Pling Pling Pling: Quasi rund um die Uhr empfangen wir WhatsApp-Nachrichten, SMS, E-Mails, Push-Notifications. Das Problem: Wir schalten immer weniger ab, machen vieles gleichzeitig, ohne es bewusst zu machen. Ständig auf allen Kanälen ON sein führt zur digitalen Erschöpfung. Der Journalist und Autor Markus Albers hat darüber ein inzwischen viel besprochenes Buch geschrieben. Für TREIBSTOFF hat er daraus ein paar wesentliche Gedanken zusammengefasst. Der vielleicht schwierigster Kampf in der neuen Arbeitswelt: das Bedürfnis nach Ungestörtheit und nach Alleinsein zu verteidigen. Denn viele wichtige Tätigkeiten beruhen nicht auf Kollaboration, sondern auf Introspektion. 

Ein sonniger Tag in Berlin. Aus dem Küchenfenster sehe ich die zwei großen Bäume in unserem Hof, ein paar braune Blätter hängen noch daran. Ein Eichhörnchen flitzt über einen Ast und springt auf die Regenrinne. Meine Tochter liegt nebenan auf dem Sofa, sie hat gestern Nacht Fieber bekommen, kann nicht zur Schule. Meine Freundin musste zur Arbeit, der Babysitter kann so kurzfristig nicht, also bin ich zu Hause geblieben. Es ist jetzt knapp ein Jahr her, dass ich mein Experiment gestartet habe, mich weniger von der Arbeit vereinnahmen zu lassen. Mich gegen die erstickende Umarmung des Digitalen zu wehren, gegen den Impuls, alle paar Minuten aufs Smartphone zu schauen. Heute, denke ich, ist ein guter Tag, einmal Maß zu nehmen. Zu schauen, was das alles am Ende gebracht hat. Welche Strategien funktionieren und welche nicht. Und was das fürs große Ganze bedeuten könnte, also für Unternehmen, Organisationen. Für die Wege, die wir in die Zukunft der Arbeit gemeinsam gehen wollen.

Noch vor einem Jahr wäre ein Tag wie dieser für mich ein Riesenproblem gewesen. Kurzfristig den Kalender leerräumen? Unmöglich! ich muss bei Meetings dabei sein, Entscheidungen treffen. Ohne mich bleibt Arbeit liegen, wissen Kollegen nicht, was sie tun sollen, sind Kunden enttäuscht. Und selbst wenn ich es geschafft hätte, alle persönlichen Termine abzusagen oder umzulegen, wäre mir die Arbeit ja auf all den digitalen Trampelpfaden nach Hause gefolgt. Ich hätte Dutzende von E-Mails bekommen. Benachrichtigungen unserer Kollaborationssoftware, dass ich dieses Dokument lesen soll, jenes Layout freigeben, diesen Text korrigieren oder jene Agenda ergänzen. Parallel hätte mein Smartphone abwechselnd geklingelt, weil Kollegen und Kunden angerufen hätten, oder gepingt, weil andere mir SMS oder WhatsApp-Nachrichten geschickt hätten. Während ich am Rechner auf die eine Anfrage geantwortet hätte, wäre gleichzeitig meine Mobilbox vollgelaufen. Während ich die Anrufe abgehört hätte, hätten sich die E-Mails getürmt. Ich hätte in stundenlangen Telefonkonferenzen festgesteckt, 20 Tabs in meinem Browser gleichzeitig geöffnet, hätte die To- dos in meiner Wunderlist unten nur abgehakt, um oben neue dazuzuschreiben.

Egal, ob im Büro oder zu Hause, in einem Café oder am Strand – die Arbeit wäre mir unbarmherzig gefolgt. Sogar an einem Tag wie diesem wäre das nicht anders gewesen. Meine Tochter hätte in ihrem Bett gelegen, und damit ich arbeiten könnte, hätte ich ihr wahrscheinlich das iPad gegeben, auf dem sie spielen oder einen Film hätte schauen dürfen. Und so hätten wir dann dagesessen, in benachbarten Räumen und doch jeder für sich, versenkt in die Welt unserer Bildschirme.

Heute ist es anders. Das Kind bastelt im Bett, ich bringe Papier und Stifte. Ich koche Nudeln, sie hat wenig Appetit, aber wir essen zusammen, ich erzähle eine Geschichte. Sie nickt auf dem Sofa ein, ich sitze daneben und lese im Economist. Natürlich gibt es die ein oder andere Mail aus dem Büro, aber keine ist wirklich dringend. Natürlich mache ich zwischendurch zwei kurze berufliche Telefonate, aber nicht, weil ich muss, sondern weil sie eh gerade schläft. Natürlich schauen wir nachmittags ein paar Folgen Tom und Jerry. Aber gemeinsam, nicht, um sie ruhigzustellen, weil ich eine Telko habe. Das Telefon klingelt heute nicht einmal. Die Kollaborationsplattform bleibt still. SMS oder WhatsApp-Nachrichten kommen zwei oder drei von Freunden.

