Wer kennt das nicht? Ein Workshop, der sich über Stunden hinzieht, ermüdet. Spätestens nach der 20. Powerpoint-Folie weiß man nicht mehr, was auf der 12. abgebildet war. Graphic Recording verspricht Abhilfe gegen das Wegdämmern und das Vergessen. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Trend? Und was müssen Unternehmen beachten, wenn sie Graphic Recording für Veranstaltungen einsetzen? TREIBSTOFF sprach mit Graphic Recorder Gabriele Heinzel.

TREIBSTOFF: Was kann man sich unter „Graphic Recording“ vorstellen?

Gabi Heinzel Graphic Recording

„Graphic Recording ist anspruchsvolle Konzentrationsarbeit.“ Gabriele Heinzel übersetzt komplexe Zusammenhänge in bunte Bilder.

HEINZEL: Graphic Recording ist eine visuelle Live-Dokumentation, die bei Konferenzen, Workshops, Seminaren oder Diskussionen eingesetzt wird, um Inhalte für Publikum und Teilnehmer so zu strukturieren, dass die Kernaussagen des Gesprächsverlaufs als Wort-Bild-Gemisch resultieren. Dabei entsteht zeitgleich ein großformatiges Gesamtbild, durch das sich die Teilnehmer im Anschluss oder in Pausen anhand von Keywords und visuellen Ankern durchnavigieren können.

TREIBSTOFF: Für welche Formate bietet sich Graphic Recording besonders an?

HEINZEL: Graphic Recording eignet sich eigentlich für fast alle Formate, bei denen Themen jeglicher Art besprochen werden. Das können Vorträge sein, Diskussionen, politische Gesprächsrunden, aber auch Workshops, bei denen Sachverhalte geklärt werden sollen, Strategien entwickelt werden, oder Firmen sich neu positionieren möchten. Beliebte Themen sind Teambuilding, aber ebenso Digitalisierung, neue Technologien, disruptive Innovation, die Energiewende, und so weiter. Graphic Recording kann eine visuelle Unterstützung bei der Abbildung eines Prozesses und Hilfe bei einer Lösungsfindung sein.

TREIBSTOFF: Für welche Formate eignet sich Graphic Recording weniger?

HEINZEL: Eher ungeeignet sind zu viele parallel stattfindende Formate. Jedenfalls für einen einzigen Zeichner, der dann gezwungen ist, zwischen den Gruppen hin- und herzuspringen. Hier gehen natürlich immer zwangsläufig Informationen verloren. Ob in der Zeit, die der Zeichner gerade in der Gruppe zubringt, wirklich Relevantes zur Sprache kommt, ist reine Glückssache! Besser ist es daher, für parallele Formate mehrere Recorder einzusetzen, die dann durchgehend zuhören und sinnvoll begleiten können.

Graphic Recording ist kein Steno in Bildern! Ungeeignet sind daher auch sehr kurze Pitches von wenigen Minuten oder lange Aufreihungen von Einzelbegriffen. Hier neigen die Vortragenden dazu, möglichst viel Information in ihre knappe Redezeit zu packen, und da die deutsche Sprache mitunter aus sehr langen Begriffen bestehen kann, braucht es eben auch ein wenig Zeit, Wortungetüme gänzlich auszuschreiben. Das Zuviel-an-Information-in-zu-kurzer-Zeit sieht man zum Beispiel leider auf Graphic Recordings von Ted-Talks: sehr spannende Themen, sehr komprimierte Vorträge – auf dem Bild sieht man meistens eine schön gezeichnete Überschrift, oft ein Portrait des Vortragenden, die beide im Vorfeld gezeichnet wurden. Dem Rest sieht man hingegen oft an, wie sehr der Recorder durch das Thema hetzen musste.

Schwierig zu erfassen sind im Übrigen Abkürzungen. Hier wird Sprache zu abstrakt, und die meisten Begriffe lassen sich auch nicht einmal googeln. In manchen Firmen hat sich diesbezüglich oft eine sprachliche Parallelwelt etabliert, die von außen kaum zu durchschauen ist.

TREIBSTOFF: Welche Vorteile hat Graphic Recording zu konventionellen Formaten wie PowerPoint?

