Die Digitalisierung verändert unser Arbeitsleben rasant. In Zukunft fallen zwar bestehende Jobprofile weg, aber viele neue kommen hinzu. Wie können wir den Nachwuchs auf diesen Wandel vorbereiten? In der HABA Digitalwerkstatt lernen Kinder spielerisch digitale Technologien kennen. TREIBSTOFF sprach mit Gründerin Verena Pausder und Geschäftsleiterin Antonia Borek.

Verena Pausder Gruenderin HABA Digitalwerkstatt.

Verena Pausder, Gründerin der HABA Digitalwerkstatt für Kinder. Foto: Kim Keibel

TREIBSTOFF: Welche Schlüsselkompetenzen lernen Kinder, wenn sie die Digitalwerkstatt besuchen?

PAUSDER: In unseren Kursen und Workshops lernen Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf das Programmieren, sie bauen Roboter, gestalten Animationsfilme oder experimentieren mit 3D-Druck. Dabei ermutigen wir sie, Neues auszuprobieren und hinter die Kulissen des Digitalen zu schauen. Sie müssen nicht mit dem Berufswunsch „Programmierer“ wieder nach Hause gehen, aber mit einem Grundverständnis dafür, wie Computer funktionieren oder Daten übertragen werden. Sie lernen dabei nicht nur Einsen und Nullen, sondern den sicheren und selbstständigen Umgang mit digitalen Werkzeugen und Inhalten. Informatische Grundkenntnisse, Anwendungs-Know-how und Medienkompetenz sind also digitale Schlüsselkompetenzen, die Kinder bei uns in der Digitalwerkstatt erwerben.

BOREK: Dabei setzen wir auf eine offene Lernumgebung und eine kreative Herangehensweise an Probleme. Wir ermutigen Kinder, Neues auszuprobieren, den Dingen auf den Grund zu gehen und aktiv nach Lösungen zu suchen. Neben technischen Fertigkeiten vermitteln wir auf diese Weise wichtige Metakompetenzen wie eine gesunde Fehlerkultur, Problemlösekompetenz, Experimentierfreude, Frustrationstoleranz, Teamarbeit sowie strukturiertes Denken und eine präzise Kommunikation.

TREIBSTOFF: Wie kann man sich einen Nachmittag bei Ihnen konkret vorstellen?

PAUSDER: Am Beispiel unserer Creative-Coding-Workshops lässt sich das schön aufzeigen. Hier lernen die Kinder Scratch kennen, eine visuelle Programmiersprache. Mit Scratch können sie Objekte und Figuren kreieren, sie auf der sogenannten Scratch-Bühne laufen, springen oder fliegen lassen. Der Workshop beginnt aber ganz analog mit unserem Spiel „Programmier-den-Trainer“. Hier lotsen die Kinder ihren Kurs-Trainer zu einem bestimmten Ziel im Raum, einem roten Schaumstoff-Würfel zum Beispiel. Beim ersten Versuch läuft der Trainer meistens gegen die Wand. Und die Kinder merken: Ah, wir müssen genauere Anweisungen geben. Diese Erkenntnis können sie dann direkt mit Scratch umsetzen. Die Aufgabe lautet entsprechend „Bewege deine Figur langsam von einem Punkt zum anderen“. Auch das klappt nur mit präzisen Befehlen, die der Computer versteht.

TREIBSTOFF: Nicht nur anwenden, sondern auch gestalten und selbst entwickeln ist eines der Ziele der Digitalwerkstatt: Was konkret verstehen Sie darunter?

BOREK: „Digital“ ist mehr als im Internet surfen, YouTube-Videos gucken oder den Instagram-Filter einstellen. In der Digitalwerkstatt lernen Kinder deshalb, Computer und Tablets auch kreativ zu nutzen. Sie drehen beispielsweise ihre eigenen Stop-Motion-Filme. Dazu denken sie sich eine Geschichte aus, die sie dann in einer selbst gebauten Kulisse aus Pappe und mit Lego-Figuren in Szene setzen. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. In mehr als 500 Einzelbildern nehmen die Kinder ihre Geschichte dann auf, wie bei einem Daumenkino entsteht so ein Film.

PAUSDER: Die Kinder sind zu Recht immer sehr stolz auf ihre Filme und die Eltern beeindruckt. Das ist ein ganz wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang: Wenn wir unsere Kinder zu kompetenten Gestaltern der Welt machen wollen, müssen wir ihnen erlauben, stolz zu sein auf die Leistungen, die sie mit Tablet, Smartphone oder Computer erbringen. Denn erst wenn wir digitale Geräte als Kreativwerkzeuge wahrnehmen, entstehen auch alternative Möglichkeiten der Nutzung und neue Ideen.

TREIBSTOFF: Kinder bewegen sich heute ganz selbstverständlich in der digitalen Welt. Wie würden Sie einen „guten“ Umgang mit digitalen Medien beschreiben?