Ansonsten: Ruhe. Kontemplation. Zeit für einander. Das Handy bleibt in der Schublade, der Laptop zugeklappt. Ich bemerke den Unterschied erst, als ich mir bewusst mache, wie wenig selbstverständlich all das ist. Wie anders mein Leben noch vor Kurzem war, damit natürlich auch das meiner Familie. Ich werde nervös, überprüfe noch einmal den Eingang meines E-Mail-Programms, starte die Collaboration-App neu, kontrolliere, ob das Handy auch im Netz ist. Vielleicht liegt irgendwo ein technischer Fehler? Vielleicht habe ich in Wahrheit hundert Nachrichten, sie werden nur nicht angezeigt. Ich misstraue der Stille.

Aber sie ist echt. Alle Kanäle funktionieren, es kommt nur kaum etwas an. Faszinierend! Was ist heute anders als vor elf Monaten? Zeit für eine Bestandsaufnahme. Ich versuche inzwischen tatsächlich bewusst, damit aufzuhören, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Multitasking ist extrem verlockend, ich muss hart dagegen ansteuern. Also: Nicht die E-Mail checken, während ich telefoniere. Nicht aufs Handy gucken, während die Tochter Sandmännchen schaut. Sondern: Immer. Nur. Eine. Sache. Zu. Einer. Zeit. Tun. So viel Zen muss sein. Noch mehr Achtsamkeit brauche ich dann aber auch nicht. Probieren Sie es mal aus. Beruhigt ungemein. Dinge einfach mal langsamer tun, hilft ebenfalls. Weniger Kaffee, weniger Hektik. Bewusst langsam sprechen. Bewusst langsame Bewegungen machen. Die Meditation des viel beschäftigen Arbeiters. Und dann natürlich: immer mal wieder nichts tun. Für eine Minute Teppichmuster studieren. Den Baum vorm Fenster anschauen. Runterkommen.

Voraussetzung, dass das klappt, ist natürlich, die Geräte in den Griff zu bekommen, sprich: auch mal auszuschalten oder zumindest gezielt einzusetzen. Heißt für mich: nicht ständig bei mir zu tragen. Ich habe mit kleinen Übungen angefangen – das Handy auf dem Schreibtisch liegen lassen und zur Kaffeemaschine gehen? Klappt. Dann immer weiter gesteigert: das Handy zu Hause in der Schublade lassen und einen Spaziergang machen? Schon schwieriger. Aber möglich.

Ich habe mir das mit einer etwas ältlichen, aber passenden Metapher erklärt: der eines Gartens. Kommunikationstechnologie ist in diesem Bild die Pflanzenwelt, die ständig streng gepflegt und beschnitten werden muss – die einzelnen Gewächse bilden ständig neue Triebe, Unkraut breitet sich aus. Ich habe mir zum Beispiel angewöhnt, regelmäßig Twitter-Followern zu entfolgen, wenn mich ihre Tweets nicht mehr interessieren. Facebook-Freunde auszublenden, wenn sie meinen Stream zumüllen. E-Mail-Newsletter nicht nur zu löschen, sondern abzubestellen. Asynchrone Kommunikationsformen wie E-Mails nicht mehr in dem Moment abzurufen, in dem sie ankommen – also ständig –, sondern gesammelt, zum Beispiel nur einmal pro Stunde. Dann aber konsequent, jede Mail nur einmal anzufassen, sofort zu beantworten oder wegzusortieren, sodass mein E-Mail-Postfach nie mehr als 10 Nachrichten beinhaltet. Mit den Kollegen abzusprechen, bei welchen Kommunikationen sie mich in Kopie nehmen sollen und bei welchen nicht.

