Stefan Voss dpa Verification Officer

Falschmeldungen, Manipulationen, Desinformation: Die sozialen Netzwerke sind leider inzwischen voll davon. Insbesondere bei Toplagen – wie die Medienbranche Großereignisse wie Naturkatastrophen, Terroranschläge oder Geiselnahmen bezeichnet. Viele Medienhäuser haben deshalb Strukturen geschaffen, um Fake News zu entlarven. Bei der Nachrichtenagentur dpa gibt es Stefan Voß. Er trägt seit über einem Jahr den Titel des sogenannten Leiter Verifikation. In TREIBSTOFF erklärt er, was er konkret macht und wie Unternehmen mit dem Thema umgehen sollten. 

TREIBSTOFF: Wie sieht ein Arbeitstag bei dir aus?

VOSS: Jeder Tag ist verschieden. Bei großen Lagen wie zum Beispiel bei Terroranschlägen oder Katastrophen bin ich damit beschäftigt, die dazu geposteten Fotos und Videos aus den sozialen Netzwerken auf Echtheit zu prüfen. Ist dort wirklich der Tatort zu sehen? Was spricht dafür, dass der User bei Twitter oder Facebook tatsächlich einen Bezug zum Ort hat? Denn es kommt leider sehr häufig vor, dass Fälscher Fotos aus dem Netz klauen, einen Lügentext darüber schreiben und damit den Eindruck erwecken, sie seien Augenzeugen eines Ereignisses. Diese Krisenlagen sind aber eher die Ausnahme.

Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, unsere Redaktionen mit den Tipps und Tricks im digitalen Journalismus vertraut zu machen. Unser Motto bei dpa: Digitales Wissen für alle. Und wenn dann noch etwas Zeit bleibt, lerne ich selber Neues. In dieser Branche ist so unglaublich viel in Bewegung. Ständig kommen neue Tools und Techniken auf, mit denen man Manipulationen, Desinformationen und Irrtümer erkennen kann.

TREIBSTOFF: Hast du konkrete Beispiele für absichtlich in Umlauf gebrachte Falschinformationen?

VOSS: Zum Beispiel die Amokfahrt am 4. April in Münster: Hier waren die sozialen Netzwerke innerhalb kürzester Zeit voll mit Falschbehauptungen. Da wollten angeblich die einen beobachtet haben, dass gleich mehrere Männer aus dem Tatfahrzeug gesprungen seien. Es wurde gelogen, es gäbe eine „kurdische Spur“. Und dann kam die Behauptung auf, die Polizei verschweige, dass sie kurz nach der Amokfahrt im Zentrum von Münster zwei „arabisch aussehende Männer“ festgenommen habe. Für eine Toplage ein mittlerweile normales Phänomen. Am Tag des Amoklaufs in München im Sommer 2016 erhielt die Polizei nach eigenen Angaben via 110-Notruf Hinweise auf 71 Phantomtatorte in der Stadt, wo angeblich geschossen worden sei oder wo es Tote beziehungsweise Verletzte gegeben haben soll. Ebenso wie in Münster gab es dort in Wirklichkeit nur einen Tatort und einen Täter.

Social Media Verification Fake News

Ende November 2017 sorgen in der Londoner City Berichte über Schüsse in dem belebten Gebiet um die U-Bahn-Stationen Oxford Circus und Bond Street für Panik. Die Polizei behandelt die Vorfälle wie eine mögliche Terrorlage. Es werden viele Aufnahmen von der Gegend hochgeladen, doch nirgendwo sind konkrete Hinweise auf ein Verbrechen zu erkennen. Wenn nach 20 Minuten in den sozialen Netzwerken noch keine Fotos oder Videos auftauchen, die die Lage bestätigen, handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen Fehlalarm. So auch in diesem Fall. Etwa eine Stunde später kommt die offizielle Entwarnung der Polizei.

TREIBSTOFF: Wie geht ihr bei dpa mit diesen Falschmeldungen um?

VOSS: Wir bei dpa ignorieren im Alltagsgeschäft die allermeisten Falschbehauptungen in den sozialen Netzwerken, um den Fälschern nicht zusätzlich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Aber bei Ereignissen wie in Münster werden wir natürlich aktiv: So haben wir recherchiert, dass es tatsächlich eine Polizeikontrolle zweier Männer gab. Die beiden waren allerdings Inder, die mit dem Vorfall gar nichts zu tun hatten.

