„Bloß nichts falsch machen!“ Angst im Job hat viele Gesichter. Angst vor Versagen, Angst vor Verantwortung, Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Angst kann blockieren oder ungeahnte Kräfte freisetzen. Sie gehört zum Leben, wie alle Emotionen, auch wenn wir sie in unserer Arbeitswelt ausblenden. Dabei ist Angst ein sinnvoller Begleiter. Wie können wir klüger mit ihr umgehen?

Schon mal etwas vom Yerkes-Dodson-Gesetz gehört? „Wenn Menschen zu viel Angst haben, erbringen sie schlechte Leistungen, wenn sie gar keine Angst haben aber auch. Nur bei einem mittleren Angstlevel bringen sie die besten Leistungen“, erklärt der renommierte Angstforscher Borwin Bandelow die These der Psychologen Robert Yerkes und John Dillingham Dodson. Angst im Übermaß lähmt. Ohne jegliche Anspannung läuft man aber auch nicht zu Höchstformen auf. „Ein bisschen Angst fördert die Performance. Im Job sind vor allem Menschen erfolgreich, die immer etwas Angst haben“, so Bandelow.

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Angst per se ist also nicht schlecht. Im Gegenteil: Ohne Angst wäre der Mensch bereits ausgestorben. In vielen Situationen ist sie überlebenswichtig. Ähnlich wie Stress schützt uns Angst vor Gefahren. Denn Angst versetzt unseren Körper in Alarmbereitschaft, damit wir jederzeit flüchten oder kämpfen können. Das Gehirn sorgt dafür, dass Blut in die Beine oder in die Arme gepumpt wird. Angst setzt blitzschnell Energie in uns frei. Symptome wie Herzrasen, Schwindel, Zittern oder Schwitzen sind dabei sogar erwünscht – solange sie nicht in Übermaßen auftreten.

Im Büro laufen wir nicht Gefahr, von einem Auto überfahren oder einem Löwen aufgefressen zu werden. Welche Formen nimmt Angst in der heutigen Arbeitswelt an? Meistens geht es dabei um Versagen oder Verlust. Etwa die Angst, den Job zu verlieren. Oder die Präsentation vor der Geschäftsführung zu vermasseln. Angst vor Misserfolg trifft paradoxerweise oft diejenigen, die am besten performen. Gerade Perfektionisten wollen es allen (und am meisten sich selbst) 100 Prozent Recht machen.

Borwin Bandelow ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist Autor mehrerer Beststeller zum Thema Angsterkrankung.

Fehlerkultur praktizieren inzwischen viele Unternehmen. Dennoch: Die Angst, etwas falsch zu machen, ist weiterhin verbreitet. Für Fehler kritisiert oder gar von Kollegen oder Chefs abgelehnt zu werden ist ein weiterer Grund für Angst im Job. Die Digitalisierung führt schließlich dazu, dass immer mehr Menschen sich vor einer Überforderung fürchten, sei es, weil ihre Arbeit immer mehr wird, oder weil sie sich permanent an neue Prozesse und Technologien anpassen müssen.

Von Existenzangst bis hin zu Lampenfieber: Angst hat verschiedene Qualitäten. Sie sollte aber immer ernst genommen werden. Ein Verdrängen verschlimmert die Situation nur. Denn Ängste wachsen, je mehr man ihre Auslöser meidet. Borwin Bandelow empfiehlt daher, sich unbedingt mit der auslösenden Situation zu konfrontieren: „Wer Mut hat, sich neuen Aufgaben stellt – etwa eine Weiterbildung, um neue Techniken zu lernen – kommt vorwärts. Menschen, die das immer aufschieben, vergrößern nach und nach ihre Angst. Soweit, dass sie oft unrealistische Ängste vor Neuerungen entwickeln.“ Prokrastination (Aufschieben) sei ein großes Problem in vielen Firmen, so Bandelow weiter.

Für Fehler kritisiert werden ist ein Grund für Angst im Job. Klick um zu Tweeten

Jede Konfrontation beginnt im Kopf. Wenn wir unsere Angst vor einem schlechten Vortrag oder der anstehenden Umstrukturierung überwinden möchten, müssen wir an unserer inneren Einstellung arbeiten. Uns bewusst machen, dass Angst nur durch unsere Gedanken entsteht. Vielleicht gibt es tatsächlich eine reale Gefahr. Doch sich zukünftige Schreckensszenarien auszumalen bringt gar nichts. Vielmehr sollten wir die Gründe für unsere Angst erforschen und uns fragen, vor was genau wir Angst haben: Warum löst diese Situation bei mir Stress aus? Ist das Szenario wirklich realistisch? Was wäre der Worst Case und wäre das wirklich so schlimm? Wer sich die letzte Frage stellt, wird herausfinden, dass wohl in den wenigsten Fällen Leben und Existenz bedroht sind.

