Susanne Marell beruflicher Weg

Vor sechs Monaten hat sie Edelman.ergo verlassen – eine der größten PR-Agenturen weltweit. Nun startet Susanne Marell ab dem 1. Oktober bei der Düsseldorfer Agentur JP│KOM mit 45 Mitarbeitern ein eher kleinerer Player in der Kommunikationsbranche. Dort steigt sie in die Geschäftsführung ein und wird sich um die Bereiche Neugeschäft und HR kümmern. Im Interview erzählt die Mutter eines 11-jährigen Sohn uns, warum sie von einer großen zu einer kleinen Agentur wechselt, wie sie Beruf- und Privatleben vereint und welchen Fahrplan sie Menschen mitgeben würde, die sich von ihrem Job trennen. Ihr Plädoyer: Wir müssen aufhören so zu leben und zu urteilen, als wären berufliche Erfüllung und entsprechender Erfolg auf der einen Seite und Familie, Kinder und Zeit für spaßbetonte Dinge auf der anderen Seite zwei verschiedene Welten.

news aktuell: Warum bleibst du der Agenturwelt treu? Hätte dich auch ein Unternehmen gereizt? Oder ist das Typensache, ob Agentur oder Unternehmen?

Marell: Ich mag beide Welten und fühle mich auch in beiden zu Hause. Entscheidend für mich waren bei meiner jetzigen Wahl die inhaltliche Aufgabe, die Gestaltungsfreiräume und das Team. Die Möglichkeit, unternehmerisch wirken zu können und Agenturanteile zu erhalten, hat mich ebenfalls gereizt. Und last but not least auch der Fit zu meiner aktuellen Lebenssituation. 

Es wird oft gesagt, dass Agentur und Unternehmen eine Typensache ist, das ist auch nicht von der Hand zu weisen. Für mich persönlich bewerte ich das aber anders, und ich würde mir sehr viel mehr Kommunikatoren wünschen, die in beiden Welten wandeln können. Zumal der kulturelle Unterschied von einem Unternehmen zum anderen durchaus wesentlich gravierender sein kann als von Unternehmen zu Agentur, so zumindest meine Erfahrung.

news aktuell: Du hast bisher schon viel erreicht und hättest dir jetzt auch erst einmal eine Auszeit nehmen können. Oder nicht?

Marell: Ich konnte einen sehr langen Sommer genießen und das war wunderbar – und vom Wetter her konnte man sich wohl keinen besseren Sommer für eine Auszeit aussuchen. Überrascht hat mich dann doch, dass meine To-do-Listen fast genauso umfangreich waren wie zuvor. Es standen einfach andere Themen darauf: Ausflugsziele für die Familie, Städte, die bereist werden sollten, Seminare, Weiterbildungen & Bücher, Projekte für GWPR (Global Women in PR), Theater, Museen, Events und auch Wanderwege und Laufstrecken. Jetzt freue ich mich sehr auf den Start bei JP I KOM und das gesamte Team, aber es wird sicherlich nicht meine letzte Auszeit gewesen sein.

news aktuell: Du hast einen 11-jährigen Sohn. Hat deine Entscheidung auch etwas mit bestimmten Lebensphasen und entsprechenden Schwerpunktsetzungen zu tun? 

Marell: Trotz meiner vielen beruflichen Reisen haben wir immer sehr viel miteinander unternommen und das Verhältnis ist sehr eng. Aber natürlich gab es auch Schulaufführungen, Karateprüfungen und Kinonachmittage, die ich nicht wahrnehmen konnte. Bald wird die Pubertät „zuschlagen“ und ich spüre das Bedürfnis, bis dahin die Zeit besonders intensiv zu nutzen. Nach der Geburt habe ich direkt nach acht Wochen wieder angefangen, voll zu arbeiten. Mag sein, dass ich auch deshalb jetzt die Phase bewusster erleben möchte. Wahrscheinlich sagt er dann aber bald: Geh doch mal wieder auf Dienstreise, Mama!

Man muss schon gute Gehaltsstrukturen haben, um sich eine gleichberechtigte Karriere in einer Familie leisten zu können. Darüber wird nicht so gerne laut gesprochen. Klick um zu Tweeten

news aktuell: Wie vereinst du Beruf und Privatleben? Welche Rolle spielt dein Mann dabei?