TREIBSTOFF: Inwieweit findet ein Austausch zum Thema Verifikation mit anderen Redaktionen statt?

VOSS: Leider viel zu selten, das hat mit der alltäglichen Arbeitsbelastung zu tun. Aber wir versuchen, so häufig wie möglich auf Konferenzen wie Anfang Mai der re:publica in Berlin oder bei der Jahreskonferenz von NetzwerkRecherche Ende Juni in Hamburg zusammenzukommen. Im vergangenen Herbst hatte dpa ein zweitägiges Verifikationsseminar für Journalisten ausgerichtet, da waren Kolleginnen und Kollegen aus mehr als 40 Verlagshäusern, Rundfunk- und Fernsehsendern dabei.

Jeder kann in weniger als 30 Sekunden jede beliebige Website, jeden Tweet oder Post fälschen. Klick um zu Tweeten

TREIBSTOFF: Was sind die größten Herausforderungen bei deiner Arbeit?

VOSS: Ganz praktisch: Wenn wir ein wichtiges Foto oder Video in den Netzwerken entdecken, versuchen wir herauszufinden, wer der Urheber ist. Das ist in vielen Fällen sehr kompliziert und manchmal auch unmöglich. Denn häufig stammen Aufnahmen aus geschlossenen Messenger-Diensten wie WhatsApp.

Strukturell die größte Herausforderung ist, unsere Medienbranche so schnell wie möglich im digitalen Journalismus fit zu machen. „Verifikation“ klingt für viele noch immer etwas fern und abgehoben. Aber es geht in Wahrheit um handwerkliche Fähigkeiten, Inhalte aus unbekannter Quelle zu überprüfen. Unsere Medienbranche muss diese Techniken so schnell wie möglich beherrschen. Wir sind da bei dpa mit unserem Schulungssystem auf einem sehr guten Weg.

Social Media Verification Fake News

Die Monsterwolke ist ebenso echt wie die Aufnahme der Freiheitsstatue. Jedoch entstanden die Aufnahmen an unterschiedlichen Orten und wurden am Computer zusammengefügt. Realitäts-Check: Gäbe es ein solches Wetterphänomen in New York, fänden wir innerhalb kürzester Zeit unzählige Fotos in den Netzwerken.

TREIBSTOFF: Mit welchen Werkzeugen überprüft ihr Meldungen in den sozialen Medien? Wie checkt ihr Texte, Bilder und Videos auf Echtheit?

VOSS: Es gibt eine Vielzahl an Tools. Zum Beispiel die Foto-Rückwärtssuche. Dabei prüfen wir, ob ein Foto womöglich schon früher hochgeladen worden ist und damit eben nicht aktuell ist. Diese Möglichkeit bietet Google Chrome serienmäßig. Rechter Mausklick auf das Foto, Option: Mit Google nach Bild suchen – und schon sucht die Maschine identische Bilder im Netz.

Auch arbeiten wir viel mit Geolocation-Suche: Zeigt ein Foto wirklich den betreffenden Ort? Dabei nutzen wir unter anderem ein einfaches Tool namens „Dual Maps“, mit dem man eine Dreifach-Ansicht eines Ortes erhält: Maps, Satelliten-Aufnahme und Street-View.

Außerdem muss jeder wissen, dass man in weniger als 30 Sekunden jede beliebige Website, jeden Tweet oder Post fälschen kann. Das macht man bei Google Chrome über den Developer Mode. Diese Fälschungstechnik ist der Hauptgrund, weshalb man niemals einem Screenshot aus unbekannter Quelle trauen darf.

TREIBSTOFF: Die aktuelle Diskussion dreht sich stark verkürzt um die sogenannten „Fake News“. Eigentlich ist das doch nur noch ein Kampfbegriff. Es geht doch vielmehr um die Unterscheidung zwischen gezielten Falschinformationen, zugespitzte Propaganda und um Umdeutung und Instrumentalisierung von Informationen, oder?

