertriebsprozess: „In der Alltagspraxis wird es darauf ankommen, das Abtauchen des Kunden in virtuelle Welten und den Dialog mit dem Berater im Autohaus flüssig miteinander zu verbinden.“

Und trotz großer Fortschritte gibt es bei der Technologie noch viel Potenzial nach oben – insbesondere bei der Auflösung und den Steuermöglichkeiten. Während 360°-Videos inzwischen zwar recht kostengünstig zu produzieren sind, ist die 3D-Produktion noch sehr teuer. Im Gegensatz zu den Unternehmen stellt sich für die Medienhäuser daher noch dringlicher die Frage nach der Monetarisierung ihrer VR-Inhalte. Jenseits technologischer und inhaltlicher Herausforderungen erfordert der erfolgreiche Einsatz von VR schließlich auch neue Experten, die Kenntnisse in 3D-Software und in Film vereinen, meint Lorenz Matzat.

Bisher gibt es nicht viele VR-User. Doch erschwingliche und damit massenmarkt-taugliche Endgeräte wird es in naher Zukunft immer mehr geben: alle Big Player – von Oculus/Facebook, Samsung, Sony, HTC, Microsoft und Apple – arbeiten daran. Auch Zeiss versucht sich mit einer deutschen Variante. Neben den noch sehr teuren, aber qualitativ ausgereifteren Brillen gibt es inzwischen viele günstigere Alternativen, die im Zusammenspiel mit dem Smartphone funktionieren. Varianten von Googles Cardboard aus Karton kommen immer mehr in Umlauf: So bietet McDonald´s in Schweden momentan eine Kartonbrille an, die sich aus der Happy-Meal-Verpackung zusammenbauen lässt. Auch Coca-Cola möchte seine Verpackung zweitverwerten. Kunden sollen zukünftig VR-Brillen aus Flaschen- und Dosenkartons basteln können. Und vor Kurzem hatte selbst Tchibo Cardboard- Viewer im Sortiment.

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