HEINZEL: Wer einmal mehrere Stunden mit PowerPoint-Präsentationen bombardiert wurde, weiß, dass das mitunter sehr ermüdend sein kann.Die Konzentration lässt beim passiven Zuhören irgendwann zwangsläufig nach. Das gesprochene Wort verstummt, PowerPoint-Folien sind nur kurz sichtbar. Das Bild jedoch bleibt, wächst stetig mit und bildet zuletzt den gesamten Gesprächsverlauf ab, Informationen werden in Bezug gesetzt, Komplexes sortiert. Das macht nicht nur Spaß – welcher Teilnehmer sieht sein Argument nicht gerne abgebildet? –  sondern bietet den Teilnehmern auch konkrete Anlässe, um untereinander wieder über Aspekte ins Gespräch zu kommen.

Ein Graphic Recording muss demnach aktiver gelesen werden als reiner Text. Der Betrachter bekommt Stichworte, die ihm helfen, sich zu erinnern. Indem er oder sie durch das Bild wandert, werden Assoziationen freigesetzt – es bleibt immer Spielraum für eigene Gedanken.

TREIBSTOFF: Welche Nachteile hat Graphic Recording?

HEINZEL: Da sehe ich eigentlich keine. Manche Menschen tun sich zuweilen etwas schwer damit, dass die Informationen nicht tabellarisch als harte Fakten superpräzise dargestellt sind. Diejenigen fühlen sich möglicherweise mit einer Infografik viel wohler.

TREIBSTOFF: Was sind die besonderen Herausforderungen für einen Graphic Recorder?

HEINZEL: Graphic Recording ist in allererster Linie eine anspruchsvolle Konzentrationsarbeit! Man schreibt einen Begriff und muss sich einen weiteren eventuell für einen späteren Kontext merken während man weiter dem Sprecher zuhört. Nebenbei produziert man noch ansprechende Bilder. Das kann mitunter schon sehr anstrengend sein. Als Graphic Recorder benötigt man kein ausgeprägtes Fachwissen zu den vielen zahlreichen Themen, dafür muss man aber in der Lage sein, umso konzentrierter zuhören zu können, um die wesentlichen Inhalte identifizieren zu können.

Ein Graphic Recording soll außerdem einfach aber niemals banal sein! Ich sehe es als mein Ziel an, komplexe Inhalte verständlich darzustellen, dafür muss ich permanent entscheiden, welche Information relevant ist und welche weniger. Wie viel kann weggelassen werden und wo ist eine Prise Humor angebracht?

Zudem soll das Bild zuletzt nicht meine eigene Meinung abbilden, sondern den Standpunkt des Sprechers. Dafür muss man schon auch eine gute Portion Empathie mitbringen. Zu Themen, die ich inhaltlich ablehne, würde ich daher auch niemals ein Graphic Recording zeichnen wollen.

TREIBSTOFF: Was ist Ihr persönliches Lieblingsbild und warum?

HEINZEL: Ich versuche mein visuelles Vokabular ständig zu erweitern. Würde ich immer dieselben generischen Bilder verwenden, wäre mir irgendwann doch etwas langweilig. Daher versuche ich beispielsweise keine Glühbirnen für „Idee“ zu verwenden. Auch Handshakes und Lupen finde ich wenig originell, lassen sich aber oft auch nicht vermeiden. Auf meinen Lieblingsbildern kommen diese dann aber dementsprechend selten vor, dann ist es mir gelungen, das Vorhersehbare zu umgehen.

Dieses hier mag ich zum Beispiel wegen seiner klaren Struktur, den wenigen Farben, den Bögen, die sich im ganzen Bild wiederholen.

Heinzel Graphic Recording

Hierbei handelte es sich um recht kurze Vorträge – mein Platz war auch ziemlich limitiert mit nur zwei Metern Breite für zwei Tage. Somit war ich gezwungen, mich inhaltlich entsprechend kurz zu fassen.

Oft mag ich auch einzelne Details in Bildern. Über Aussagen wie:

Askese ist Käse“ 

Heinzel Graphic Recording

oder “Wir sind ein demokratischer Zoo“ bin ich sehr dankbar!

Heinzel Graphic Recording

Oder wenn ich es schaffe, die Stagnation des G20-Gipfels und den bockigen Trump in ein Detail zu packen:

Heinzel Graphic Recording

Und insgesamt freue ich mich, wenn sich das Bild in ein stimmiges Layout entwickelt hat, das die Kunden sich dann im Anschluss gerne ins Büro hängen!

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