Marell: Ohne meinen Mann hätte ich meinen Weg nicht gehen können. Phasenweise haben wir tradierte Rollenbilder einfach „nur“ umgekehrt – ich war beruflich viel auf Reisen und er hat sich um alles rund um Kindergarten und Haushalt gekümmert – und auch noch gearbeitet, nur eben wesentlich flexibler. Ich kenne zahlreiche Frauen, bei denen das sehr ähnlich war. Inzwischen ist die Verteilung bei uns zu Hause zwar ausgeglichener, aber es ist einfach ein Mythos, dass das alles ganz einfach und leicht zu organisieren ist. Auch bei vielen Bekannten, die jünger sind und kleine Kinder haben, beobachte ich, dass es ein ständiger Balanceakt und Stresstest für die Partnerschaft sein kann.

news aktuell: Ist es hierzulande nicht immer noch eine Illusion, dass Mann und Frau mit kleinen Kindern gleichberechtigt Karriere machen können?

Marell: Es ist auf jeden Fall eine große Herausforderung. Und gerade Paare, die gleichberechtigt Karriere machen möchten, müssen sich ein sehr individuelles und effizientes Betreuungsnetz aufbauen, erst Recht, wenn die eigene Familie nicht in der Nähe wohnt. Das bedeutet oft hohe finanzielle Investitionen, man muss schon recht gute Gehaltsstrukturen haben, um sich das leisten zu können. Darüber wird nicht so gern laut gesprochen. Nichtsdestotrotz hat sich sehr viel bewegt in den letzten Jahren. Es ist offensichtlich, dass die Generation, die heute um die 30 Jahre alt ist, wesentlich selbstverständlicher und lockerer mit den Themen umgeht. Beide nehmen sich Elternzeit, die Partner coachen sich gegenseitig in der Karriereentwicklung, sie folgen einem gemeinsamen Wertekanon bezüglich Familie und Beruf. Der Austausch mit dieser Generation ist sehr inspirierend und zeigt, was möglich ist.

news aktuell: Was müsste sich ändern, damit noch mehr Gleichberechtigung möglich wird? 

Marell: Ganze Bibliotheken und Internetforen sind bis obenhin gefüllt mit Hinweisen, was in Deutschland zu tun wäre bezüglich Sozialisation, Infrastruktur, Unternehmenskultur und politischer Unterstützung. Und es passiert auch Einiges. Deshalb fokussiere ich hier auf nur einen, aber aus meiner Sicht grundlegenden Punkt: Wir müssen aufhören so zu leben und zu urteilen, als wären berufliche Erfüllung und entsprechender Erfolg auf der einen Seite und Familie, Kinder und Zeit für spaßbetonte Dinge auf der anderen Seite zwei verschiedene Welten. Und dass man sich unbedingt für eines zu entscheiden hat. Warum ist es in Skandinavien o.k., wenn Vater oder Mutter gegen 16.00 Uhr erstmal nach Hause gehen, um sich der Familie zu widmen und warum werden in Deutschland beide Geschlechter kritisch angeschaut, wenn sie es machen. Im Sinne: „So richtig reinhauen will er/sie wohl doch nicht“. Ich bin eine Vertreterin der Generation „Baby-Boomer“ und wir stehen genau zwischen der (Nach-)Kriegsgeneration und der Generation Y. Die Letzteren beneiden wir, weil sie nach dem Prinzip leben, „wir leben nur einmal, lasst uns das Beste daraus machen“ und den anderen gehört unsere Ehrfurcht wie unser Mitgefühl. Und auch unsere Anerkennung, denn ohne sie wäre das Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg ausgeblieben. Wir hatten bis jetzt das Glück, in politischen und wirtschaftlich stabilen Phasen zu leben, und da sollte es die „Beruf- oder Familie-Frage“ gar nicht geben. Ein erfülltes Leben sollte die Kombination von beidem sein.

Wir müssen aufhören, so zu leben und zu urteilen, als wären berufliche Erfüllung und entsprechender Erfolg auf der einen Seite und Familie, Kinder und Zeit für spaßbetonte Dinge auf der anderen Seite zwei verschiedene Welten. Klick um zu Tweeten

news aktuell: Hattest du jemals Existenzängste? Wenn ja, wie bist du damit umgegangen?