PAUSDER: Ich unterscheide hier zwischen dem Konsumieren von Medien und dem Gestalten mit Medien. Wenn Kinder das Tablet als Kreativwerkzeug nutzen, plädiere ich für ein konstruktives und vertrauensvolles Miteinander. Wenn es dagegen um Medienkonsum geht, brauchen Kinder Regeln wie im Straßenverkehr. Denn es ist illusorisch zu glauben, dass Kinder im Umgang mit Smartphones und Tablets selbst das richtige Maß finden. Im Straßenverkehr verhandeln wir auch nicht mit unseren Kindern darüber, ob sie an der Straße stehen bleiben oder nicht. Sie bleiben stehen. Einen „guten“ Umgang mit digitalen Medien können wir erreichen, indem wir auch hier unsere erzieherischen Maßstäbe und Wertegerüste anlegen. Wir müssen ja nicht alles über Bord werfen, nur weil die Digitalisierung angefangen hat.

TREIBSTOFF: Welche Schlüsselkompetenzen – ob digital oder analog – brauchen Kinder, um in der Zukunft fit für die Arbeitswelt zu sein? Wo sehen Sie die größten Unterschiede zur Generation der heutigen Young Professionals? Geschweige denn zur Generation X?

Antonia Borek Leiterin HABA Digitalwerkstatt fuer Kinder, im Interview mit TREIBSTOFF, dem Blog von news aktuell

Antonia Borek, Geschäftsleiterin der HABA Digitalwerkstatt für Kinder.

BOREK: In einer zunehmend automatisierten Welt, in der Haushaltsmaschinen miteinander kommunizieren, Autos eigenständig fahren und eintönige Jobs von Robotern erledigt werden, brauchen wir Arbeitnehmer, die als flexible, kreative und visionäre Problemlöser agieren und sich dem lebensverändernden Potenzial von Technologie bewusst sind. Ideenreichtum, Vorstellungskraft und Empathie werden von zentraler Bedeutung sein, genauso Neugier, Lernbereitschaft und ganzheitliches Denken. Die Generation der Young Professionals ist noch dabei, ein neues Selbstverständnis im Umgang mit technischen Inhalten und Anwendungen zu entwickeln und die Spielregeln des Arbeitens auf dem Weg von der Industrie- zur Wissensgesellschaft umzuschreiben, Stichwort „New Work“. Den größten Unterschied zur Arbeitswelt der Generation X sehe ich darin, dass wirtschaftliches Wachstum und Ökonomie zukünftig in erster Linie auf Wissen und Kreativität basieren werden.

TREIBSTOFF: Verena, welchen Antrieb hatten Sie, die Digitalwerkstatt zu gründen?

PAUSDER: Mit Fox & Sheep entwickeln wir seit 2012 Apps, die Kinder im Vorschulalter behutsam an die digitale Welt heranführen. Sobald Kinder aber in das Alter kommen, in dem sie die Geräte eigenständig bedienen, reichen gute Inhalte nicht mehr aus. Ziel muss sein, unsere Kinder zu befähigen, sich selbstständig in der digitalen Welt zurechtzufinden. Mit den Digitalwerkstätten haben wir einen geschützten Raum geschaffen, in dem Kinder altersgerecht angesprochen werden und in einer sicheren Umgebung mit digitalen Werkzeugen experimentieren und kreativ sein dürfen. So etwas gab es bis dato noch nicht. Und dass wir mittlerweile deutschlandweit vertreten sind und regelmäßig Menschen auf uns zukommen, die das Konzept in weitere Städte und ländliche Regionen tragen möchten, zeigt, dass es an der Stelle einen riesigen Bedarf gab und weiterhin gibt. Und deshalb ist unser nächstes großes Projekt auch der Digitalwerkstatt-Bus, der – mit Trainern, Geräten und Inhalten ausgestattet – auf die Schulhöfe fährt und dort zeigt, wie digitale Bildung funktionieren kann.

TREIBSTOFF: Verena, Sie sagen, Ihr größter Wunsch in den nächsten zwei Jahren ist, dass Kinder in ganz Deutschland chancengleich Zugang zu digitaler Bildung erhalten. Was muss dafür konkret passieren? Wo hapert es noch besonders?

PAUSDER: Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland weniger über die Gefahren und Risiken und mehr über die Chancen der Digitalisierung diskutieren. Wir haben hier keinen anderen Rohstoff als Bildung. Deshalb sollten wir den Anspruch haben, schnell und unbürokratisch geeignete Ausbildungskonzepte zu entwickeln und in die Schulen zu bringen. Denn die Schule ist der einzige Ort, an dem wir alle Kinder erreichen können. Ich setze große Hoffnungen in unsere neue Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär. Sie hat dieses Mentalitätsproblem benannt und sich für das Programmieren als Pflichtfach schon in der Grundschule ausgesprochen.

BOREK: In unseren Digitalwerkstätten leisten wir einen Beitrag, indem wir immer wieder kostenfreie Kurse und Workshops für sozial benachteiligte Kinder und Klassen an Brennpunktschulen anbieten. Mit einem Städtepass, dem berlinpass, dem München-Pass oder dem Hamburger Bildungspaket, bekommen Kinder außerdem 75 Prozent Ermäßigung auf die Teilnahmegebühren. Um diese und weitere Angebote finanzieren zu können, haben wir den Verein Digitale Bildung für Alle e.V. gegründet, der Projekte im digitalen Bildungsbereich fördert.

Das Interview erschien ursprünglich in unserer aktuellen TREIBSTOFF-Ausgabe. Hier gehts zum Download.

Treibstoff-Ausgabe 13 - Titelblatt-

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