Das Jäten, Stutzen und Kultivieren muss zum regelmäßigen Automatismus werden, sonst überwuchert der digitale Garten. Klick um zu Tweeten

Überhaupt spreche ich auch mit Kunden, Dienstleistern oder Partnern offener über meine präferierten Kanäle und ihre Hierarchie, also: nicht dringende Dinge per Mail. Freigaben nur über die Kollaborationsplattform der Firma. Wenn’s dringend ist, eine Chat-Nachricht oder Twitter-DM. Anrufe sollten die Ausnahme sein, reserviert für emotional komplexe oder sozial kritische Themen, bei denen in der Schriftform die Gefahr von Missverständnissen droht. Und natürlich: wenn es wirklich brennt. Telefonkonferenzen und persönliche Meetings sind anscheinend das beste Mittel, um mehrere Parteien untereinander abzustimmen, aber riesige Zeitfresser – sie begrenze ich auf ein Minimum, riskiere auch mal, unfreundlich zu wirken, wenn ich absage. Ich speichere Texte, die ich online entdecke, konsequent in einer App wie Pocket, um nicht ständig kurze Häppchen zu lesen, sondern nur manchmal, dann aber zusammenhängend, in Ruhe. Habe begonnen, neben der To-do-Liste auch eine Not-to-do-Liste zu pflegen. Und reiße immer wieder wild wuchernde, aber unansehnliche Pflanzen raus, sprich – entscheide mich komplett gegen Kanäle: Snapchat hatte anfangs ja seinen Reiz, aber die menschliche Aufnahmefähigkeit ist nun mal begrenzt. Nur wenn dieses Jäten, Stutzen und Kultivieren zum regelmäßigen Automatismus wird, verhindern wir, dass uns der digitale Garten überwuchert.

Zu automatisieren, Nein zu sagen und Prioritäten zu setzen, war der nächste Schritt. Einer, der nicht nur Selbstdisziplin erfordert, sondern auch Verhandlungen mit anderen Menschen. Grenzen zieht man nicht für sich, sondern eben immer in Abgrenzung zum Nächsten. Und das bedeutet: Interessenkonflikte thematisieren. Meinungsverschiedenheiten verhandeln. Streit aushalten. Hier wird es wirklich kompliziert, denn die Ruhe des einen ist vielleicht der Stress des anderen. Wichtig: seinen Standpunkt klar und offen formulieren. Lösungen anbieten. Dann aber auch fest zu den vereinbarten Regeln stehen. Klare Kante ist hier wichtig, Konsistenz ebenso. Meine Kollegen wissen, dass sie mich abends nicht mehr anrufen können, es sei denn, die Welt geht unter. Kunden wissen, dass ich zweimal pro Woche die Kinder von Schule und Kita abhole, also auch mal nachmittags nicht erreichbar bin. Alle haben verstanden, dass ich ein Leben neben der Arbeit habe, das ich mit Klauen und Zähnen verteidige. Was hilft: dass ich im Notfall trotzdem erreichbar bin. Es muss nur eben wirklich ein Notfall sein, und von denen gibt es nicht viele.

Die größte Ambivalenz der Digitalen Erschöpfung liegt für mich in der Frage, ob die Technologie ausschließlich Teil des Problems ist oder auch Teil der Lösung sein kann. Ob die Tools und Gadgets, mit denen wir derzeit hoffen, unsere Arbeitswelt effizienter und freier zu machen, dieses Versprechen einlösen können, oder ob wir uns hier auf einem verhängnisvollen Irrweg befinden. Die Antwort – soweit ich sie bisher übersehen kann – lautet: Beides. Jein. Je nachdem.

Ich glaube nach wie vor, dass die digitalen Tools des Neuen Arbeitens jenes Emanzipationspotenzial bieten, das wir ihnen ursprünglich zugesprochen haben. Ich sehe nur, dass in der Praxis der meisten Unternehmen dieses Potenzial nicht realisiert, oft sogar pervertiert wird. Die neue Welt räumt uns viele persönliche Freiheiten in der zeitlichen und räumlichen Gestaltung von Arbeit ein. Die alte, hierarchisch organisierte und auf maximale Effizienzsteigerung hin optimierte Unternehmenswelt ist aber immer noch da, nimmt uns diese Freiheiten wieder weg, und im Ergebnis haben wir das Schlechteste aus beiden Welten: ständige Erreichbarkeit. Und Kontrolle ohne Flexibilität und Freiheit.

Wenn zum Beispiel das Büro künftig vor allem ein Ort der Kollaboration sein soll – woran ich übrigens durchaus glaube –, dann heißt das im Gegenzug eben auch: Egal wie schön das neue Office ist – wer konzentriert arbeiten will, darf auch mal nicht hingehen. Und das ist der vielleicht schwierigste Kampf, den aufzunehmen ich begonnen habe, denn es ist zugleich der wahrscheinlich wichtigste: mein Recht auf und mein Bedürfnis nach Ungestörtheit, nach Alleinsein, nach Kontemplation zu verteidigen. Nicht nur für meine private psychische Hygiene, sondern eben auch und vor allem, um hervorragende Arbeit zu produzieren. Denn viele wichtige Tätigkeiten beruhen eben nicht auf Kollaboration, sondern auf Introspektion. Zugleich muss ich selber wieder lernen, Ruhe zu ertragen, in diesen Phasen des Nicht-erreichbar-Seins dann aber auch produktiv zu sein, statt zu prokrastinieren.