Marell: Existenzängste im wahrsten Sinn des Wortes habe ich als kleines Kind erfahren, als meine Eltern mit mir und meinem Bruder aus der DDR geflohen sind und diese Flucht missglückt ist. Den Tag der Verhaftung habe ich noch genau vor Augen und von da an war die gesamte Familie über drei Jahre getrennt. Wenn Meinungsfreiheit, Demokratie und Vielfalt angegriffen werden, dann wird mir ganz mulmig.  Unschöne Erfahrungen oder berufliche Probleme setze ich früher oder später immer wieder in diesen Gesamtrahmen. Dann verlieren viele Ärgernisse und Rückschläge ihre energieraubende Kraft. Und ich frage mich dann auch oft, warum mir das Eine oder Andere tatsächlich den Schlaf rauben konnte.

news aktuell: Was würdest du Menschen empfehlen, die sich von ihrem bisherigen Job trennen wollen oder auch müssen? Welchen Fahrplan würdest du ihnen mitgeben?

Marell: Einen schnellen, klaren und endgültigen Schnitt zu machen. Denn sobald  man mental einen Punkt gesetzt hat, sollte man nicht mehr versuchen, ein Komma daraus zu machen. Das heißt nicht, dass man seine Erfolge oder auch freundschaftliche Beziehungen hinter sich lässt, sondern, dass man seine Energie dorthin lenkt, wo man etwas bewegen möchte oder kann. Es gab Situationen, da hätte auch ich den Schnitt früher machen sollen. Aber im Nachhinein ist man ja immer klüger. Auf jeden Fall braucht man Gesprächspartner und Ruhepunkte: Das kann die Familie sein, vertraute Kollegen, ein professioneller Coach, ein Retreat, eine Weiterbildung oder was auch immer. Da ist sehr individuell und themenabhängig. Ein Ticket rund um die Welt kann es auch sein – diese Methode möchte ich irgendwann noch testen.

Wer sich von seinem bisherigen Job trennt, sollte mental einen Punkt setzen. Und nicht mehr versuchen, daraus ein Komma zu machen. Klick um zu Tweeten

news aktuell: Jobwechsel haben auch immer etwas mit Umbrüchen zu tun und gehen oft mit einem Infragestellen von bisherigen Lebensentwürfen einher. Hast du jemals mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz anderes als PR zu machen?

Marell: Ich komme immer wieder zu dem Fazit, dass ich mit Begeisterung und Leidenschaft Kommunikatorin bin. Gerade dieser Beruf ermöglicht es mir, in die vielfältigsten Themen, Fachbereiche und Märkte einzutauchen – und immer wieder spannende Menschen kennenzulernen. Trotzdem gibt es einen ständig neugierigen Geist in mir, der immer auf der Suche ist. Deshalb habe ich auch eine systemische Zusatzausbildung gemacht und meine To-Do Liste bezüglich spannender Seminare, Konferenzen und Studien ist unendlich. Wenn ich heute aus irgendeinem Grund etwas anders wählen müsste, hätte es wahrscheinlich etwas mit Kunst, Theater und Schriftstellerei zu tun. 

news aktuell: Und zu guter Letzt: Was sind denn für dich die Vorteile bei kleineren Agenturen, was die Nachteile aus deiner Sicht?

Marell: Die Transformation der Kommunikationsbranche steht gerade erst am Anfang. Ich will gar nicht über Vorteile von Groß oder Klein sprechen, sondern über das, was man benötigt, um erfolgreich zu sein: Agenturen müssen agil, wendig und kreativ sein, um Zukunft zu gestalten. Den Kunden im Mittelpunkt, nah an den Mitarbeitern – das Hauptmantra einer Agentur sollten nicht Excelsheets, Prozesse und Regularien sein, sondern Flexibilität, Innovation und Freiraum für gute Ideen.

 

Susanne Marell wird ab 1. Oktober in die Geschäftsführung von JP│KOM einsteigen. Sie kommt von Edelman.ergo, wo sie sechs Jahre als Deutschland-CEO bei für die strategische Weiterentwicklung der Agentur zuständig war. Davor hat sie unter anderem bei BASF als Vice President Corporate Brand Management die weltweite Markenführung verantwortet. Sie kennt sich bestens aus in Corporate Communications, Krisenmanagement, Change Communications und Employee Engagement.

 

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