Finanzmärkte sind schnelle Märkte. Das zeigt die Kommunikation rund um Aktienkurse, Jahresbilanzen und Übernahmen. Doch zählt im Finanzjournalismus wirklich jede Sekunde, wie immer gesagt wird? TREIBSTOFF sprach mit Bernd Zeberl, dem Chefredakteur von dpa-AFX. Ein Gespräch über die Besonderheiten der Finanzkommunikation, über die Erreichbarkeit von Pressesprechern und über Roboterjournalismus.

TREIBSTOFF: Können Sie Ihren Arbeitsalltag in ein paar Sätzen beschreiben?

Bernd Zeberl dpa-afx Finanzkommunikation

Bernd Zeberl ist Chefedakteur von dpa-AFX, der Nachrichtenagentur für Wirtschaft- und Finanznachrichten.

ZEBERL: Das ist gar nicht so einfach, aber letztendlich lässt sich meine Arbeit – zumindest wenn ich in die Tagesproduktion eingebunden bin – darauf herunterbrechen, dass wir in der Redaktion immer wieder schnell Entscheidungen treffen müssen, was eine Nachricht ist und wie wir darauf einsteigen. Da wir über die Finanzmärkte berichten und die meisten unserer Leser und Kunden schnell informiert werden wollen, müssen wir sehr schnell entscheiden.

TREIBSTOFF: Was sind die Spezifika der Finanzkommunikation, die es bei anderen Branchen so nicht gibt?

ZEBERL: Der größte Unterschied ist die unmittelbare Reaktion der Finanzmärkte auf eine Nachricht. Der Kurs einer Aktie bewegt sich oft innerhalb weniger Sekunden auf eine Nachricht, wie eine positive oder negative Analystenstudie, eine Übernahmemeldung oder die aktuell vorgelegten Zahlen. Zudem ist die Kommunikation gesetzlich reguliert.

Aus diesen beiden Gründen spielen bei der Finanzkommunikation neben der Pressestelle auch die Investor-Relations-Abteilung und zunehmend Juristen eine wichtige Rolle. Das macht die Abstimmung auf Unternehmensseite komplexer und das merkt man den Pressemitteilungen manchmal beim Inhalt und Stil an. Gerade in Krisenzeiten ist die Kommunikation manchmal sehr schwierig – etwa wenn es Gerüchte um Zahlungsschwierigkeiten eines Unternehmens gibt. Da sind die Nervosität und der Zeitdruck auf Unternehmensseite sehr hoch.

TREIBSTOFF: Zählt im Finanzjournalismus wirklich jede Sekunde?

ZEBERL: Bei manchen Meldungen wie einige Konjunkturdaten, Zinsentscheidungen oder Adhoc-Mitteilungen zählt tatsächlich jede Sekunde, da die Finanzmärkte unmittelbar darauf reagieren. Für solche Ereignisse haben wir daher das Nachrichtenformat eines Einzeilers, in dem wir nur das Allerwichtigste transportieren, um einen Teil unserer Kunden und Leser in Echtzeit über marktbewegende Dinge zu informieren.

Bei den meisten Meldungen zählt dagegen nicht die Sekunde, aber schnell wollen wir immer sein. Daher würde ich sagen, dass für die meisten unserer Texte zumindest jede Minute zählt. Dabei darf natürlich nicht die Genauigkeit und Gründlichkeit verloren gehen. Richtigkeit hat immer Vorfahrt vor Geschwindigkeit. Ziel ist es, beides zu vereinen. Das gelingt uns sehr oft – getreu unserem Motto „schneller mehr wissen“.

TREIBSTOFF: Welche Rolle spielen bei der Nachrichtenagentur dpa-AFX zahlenbasierte Meldungen zu Quartals- und Jahresberichten und welche Rolle spielen andere Geschichten?

ZEBERL: Da unsere Leser und Kunden hohen Wert auf eine konsistente und nachhaltige Berichterstattung über die Entwicklung von Unternehmen legen und diese sehr gut über die Quartalszahlen zu transportieren ist, gehören Zahlenmeldungen zu unserem Kerngeschäft. Dabei ordnen wir die Zahlen ein und erzählen die Geschichte hinter den reinen Ergebniskennziffern. Eine Einbettung in den Kontext – etwa die jüngste Entwicklung des Unternehmens oder die Erwartungen der Experten – ist das A und O einer guten Berichterstattung. So wäre derzeit eine VW-Zahlenmeldung ohne eine Einbettung in den Dieselskandal zu kurz gegriffen.

Darüber hinaus haben wir eine Reihe weiterer Gründe für Meldungen, wie zum Beispiel große Aufträge, Fusionen oder finanzielle Schieflagen. Auch greifen wir Hintergründe zu Entwicklungen in Branchen und Unternehmen für unsere Stories auf. Basis für diese Eigeninitiativen ist oft die regelmäßige Berichterstattung zu Umsatz- und Gewinnziffern. Die Zahlen spiegeln die jüngste Entwicklung eines Unternehmens wider, so dass sie ein guter Parameter sind.

TREIBSTOFF: Ist es für Finanzmarktberichterstatter immer transparent, bei welchen Themen mit der Pressestelle und bei welchen mit den Investor Relations zu sprechen ist?