Ob Technologien wie Virtual Reality, Mixed Reality, lernende Assistenzsysteme und künstliche Intelligenz unsere Arbeitskultur zum Besseren verändern, weil sie uns erlauben, den Blick vom Bildschirm zu erheben, oder ob sie uns stattdessen noch mehr als heutige Tools zum Sklaven der Arbeit machen, weil die Arbeit dann eine permanente Präsenz in unserer Wirklichkeitswahrnehmung bekommt, wir sie also gar nicht mehr abschalten können, ist noch nicht ausgemacht. Ich persönlich glaube, dass – wie so oft – die Dialektik dieser Entwicklung darin bestehen wird, dass beides geschieht: Wir werden noch mehr aus tradierten Strukturen befreit und zugleich in neuen, oft unsichtbaren Netzen gefangen. Technologische Plattformen werden es uns dank des Lock-In-Phänomens zunehmend unmöglich machen, sie wieder zu verlassen – Kunden der Services von Apple oder Google kennen das schon heute: Hat man erst mal all seine Filme, Musik, Adressdaten bei einem Dienstleister gesammelt, hat man sich seinen Algorithmen anvertraut, die einen immer besser kennenlernen und dadurch immer passendere Angebote machen, wird es zunehmend schwierig, zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Aus heutiger Sicht nahezu unvorstellbar granulare Datensätze über uns werden nicht nur Werbung, Marketing und Vertrieb zur Verfügung stehen, sondern auch unserem Arbeitgeber und – das dürfte besonders tückisch werden – künstlichen Intelligenzen, die unsere Arbeitsumgebung und sowie womöglich unser gesamtes Erleben auf unsere Vorlieben und Fähigkeiten hin zuschneiden und anpassen. Der schon heute oft unangenehm nagende Verdacht, in einer Filter Bubble zu leben, wird dann zur allumfassenden Realität.

Komischerweise freue ich mich trotzdem auf diese neuen Werkzeuge. Ich bin nicht technikfeindlich, kein Maschinenstürmer. Ich glaube nur, dass wir bei der nächsten Welle der Digitalisierung unseres Arbeitslebens noch genauer hinschauen müssen, dass wir neue kulturelle, ethische – zur Not auch gesetzgeberische – Regelungen brauchen werden, um Auswüchse zu kontrollieren. Dass es nicht ausreichen wird, uns auf die Selbstregulation der Märkte zu verlassen. Ich fürchte, dass wir angesichts der exponentiellen Geschwindigkeit der auf uns zukommenden Veränderungen vielleicht schlichtweg zu langsam sein werden. Für mich persönlich, aus heutiger Sicht, ist die Konsequenz, dass es genau jetzt Zeit wird, bei allem Techno-Optimismus den Muskel des Nicht-Digitalen wieder zu trainieren: stets modernste Technik nutzen und gleichzeitig Intimität zulassen, Irrationalität feiern, effizienzfreie Zonen im Leben schaffen. Von Hand mähen, statt einen Rasenroboter zu kaufen. Mit dem Zug fahren, auch wenn Fliegen schneller wäre. Handgeschriebene Grußkarten versenden statt Emojis. Ideen an die Wand malen, statt in einer Excel-Tabelle aufzulisten. Gedanken ziellos schweifen lassen, statt Tickets und To-do-Listen abzuarbeiten. Diese gesunde Ambivalenz möchte ich auch meinen Töchtern mitgeben. Und für meine Generation ist dies im Zweifel das beste berufliche Fortbildungsprogramm für eine Zeit, in der die Maschinen die meisten Jobs eh besser als wir beherrschen – oder jedenfalls gut genug, sodass es für immer mehr Tätigkeiten ökonomisch nicht mehr sinnvoll ist, Menschen zu beschäftigen.

 

Markus Albers lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer von Rethink und Neuwork. Er schreibt die Kolumne „Flight Mode“ für Lufthansa Exclusive. Seine Texte wurden unter anderem in Monocle, Brand Eins, Die Zeit, GQ, AD, Vanity Fair, Spiegel, Stern, SZ-Magazin und der Welt am Sonntag veröffentlicht. Seine Bücher „Meconomy“, „Rethinking Luxury“, „Morgen komm ich später rein“ und zuletzt „Digitale Erschöpfung“ wurden vielfach besprochen und in fünf Sprachen übersetzt.

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