NGOs weisen auf Missstände in unserer Gesellschaft hin. So etwa Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.. Seit über zwanzig Jahren kümmert sich der Verein um die medizinische Versorgung von armen und obdachlosen Menschen. Gründer Gerhard Trabert sucht mit dem Arztmobil mehrmals wöchentlich bedürftige Menschen an öffentlichen Plätzen auf und behandelt sie in seinem fahrbaren Sprechzimmer. Der Sozialmediziner möchte die Öffentlichkeit für die Not der Menschen sensibilisieren und dokumentiert daher die Arbeit des Vereins mit Fotos. Eines der Bilder hat es auf die Shortlist des diesjährigen PR-Bild Award geschafft. Doch Bild-PR bei NGOs ist oftmals eine Gratwanderung. In TREIBSTOFF erzählt er, warum und was NGOs unbedingt bei ihrer visuellen Kommunikation vermeiden sollten.

 

TREIBSTOFF: Wann und wie ist das Foto entstanden? Wer ist darauf zu sehen?

Prof. Gerhard Trabert

Der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert hat 1997 den Verein Armut und Gesundheit in Deutschland  gegründet. Seit über 20 Jahren behandelt er arme und wohnungslose Menschen. Foto: Andreas Reeg

TRABERT: Das Foto ist während unserer ambulanten medizinischen Sprechstunde entstanden. Wir fahren regelmäßig mit unserem Arztmobil, einem fahrbaren Sprechzimmer, durch die Straßen von Mainz und schauen nach wohnungslosen, auf der Straße lebenden Menschen. Auf dem Bild sind einer unserer Patienten und ich als behandelnder Arzt zu sehen.

TREIBSTOFF: Welche Geschichte erzählt das Bild?

TRABERT: Unser Patient, Herr D., ist seit 30 Jahren auf der Straße. Er musste vieles in seinem Leben erleiden und erleben. Irgendwann hat er sich dann auf die Straße „zurückgezogen“, sich von einem bürgerlichen Leben verabschiedet. Unter anderem auch deshalb, weil er mehrere geliebte Menschen verloren hat, die verstorben sind. Diese Schicksalsschläge haben ihn quasi entwurzelt und zutiefst getroffen. Dies kommt häufig bei wohnungslosen Menschen vor. Wenn kein soziales Umfeld, das unterstützend und helfend agiert, vorhanden ist, geraten viele betroffene Menschen ins gesellschaftliche Abseits und geben sich damit auch ein Stück weit selbst auf.

TREIBSTOFF: Was waren die besonderen Herausforderungen bei der Produktion des Bildes?

TRABERT: Das Bild zeigt eine intime zwischenmenschliche Situation zwischen Patient und Arzt im öffentlichen Raum. Um ein solches Foto authentisch machen zu können, braucht der Patient und auch der Arzt Vertrauen in den Fotografen. Gerade um nicht voyeuristisch sondern authentisch die Situation abbilden zu können. Da unser Fotograf Andreas Reeg durch die jahrelange, kontinuierliche Begleitung selbst einen persönlichen Bezug zu vielen von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen und auch zu mir als behandelnden Arzt aufgebaut hatte, war dieses intime, authentische Bild möglich.

TREIBSTOFF: Menschen am Rande der Gesellschaft einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen, ist bestimmt eine Gratwanderung. Wie schafft man es, die Betroffenen nicht zu entwürdigen, aber gleichzeitig die Brisanz ihrer Situation zu verdeutlichen?

TRABERT: Wir tun uns schwer, Bilder, auf denen wohnungslose Menschen zu sehen sind, in der Öffentlichkeit zu präsentieren. In diesem Fall war der Patient damit einverstanden und empfand diese Form der Präsenz als eine persönliche Wertschätzung. Es war daraufhin auch möglich, Herrn D. von der Straße in eine kleine Krankenwohnung zu „überführen“, in der er zurzeit noch lebt. Wäre er weiterhin auf der Straße geblieben, wäre er wahrscheinlich schon verstorben. Die Präsentation dieses Fotos dient der Sensibilisierung und Bewusstmachung der Bevölkerung für die Lebenssituation wohnungsloser und ausgegrenzter Menschen.

PR-Bilder von #NGOs müssen primär und zentral den betroffenen Menschen zu Gute kommen. Klick um zu Tweeten

TREIBSTOFF: Was sollten NGOs bei Bild-PR unbedingt vermeiden?

TRABERT: Veröffentlichungen sollten nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch die Abgebildeten erfolgen. Kein Voyeurismus sondern authentische, empathische und respektvolle sowie würdevolle Darstellung der Situation der abgebildeten Menschen. NGOs müssen immer reflektieren, wem das Bild nützt. Eine Veröffentlichung muss primär und zentral den betroffenen Menschen zu Gute kommen. Dies ist ein ständiger reflektierender und selbstkritischer Entscheidungsprozess.

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