Gute Fotos fangen besondere Momente ein. Dafür braucht es einen geschulten Blick, Erfahrung und gelegentlich auch ein bisschen Glück. Diese Zutaten hatte der Stuttgarter Fotograf Marijan Murat. Denn es gelang ihm, den Seitfallzieher von U19-Nationalspieler Max Besuschkow während der Junioren-Europameisterschaft festzuhalten. Dafür gewann er den ersten Preis bei den dpa-Bildern des Jahres in der Kategorie Sport. In TREIBSTOFF erzählt der dpa-Fotograf, wie das Bild entstanden ist, warum er Pressefotograf geworden ist und was Bewegtbild für den Job des Fotojournalisten bedeutet.

TREIBSTOFF: Wie ist Ihr dpa-Bild des Jahres entstanden?

dpa Bilder Marijan Murat Pressefotografie

„Ein herausragendes Pressefoto stößt im Idealfall gesellschaftliche Veränderungen an.“ Marijan Murat ist Fotograf bei der dpa Deutsche Presse-Agentur. Foto: Julian Stratenschulte

MURAT: Ich hatte das Vergnügen, bei strahlendem Sonnenschein ein Spiel der deutschen U-19-Nationalmannschaft in meinem Heimatort Stuttgart zu covern. Dass dies dazu führen würde, dass ich das Siegerbild in der Kategorie „Sport“ schieße, war zu dem Zeitpunkt völlig abwegig, da Gewinnerfotos bei Sportfotowettbewerben meistens bei großen, medial stark begleiteten Wettbewerben entstehen. Das Interesse für die U19-EM 2016 im eigenen Land hielt sich zu diesem Zeitpunkt schwer in Grenzen. Als ich mir jedoch nach Besuschkows Aktion den Seitfallzieher auf dem Display anschaute und erkannte, dass er bilderbuchmäßig ausgeführt war, zudem Licht, Perspektive und Gestaltung stimmten und außer ihm nur viele italienische Spieler auf dem Bild zu sehen waren, dachte ich jedoch: Das Ding ist wirklich gut!

TREIBSTOFF: Was war dabei die größte Herausforderung?

MURAT: Im richtigen Moment trotz des hohen Tempos der Aktionen auf dem Spielfeld den passenden Ausschnitt zu wählen und den Finger auf dem Auslöser zu behalten.

TREIBSTOFF: Welcher Auftrag in Ihrer dpa-Laufbahn ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

MURAT: Da mein Job zu den wohl abwechslungsreichsten Berufsbildern der Welt gehört und mich die Arbeit für dpa an verschiedenste Orte der Welt führt – vom Schäfer auf der Schwäbischen Alb bis zu den Olympischen Spielen in Rio – fällt es mir schwer, hier einen einzelnen Auftrag zu nennen.

Ein trauriges Erlebnis, das mich in jungen Jahren, noch vor meiner dpa-Laufbahn, sehr beeinflusst hat, war der Tod des Studenten Carlo Giuliani während der G8-Proteste in Genua 2001. Ich war damals als junger, idealistischer Fotograf ohne Auftrag und Schutzausrüstung unterwegs. Während der Ausschreitungen geriet ich in eine Nebenstraße und flüchtete vor der tränengasgeschwängerten Luft in einen Hinterhof. Als ich danach wieder auf die Straße kam, ging ich um eine Häuserecke und stand auf einem Platz, auf dem sich viele Polizisten versammelt hatten, die versuchten etwas zu verdecken. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte und versuchte die Situation ins Bild zu rücken. Nach und nach wurde mir klar, dass das, was ich da auf Film bannte, das erste Todesopfer der Proteste in Genua war. Die Szene und die Gefühle von damals, die Hilflosigkeit, die Aufregung, die Trauer und die Wut kehren immer dann zurück, wenn ich das Foto von damals betrachte.

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Eine Sanitäterin kniet neben dem erschossenen Demonstranten Carlo Giuliani während des G8 Gipfels 2001 in Genua. Foto: Marijan Murat

Als ich dann zur dpa stieß, kamen im Laufe der Jahre viele weitere Aufträge dazu, von denen mir eine Fotoreportage über die USS Eisenhower in besonderer Erinnerung geblieben ist. Die USS Eisenhower war ein US-Flugzeugträger im östlichen Mittelmeer, von dem aus US-Jets Angriffe gegen den IS in Syrien und im Irak starteten.

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Aviation Ordnancemen transportieren am 01.07.2016 im östlichen Mittelmeer auf dem Deck des Flugzeugträgers USS Dwight D. Eisenhower Raketen. Foto: Marijan Murat

Auch die Bildberichterstattung über den Amoklauf in Winnenden mit all ihren emotionalen und moralischen Schwierigkeiten oder auch das Dokumentieren der Situation der Flüchtlinge auf der Balkan-Route im September 2015 sind bei mir hängengeblieben.

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Flüchtlinge stehen am 19.09.2015 an der Grenze Bregana zwischen Kroatien und Slowenien hinter einem Absperrgitter, davor stehen slowenische Polizisten. Mehrere hundert Flüchtlinge hofften an der Grenze auf ihre Weiterreise. Foto: Marijan Murat

Eine eher skurrile Episode erlebte ich auf dem Genfer Autosalon, als mir während des Fotografierens der damalige VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn während seines inoffiziellen Rundgangs über den Weg lief. Er ging zum Porsche-Stand und kniete sich auf den Boden, um unter ein Fahrzeug zu schauen. Ich legte mich natürlich sofort daneben und drückte auf den Auslöser. Das Bild wurde erst nicht oft verwendet, kam dann später während der Diesel-Affäre noch zu großer Ehre.