Bei Versagensängsten hilft eine gute Vorbereitung auf die Situation, vor der man sich fürchtet. Ob Präsentation, Mitarbeitergespräch oder Gehaltsverhandlung: Setzt man sich vorher gedanklich mit der Situation auseinander, überlegt sich seine Argumentationslinie und spielt das Szenario detailliert – etwa mit dem Partner oder mit Freunden – durch, kann man viel Nervosität im Vorfeld abbauen.

Oft hilft auch, mit einer Vertrauensperson über seine Ängste zu reden – auch wenn Emotionen in der sachlichen Arbeitswelt wenig Platz haben. Insbesondere bei Männern gilt es als Zeichen von Schwäche, ihre Ängste zu offenbaren. Das war bereits in der Steinzeit so. Angstforscher Borwin Bandelow: „Mutige Männer, die genügend Mammutschnitzel nach Hause gebracht haben, fanden eher eine Partnerin, mit der sie sich fortpflanzen konnten. Daher steckt es noch heute in unseren Genen, dass Männer mutig sein müssen. Bei den Frauen hingegen konnten sich die ängstlichen Frauen besser fortpflanzen, da sie besser auf ihre Kinder aufgepasst haben. Die Kombination ‚mutiger Mann und vorsichtige Frau’ hatte die besten Überlebensvorteile.“

Damals wie heute tabuisieren wir also unsere Ängste. Doch gerade Unternehmen verschenken dadurch großes Potenzial. Introvertierte Mitarbeiter fürchten sich oft vor Verantwortung. Sie schöpfen ihre Möglichkeiten nicht aus, weil sie Angst vor Führungsaufgaben haben. „Menschen mit einer sozialen Phobie werden häufig im Beruf unterwertig beschäftigt, weil sie nicht laut ‚Hier!’ schreien, wenn es um eine Beförderung geht. Sie trauen sich nicht, andere Menschen anzuleiten, obwohl sie vielleicht die allerbesten Voraussetzungen hätten“, gibt Borwin Bandelow zu bedenken.

Die fortschreitende Digitalisierung verunsichert zudem viele Menschen. Daher wird es zukünftig immer wichtiger, eine Unternehmenskultur zu etablieren, die offen mit den individuellen Ängsten der Mitarbeiter umgeht und ihren Sorgen entgegenwirkt. Etwa, indem man konkrete Maßnahmen einführt, um introvertierte Kollegen zu integrieren. Der Browser-Anbieter Mozilla unterstützt seine eher schüchternen Mitarbeiter zum Beispiel bei der Vorbereitung von Präsentationen. Und setzt Moderatoren ein, die darauf achten, dass nicht immer dieselben Leute in einer Diskussion das Sagen haben. Denn je öfter die introvertierten Mitarbeiter die Möglichkeit zum Reden bekommen, desto mehr bauen sie ihre Ängste ab.

 

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Treibstoff 11

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Themen der Ausgabe 11/17:

  • „Angst im Job: Antrieb oder Blockade?“: Was wir über berufliche Ängste wissen müssen und wie wir mit ihnen umgehen können.
  • „Was sind die größten Ängste der PR-Profis?“: Ergebnisse des PR-Trendmonitors von news aktuell und Faktenkontor
  • „Blockchain? Eine Frage des Vertrauens“: Wie kann die neue Technologie die Kommunikationsbranche verändern? Ein Einordnungsversuch von Klaus-Peter Frahm, Leiter Business Development bei news aktuell.
  • „Alles auf Anfang: Reboot PR“: So lautet das Motto des zweiten PR-Hackathons von news aktuell. Wir fragen sechs #PRHack-Protagonisten nach ihrem wichtigsten beruflichen Neuanfang.
  • „Interviews richtig führen“: SAT.1-Moderator Matthias Killing über die wichtigsten Dos and Don’ts.
  • „Von Startups lernen: Schneller größer denken“: Der junge Messenger-Dienstleister Mesaic über die Fallstricke der Startup-Kommunikation.

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