Den großen Vorschlaghammer mag sie gar nicht. Zumindest, wenn er bei Pressemitteilungen eingesetzt wird. Vera Günther ist freie Medienredakteurin bei Horizont. Sie erhält täglich viele E-Mails mit Pressemitteilungen. Was die Journalistin PR-Schaffenden rät, erzählt sie uns im TREIBSTOFF-Blitzinterview. Für unsere Reihe „Wer liest eigentlich Pressemitteilungen?“ befragen wir in unregelmäßigen Abständen Redakteure nach ihrem Alltag und ihren Tipps für PR-Material.

TREIBSTOFF: Würden Sie uns in ein paar Sätzen Ihren Arbeitsalltag beschreiben?

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„Bilder immer in der richtigen Auflösung! 20 MB große Fototapeten sind genauso lästig wie 2 KB großer Fliegenschiss.“ Vera Günther, freie Medienredakteurin bei Horizont. 

GÜNTHER: Permanent atemlos auf der Jagd nach der ganz heißen, exklusiven Story….nein, im Ernst, eher unspektakulär. Als Münchner Dependance von Horizont sitze ich allein in meinem Dachkämmerchen. Ich mache, was Redakteure eben so machen. Mails checken, telefonieren, surfen, Leute treffen, Pressetermine wahrnehmen und … schreiben.

TREIBSTOFF: Wie recherchieren Sie neue Themen?

GÜNTHER: Mit offenen Augen und Ohren, am liebsten im direkten Gespräch. Was ist die Story hinter der Story, die mir gerade jemand erzählt? Was ist das manchmal winzige Detail, das zu einem Thema inspiriert? Viele Eindrücke verdichten sich ganz plötzlich zu einem Trend. Auch Pressemitteilungen können Anregungen geben, aber wenn sie erst mal verschickt sind, ist die Geschichte eben manchmal auch schon durch.

TREIBSTOFF: Wie muss Pressematerial aussehen, mit dem Sie etwas anfangen können?

GÜNTHER: Im Prinzip genauso wie eine Nachricht: Die fünf W-Fragen, möglichst schnell und umfassend geklärt. Das aber gleichzeitig inspirierend und objektiv. Schluss mit komplizierten Bandwurmsätzen, exorbitant klingenden aber unverständlichen Fachbegriffen, Worthülsen und Superlativen. Pressemitteilungen sind keine Sitcoms, bei der man die Zuschauer mit dem großen Vorschlaghammer und HaHaHaHaHa aufmerksam machen muss, dass jetzt Begeisterung angesagt ist. Ich erkenne schon selbst, wann etwas neu, überraschend, absolut einzigartig und berichtenswert ist. Professionell wäre zudem, das Bildmaterial in passender Auflösung mitzuschicken. 20 MB große Fototapeten sind dabei übrigens genauso lästig wie 2 KB großer Fliegenschiss.

PR-Material Tipps Pressemitteilungen

Pressemitteilungen sind keine Sitcoms. Den großen Paukenschlag sollten PR-Schaffende lieber Formaten wie der Kultserie „The Big Bang Theory“ überlassen. Foto: ProSieben/Warner Bros. Television

 

TREIBSTOFF: Welche Fehler machen Absender von Pressematerial immer wieder?

GÜNTHER: Der Klassiker: „Ich habe Ihnen soeben eine Pressemitteilung geschickt…“ Jaaaa, doch! Ich kann ja lesen und ich melde mich gegebenenfalls schon. Anrufen ist gut, aber bitte bei Geschichten, die wirklich, wirklich etwas Außergewöhnliches sind. Danach ist eigentlich immer zu spät: Besser ist es, die Geschichten erst mal exklusiv anzubieten. Weiterer Fehler: Nennung von dubiosen Prozentzahlen, deren absolute Größenordnung im Dunkeln bleibt (ja, eine Steigerung von 1 Euro auf 1,50 Euro Umsatz sind eben auch 50 Prozent Plus), Verweise auf angebliche Studienergebnisse, bei denen die Quelle fehlt…und so weiter und so weiter.

TREIBSTOFF: Wie möchten Sie angesprochen werden, wie nicht?

GÜNTHER: Eigentlich reicht ja mein Name, aber den würde ich schon gerne als Anrede lesen. Agenturen sollten schon wissen, wen genau sie ansprechen und warum. Wer Medienvertreter einfach wahllos und anonym vollmüllt, muss sich nicht wundern, wenn seine Mails irgendwann gar nicht mehr gelesen werden.

 

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