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Der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn schaut am 04.03.2008 bei einem Rundgang während des 78. Internationalen Automobil-Salons in Genf unter einen Porsche GT2. Foto: Marijan Murat

TREIBSTOFF: Welches Ihrer Bilder ist Ihr persönliches Lieblingsbild? Warum?

MURAT: „Lieblingsbild“ ist vielleicht der falsche Ausdruck. Ich denke, eines der wichtigsten Fotos in meiner Laufbahn ist das des Rentners Dietrich Wagner, der im Zuge der Stuttgart 21 Proteste an den Augen verletzt wurde. Die Wellen, die dieses und all die anderen Fotos der damals im Stuttgarter Schlossgarten anwesenden Fotografen verursachten, gaben mir die Bestätigung, durch meine Arbeit aufzuklären und Menschen zum Denken zu bewegen. Das war schließlich die ursprüngliche Intention bei meiner Berufswahl zum Bildjournalisten gewesen. Als die Bilder aus dem Schlossgarten nach dem sogenannten „Schwarzen Donnerstag“ die Medien füllten, diese bei Pressekonferenzen gezeigt wurden, Demonstranten daraus Plakate und Transparente machten, dachte ich: Das ist der Grund, weshalb ich Pressefotograf werden wollte.

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Zwei Männer stützen am 30.09.2010 im Schlossgarten in Stuttgart den verletzten Dietrich Wagner. Mehrere tausend Demonstranten haben sich versammelt, um gegen die geplante Abholzung des Parks zu protestieren. Foto: Marijan Murat

TREIBSTOFF: Wann ist für Sie ein Pressebild ein herausragendes Pressebild?

MURAT: „Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut“, soll Henri Cartier-Bresson einmal gesagt haben. Ein herausragendes Foto ist wohl jenes, das uns in dieser Zeit eine Geschichte erzählt, uns zum Nachdenken anregt und im Idealfall gesellschaftliche Veränderungen anstößt, wie Nick Uts Foto der verletzten, rennenden Phan Thị Kim Phúc während eines Napalm-Angriffs in Vietnam oder das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskinds Aylan Kurdi der türkischen Pressefotografin Nilüfer Demir, das auch Gegenstand einer Studie schwedischer und amerikanischer Forscher war, die starke Effekte dieses Fotos auf die Wahrnehmung des syrischen Bürgerkrieges belegte.

Ein herausragendes Pressefoto stößt im Idealfall gesellschaftliche Veränderungen an. Klick um zu Tweeten

TREIBSTOFF: Welche Trends sehen Sie aktuell in der Presse-Fotografie?

MURAT: Fotografische Trends wurden in den letzten Jahren häufig von technischen Neuerungen gesetzt: Stichwort Drohnenfotografie, 360 Grad, Smartphone-Fotos. Ich denke, dass sich dies fortsetzen wird, VR und Konsorten geben da noch viel Spielraum her.

Davon abgesehen wird das Bewegtbild immer bedeutender. Auch wenn es ketzerisch klingt und mich so manche Kolleginnen und Kollegen dafür beschimpfen werden: Unsere Arbeitsweise wird sich, sobald es die technischen Möglichkeiten der Kameras hergeben, dahingehend ändern, dass wir als Agenturbildjournalisten in vielen Situationen in erster Linie Bewegtbild produzieren und aus diesen Clips Stills als Pressefotos extrahiert werden.

Was die klassische Presse-Fotografie angeht: Dadurch, dass unsere Fotos immer mehr online genutzt und auch auf mobilen Medien wie Smartphone oder Tablet „funktionieren müssen“, nimmt die sowieso in der Nachrichtenfotografie weit verbreitete Verdichtung unserer Fotos in Motiv, Ausschnitt und Gestaltung noch mehr zu. Schön ist aber, dass es dazu auch eine Art „Gegenbewegung“ gibt, und dpa-Fotografen auch immer mehr magazinige, kreative und weiter aufgefasste Motive produzieren und damit einen guten Kontrapunkt zu dieser Verdichtung bilden.

TREIBSTOFF: Stichwort Social Media: Wie beeinflussen Instagram und Co. die professionelle Fotografie?

MURAT: So manche befürchten hier bereits den Zusammenbruch der klassischen Nachrichtenfotografie, was ich für falsch halte. Natürlich sorgt Social Media dafür, dass es immer mehr und schnelleres Material von Breaking-News-Lagen geben wird, da Menschen vor Ort ihr Mobiltelefon zücken und Bildmaterial produzieren werden. In diesem Fall sind die Nachrichtenagenturen jedoch wichtiger denn je. Sie müssen diese Bilder schnell beschaffen und – in Zeiten von Fake News und Co. journalistisch, wie gesellschaftlich existentiell – verifizieren. Aber wenn ich mir anschaue, welche Fotos von wichtigen Ereignissen der jüngsten Zeit den Menschen wirklich in Erinnerung geblieben sind, waren das immer Bilder von professionellen (Presse)-Fotografen.

Davon abgesehen denke ich, dass für uns Agenturfotografen Instragram und Co. Plattformen sind, auf denen sich Fotografen gut präsentieren können. Ich finde es großartig, dass im Vergleich zu früheren Zeiten, als Agenturjournalisten eher die namenlosen Profis im Hintergrund waren, meine Kolleginnen und Kollegen immer mehr nach außen in Erscheinung treten, und dadurch der dpa ein Gesicht geben.

 

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