VOSS: Das stimmt. Fake News ist ein ebenso griffiger wie irreführender Begriff. Es geht hier eben nicht um News, also um Nachrichten aus zuverlässiger Quelle. Es sind alles erstmal nur Behauptungen von irgendwelchen Usern oder unzuverlässigen Webseiten. Wir sprechen bei dpa von Desinformationen, Manipulationen und/oder Irrtümern.

Social Media Verification Fake News

Hai in Houston, Texas?Jason Michael (@Jeggit) ist nach eigenen Angaben ein schottischer Journalist in Dublin. Aus dem Nichts lädt er ein Sensationsfoto aus Houston, Texas hoch? Das passt überhaupt nicht zusammen. In Wahrheit ist das eine alte Photoshop-Arbeit, geklaut aus dem Netz.

TREIBSTOFF: Warum verbreiten sich Fälschungen, Manipulationen oder Desinformation in den sozialen Medien so viel schneller als ihre Berichtigungen?

VOSS: Weil die Lügen und Manipulationen sehr aggressiv, reißerisch, provokant oder verschwörerisch formuliert sind. Es ist in Teilen der Gesellschaft ein Informationsvakuum entstanden. Menschen haben Angst, fühlen sich bedroht, missverstanden oder verraten. In dieses Vakuum stoßen die Manipulationen. Das kann man an Großlagen wie Terroranschlägen oder Amokläufen sehr gut erkennen: Da wird ganz schnell versucht, das Vertrauen der Menschen in staatliche und gesellschaftliche Institutionen zu erschüttern. „Traue niemandem, nicht einmal der Polizei“, wird den Menschen eingetrichtert.

Unternehmen sollten ihre Branche, Produkte, Interessensgebiete im Blick – haben - via Twitterlisten, Facebook-Gruppen, Tweetdeck oder Crowdtangle. Klick um zu Tweeten

TREIBSTOFF: Und zu guter Letzt: Was würdest du Unternehmen empfehlen, wenn sie Überprüfungsmechanismen in ihren Kommunikationsprozessen etablieren möchten?

VOSS: Habt Eure Branche, Produkte, Interessensgebiete im Blick – zum Beispiel via Twitterlisten, Facebook-Gruppen, Tweetdeck oder Crowdtangle. Schult Eure Teams im Umgang mit den sozialen Netzwerken. Nur wer Twitter, Facebook und Instagram aktiv nutzt, begreift die Mechanismen. Ganz wichtig: Niemand muss dabei Privates verbreiten. Seid vorbereitet, wenn sich in den Sozialen Netzwerken eine negative Stimmung gegen Eure Interessen bildet. Quasi jeden Tag lässt sich im Netz beobachten, wie Unternehmen gar nicht oder falsch auf Kritik im Netz reagieren. Man muss genau hinsehen: Äußert hier ein realer Käufer Unzufriedenheit mit meinem Produkt? Oder sind das womöglich Fake-Beschwerden, die mein Konkurrent organisiert hat? Das erfahre ich nur, wenn ich weiß, wie man User analysiert und auf Querverbindungen durchleuchtet. In den USA kann man bereits beobachten, wie ein Post oder ein Tweet in den sozialen Netzwerken einen Großkonzern in erhebliche Schwierigkeiten bringen kann. Ich habe meine Zweifel, dass Unternehmen in Deutschland auf „ShitStorms“ – welcher Art auch immer – vorbereitet sind.

 

Faktencheck statt Fake News – Das sollten Unternehmen tun:

  1. Social Media Monitoring betreiben: Das eigene Unternehmen und die Branche quer über alle Plattformen stets im Blick haben.
  2. Mitarbeiter im Umgang mit den sozialen Netzwerken fit machen. Nur wer wirklich weiß, wie man auf Twitter, Facebook, Instagram usw. agiert und die Mechanismen der Netzwerke kennt, kann die Herausforderungen professionell meistern.
  3. Auf Krisen vorbereitet sein: Prüfmechanismen in den sozialen Medien etablieren und Kommunikationsprozesse im Krisenfall festlegen.

Stefan Voß ist seit 2017 Leiter Verifikation (Chief Verification Officer) bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er war für die dpa von 1998 bis 2009 zunächst als Korrespondent in Kiew und später als Büroleiter in Moskau. Seit seinem Wechsel in die dpa-Zentrale nach Berlin arbeitete er in der Politikredaktion, zuletzt als Dienstleiter Innenpolitik.

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