ZEBERL: In der Regel sprechen wir mit der Pressestelle, zumal die IR-Leute bei Anfragen meistens auf diese verweisen. Nur im Ausnahmefall suchen wir den direkten Kontakt zu IR – zum Beispiel dann, wenn die Pressestelle nicht erreichbar ist oder es um spezielle Fragen geht. Pressesprecher binden gerade bei komplexeren Finanzthemen gerne die IR-Abteilung mit ein, um Dinge besser zu erklären. Viele Unternehmen verpflichten zudem bei Themen wie Übernahmen, Börsengänge oder Insolvenzen darauf spezialisierte Kommunikationsagenturen. Dann kann es für uns Berichterstatter schwierig werden, noch durchzublicken, wer gerade für wen spricht und wer der Ansprechpartner für welche Themen ist. Hier ist Transparenz von Seiten der beteiligten Unternehmen wichtig. Gerade bei heiklen Geschichten wollen wir immer wissen, für wen die Agentur gerade arbeitet, um die Informationen besser einordnen zu können.

TREIBSTOFF: Wie sollte PR-Material aussehen, mit dem Sie etwas anfangen können? Welche Inhalte sind hier für die Finanzkommunikation unerlässlich?

ZEBERL: Am wichtigsten sind eine nachhaltige und konsistente Berichterstattung und dabei eine transparente Verwendung von Kennziffern und Prognosen. Investoren haben ein gutes Gedächtnis. Der Versuch, etwas verschleiern zu wollen, funktioniert nicht. PR-Material sollte gerade bei Finanzthemen immer auch einen schnellen Überblick über die wichtigsten Fakten geben. So sind Tabellen für die Darstellung von Zahlen deutlich besser geeignet als ein Fließtext. Zudem sind Mitteilungen zu Finanzthemen oft sehr lang.

Da bei unserer Berichterstattung jede Minute und bei Einzeilern sogar jede Sekunde zählt, sollte das Wichtigste am Anfang oder auf einem Extrablatt zusammengefasst sein. Störend sind leere Zitate des Vorstandschefs, die im ungünstigsten Fall noch über mehrere Zeilen gehen. Immer wieder sind die Aussagen der Chefs mit vielen unbrauchbaren Anglizismen durchsetzt, die schwer übersetzbar sind. Klare und kurze Aussagen sind hier am besten.

TREIBSTOFF: Was machen Pressestellen oder PR-Agenturen in Bezug auf Finanzkommunikation immer wieder falsch?

ZEBERL: Zu viel Informationen auf einmal und dann noch unübersichtlich dargestellt; zu lange Zitate und dann noch mit vielen englischen Begriffen oder zu viel Selbstlob. Und was mich immer wieder erstaunt, aber zum Glück weniger geworden ist: schlecht erreichbare Pressestellen. Oft habe ich es schon erlebt, dass die Pressesprecher direkt nach Versand einer Mitteilung nicht zu erreichen waren oder auch bei Dax- oder MDax-Konzernen kein Ansprechpartner am frühen Morgen erreichbar ist. Da gerade Finanzmarktthemen vor Börsenstart aufkommen und die Investoren auf Stellungnahmen antworten, ist es unverzichtbar am Morgen einen Ansprechpartner erreichen zu können – das gilt gerade bei heiklen Themen.

TREIBSTOFF: Wie hat sich der Beruf des Finanzredakteurs mit der Digitalisierung verändert?

ZEBERL: Da ich seit 17 Jahren Journalist bei einer Finanz-Nachrichtenagentur bin, würde ich mich bei der Antwort gerne auf unser Spezialgebiet beschränken. Und hier hat sich bei dem, was man erst einmal unter Digitalisierung – nämlich der zunehmenden Bedeutung von digitalen Geräten wie Tablets und Handys bei der Mediennutzung – wenig verändert. Unsere Kunden setzen unsere Nachrichten schon immer größtenteils auf Börseninformationssystemen oder Finanz-Portalen ein.

Zudem war der entscheidende Faktor die Beschleunigung der Finanzmarkt-Kommunikation Mitte der 90er, als die Börsen weltweit enger und auch stärker elektronisch vernetzt wurden. Damals hat die Geschwindigkeit des Nachrichtentransports deutlich zugenommen. Das ist zwar in den vergangenen zehn bis 15 Jahren noch mal etwas schneller geworden, aber im Finanzmarkt-Journalismus nicht so entscheidend wie in anderen Bereichen des Journalismus. Da dpa-AFX 1999 gegründet wurde und von Anfang an auf die Entwicklungen der neuen Mediennutzung und der höheren Geschwindigkeit am Kapitalmarkt eingestellt war, sind wir schon immer und auch ausschließlich digital unterwegs.

Auch war für uns von Anfang an der Bereich „Daten“ sehr wichtig. Schon früh haben wir unsere  Nachrichten mit einer Reihe von Zusatzinformationen ausgeliefert, die unsere Kunden maschinell auslesen konnten, was ihnen eine schnelle Filterung ermöglichte. Das ist heute noch so. Unser Berufsbild hat sich in den vergangenen Jahren dahingehend nicht so stark geändert. Und auch der sogenannte Roboterjournalismus, also das maschinelle Erstellen von Nachrichten ohne Einfluss von Menschen, wirkt sich bisher kaum aus. Sowohl die Unternehmens- als auch die Börsenberichterstattung wird immer wieder als ein Feld eines möglichen Roboterjournalismus genannt. Wir verfolgen hier die Entwicklung sehr genau, stellen aber aktuell fest, dass es derzeit keine qualitativ angemessene Berichterstattung aus Roboterhand gibt. Unsere Kunden legen sehr viel Wert auf Einordnung und Lesbarkeit und das kann der Finanzjournalist aus Fleisch und Blut derzeit noch deutlich besser als jede Software. Ich sehe hier auch kurz- und mittelfristig keine Maschine, die diese Aufgabe besser erledigen kann. Letztendlich ist das auch der Grund, warum wir bei dpa-AFX in den vergangenen Jahren solide und profitabel gewachsen sind und für die kommenden Jahre weiterhin optimistisch sind.

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